Kultur

Gesehen: „Der Besuch der alten Dame“

Gesehen: „Der Besuch der alten Dame“

 

Milliarden, Menschliches und Allzumenschliches

 

DAS Theater an der Effingerstrasse
spielt nach 51 Jahren die Fassung, die Friedrich Dürrenmatt 1959 eigens für das „Atelier Theater“ geschrieben und inszeniert hat. Für dasselbe Haus an der Effingerstrasse 14 in Bern also.

 

 

Geldmacht, Gerechtigkeit und wir Menschen

„Der Besuch der alten Dame“ ist eines jener Stücke, die sich in Kultur und Gesellschaft festgesetzt haben. Könnte es schon etwas abgegriffen sein? Müssige Frage; natürlich ist es bei weitem nicht abgegriffen. Obschon es auch Abschlussklassen der Sekundarschule aufführen, obschon es auch für Laientheater bei guten Randbedingungen gut spielbar ist.

Einer der Gründe für die immer wieder aktuelle Wirkung des Stücks sind zwei Merkmale.

Als erstes ist die Thematik zeitlos und allgemeingültig. „Mit meinen Milliarden kaufe ich mir eine ganze Weltordnung!“, verkündet Claire Zachanassian. Welche Leute von heute würden dieses unverblümte Bekenntnis zur Geldmacht nicht mit mindestens einem heimlichen sarkastischen Kopfnicken kommentieren!

Zweites Merkmal sind der Stil, die dramatische Sprache und die Unbestechlichkeit des Autors Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) im Beobachten und Wiedergeben des Menschlichen, des Allzumenschlichen. Der Dichter schaut genau hin, was abläuft. Seine literarische und szenische Sprache schildert knapp und beinahe fatalistisch die Vorgänge in der Gesellschaft und in den einzelnen Menschen, ihre Demontage und ihr Versagen vor ethischen Herausforderungen.

1969 hat Friedrich Dürrenmatt seine vor dem Studium Generale der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz gehaltene Rede veröffentlicht: „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“; sein ureigenes Thema. Dreizehn Jahre früher hat er es mit „Der Besuch der alten Dame“ als Lehrstück auf der Bühne abgehandelt. In einer eigens für das damalige Ateliertheater Bern hergestellten Fassung – die kleinräumige Bühne als Herausforderung! – inszenierte er es 1959 mit Hilde Hildebrand und Raoul Alster in den Hauptrollen. Wer dabei war, hat das Stück, dessen szenische Umsetzung und die Wirkung einzelner Figuren und Szenen noch immer im Gedächtnis.

Das Bestürzende in liebenswürdiger, höflicher Gestalt

Zurück zu Gerechtigkeit und Recht. Auch im Programmheft von Simone Füredi wird dokumentiert, was es mit Gerechtigkeit, Recht, Strafe und Rache auf sich haben kann. Je nachdem, ob man die gedemütigte Klara Wäscher als Racheteufel oder als schwer innerlich verletzte und gedemütigte Frau sehen will, wird das Stück zu inszenieren, wird die alte Dame zu charakterisieren sein. Sucht Claire Zachanassian für das erlittene Unrecht Rache und Vergeltung? Dann muss man sie hässlich, perfid zeichnen und ihre Elfenbeinhand und die Beinprothese betont ausspielen. Sucht sie für die erlittene Demütigung und Verletzung späte Gerechtigkeit, ja vielleicht sogar Wiedergutmachung? Dann wird man sie, wenigstens vordergründig, weltmännisch, konziliant zeichnen.

Regisseur Stefan Meier wählt eher diese zweite Deutung für seine Inszenierung. Weltgewandt tritt Sonja Schwarz als lang erwarteter Gast des Städtchens aus dem unfahrplanmässig in Güllen haltenden Venedig-Stockholm-Expresszug. Höflich erduldet sie die verlogene Begrüssungsrede des Bürgermeisters (Robert Runer, der als Schrägbild eines Musterpolitikers prämiert werden könnte) und alle weiteren Gunstbezeugungen der Honoratioren des elendiglich verarmten Städtchens. Die Ideale der Bewohner, deren Pläne und Projekte haben längst der Resignation Platz gemacht. Was noch bleibt, ist billiger Fusel und schlechter Tabak. Lediglich der Lehrer, der sich selbst für einen Humanisten hält und antike Klassiker zitiert, hält mit eifriger Verkrampftheit die Menschlichkeit hoch, leider nicht bis ganz zuletzt. Peter Bamler bringt die Gedankenblässe dieses scheiternden Eiferers gut zur Geltung. Ebenso schiefwinklig wirken die vom hilflosen Pfarrer letztlich kaum glaubwürdig hoch gehaltenen Traditionen des Christlichen Abendlands. Helge Herwerth mimt ihn treffsicher.

Hilflos, verarmt, sozial herabgemindert, gepfändet – Güllen und seine Bewohner sind am Ende. Doch vielleicht kommt ja Rettung aus der Hand der multimillardenreichen ehemaligen Mitbürgerin?

Trotz aller Konzilianz und Höflichkeit, trotz ihres täuschenden Charmes klärt die alte Dame sofort alle Illusionen und Spekulationen. Sie schenkt eine Milliarde. Späte Wiedergutmachung, rückwirkende Gerechtigkeit heisst für sie jedoch nur, dass jemand den Alfred Ill töte. Das ist ihre einzige Bedingung. Entrüstet wird sie natürlich sofort abgelehnt.

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Werner Wenger, Sonja Schwarz, Hans-Joachim Frick (v.lk.) Bild © Severin Nowacki

Ungeheuerlich, diese gemauerte Grenze, diese absolute Unerbittlichkeit, die sich Claire Zachanassian im Verlauf ihres Lebens zielbewusst aufgebaut hat. Die stets im Hintergrund gegenwärtige ultimative Forderung schafft im Kontrast zur liebenswürdigen Höflichkeit, mit welcher Claire Zachanassian mit sich reden lässt, die fatale Grundstimmung. Figuren wie der Butler (Werner Wenger), Koby (Roland Morgenegg/Hans Peter Fuhrimann) und Loby (Balint Gergey) illustrieren die Unabänderlichkeit ihres Entschlusses. Da hätte ich mir mehr sprecherische Monotonie und gestische Verfremdung denken können, diese drei Figuren wirken in ihrer dramaturgischen Funktion als Verkörperung des von der gedemütigten Klara Wäscher lebenslang verfolgten Gerechtigkeitsplans eher noch zu real.

Demontage

Eindrücklich, wie im ersten Teil (bis vor der Pause) Alfred Ill demontiert wird. Von der doch ein wenig unsicheren, aber im Grunde gutmütigen Krämerseele, vom rechtschaffenen Bürger und Bürgermeister in spe, der sich seines Verrats an der Jugendgeliebten kaum noch zu erinnern scheint, wird er zum Schuft demontiert. Zuerst ganz unmerklich: „Schreib es auf!“ Allerdings Cognac, Pralinen und Zigarren, nicht mehr billiger Tabak und schlechter Fusel… Vergeblich sucht er bei allen Rat. Verzweifelt bäumt er sich gegen seine schreckliche Ahnung auf.

Im zweiten Teil wird Alfred Ill ein anderer. Er scheint sich seiner Verantwortung zu stellen, seine Schuld zu akzeptieren. Ruhig und gefasst wirkt er bis zu seinem Ende. Es kommt zu einem letzten persönlichen Gespräch noch mit Claire, welche ihm von hinten die Hände auf den Kopf legt, ohne ihn dabei (im Gegensatz zum Bild im Programmheft) wirklich zu berühren. Eines der Zeichen dafür, wie die Inszenierung mit Dürrenmatts Gestalten und ihrem Verhalten umgeht, das im Grunde genommen ein allzu menschliches, tragisches ist. Wer der Versuchung und der Massenansteckung widerstehen könnte! Die Güllener können’s nicht. Den Wandel vom biederen Bürger über den verzweifelt mit seinen Ahnungen Kämpfenden bis zum am Eingestehen seiner Schuld Gereiften stellt Hans-Joachim Frick eindringlich, differenziert und mit starker Ausdrucksfähigkeit dar.

Im zweiten Teil werden sie, die Güllener, demontiert. Der moralische Zerfall einer Gesellschaft wird gezeigt. Hilflosigkeit, Gier, Selbstgerechtigkeit und zuletzt Gewissenlosigkeit zerstören alle Bedenken. Erst beim Betrachten des erhaltenen Milliardenschecks wird in den letzten Sekunden doch wieder Betroffenheit wach.

Musik als Mitspieler

Ein spannendes Merkmal dieser Inszenierung ist die Zwischenmusik. Ist es eine Probe der jämmerlichen Stadtmusik Güllens, die da jeweils eingespielt wird? Sind die teils schrillen, teils genüsslich falsch geblasenen Töne die Klangillustration des Geschehens auf der Bühne? Diese musikalischen Überleitungen gehören, wie der Repriseclown im Circus, zur Untermalung des unaufhaltsam fortschreitenden erst materiellen, dann moralischen Zerfalls von Güllen und seinen Bewohnern.

Wie fast immer an der Effingerstrasse: Spartanisch einfache Bühne

Einfach heisst nicht einfallslos. Aber Peter Aeschbachers Bühnenbilder haben es in sich, dass sie auch, wie bei dieser Gelegenheit, ein Abstrahieren von der sinnhaften Wirklichkeit erlauben und damit eine Konzentration auf die wesentlichen Vorgänge des Spiels. Und dass wesentliche Auftritte und Abgänge über die Versenkung laufen, sofern sie Requisiten benötigen, ist ein überzeugendes Konzept. Man schmunzelt, wenn Claire Zachanassian bei ihrem Besuch nicht wie seinerzeit bei Dürrenmatt aus der Unterführung auftritt; geschickt ist eine Parallelanspielung vermieden worden. Die Kostüme von Sybille Welti und Sarah Bachmann sind vorwiegend Grau in Grau stimmig, allerdings mit bedeutsamen wie wirkungsvollen Akzenten.

Alles in allem…

…eine stimmige und eindringlich wirkende, jedoch keine giftige, böse Aufführung von Dürrenmatts hintergründigem Klassiker.

 

 

Theaterzettel:

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„Der Besuch der alten Dame“

Von Friedrich Dürrenmatt

Fassung für das «Atelier Theater» von 1959

Inszenierung: Stefan Meier
Assistenz: Ivana Bach
Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Bühnenbau: Röné Hoffmann
Kostüme: Sybille Welti/Sarah Bachmann
Technik: Yeliz Kartal
Fotos: Severin Nowacki

 

 

 

Mit
Claire Zachanassian:Sonja Schwarz
Alfred Ill: Hans-Joachim Frick
und
Peter Bamler, , Hans-Peter Fuhrimann, Balint Gergey, Gerhard A. Goebel, Wolfram Grüsser, Helge Herwerth, Martin Klaus, Christoph Künzler, Roland Morgenegg, Giulietta Susanne Odermatt, Robert Runer, Werner Wenger

 

 

Aufführungsdaten:


Premiere Donnerstag, 7. Oktober um 20 Uhr
8.10. bis 9.10. Fr bis Sa jeweils 20 Uhr
11.10. bis 16.10. Mo bis Sa jeweils 20 Uhr
17.10. So um 17 Uhr
19.10. bis 23.10. Di bis Sa jeweils 20 Uhr
25.10. bis 30.10. Mo bis Sa jeweils 20 Uhr
31.10. So um 17 Uhr
2.11. bis 6.11. Di bis Sa jeweils 20 Uhr
8.11. bis 10.11. Mo bis Mi jeweils 20 Uhr
 

http://www.dastheater-effingerstr.ch

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_D%C3%BCrrenmatt

Kommentare

Bild des Benutzers Hannes Kohler

Die Alte Dame...

'Der Besuch der alten Dame' ist eines meiner LieblingsTheaterstücke, schon viele Jahre lang !

  • Eine wunderbare berndeutsche Dialetfassung der 'Langnauer Liebhaberbühne' (?) war vor langen Jahren im SFDRS zu sehen. Genial, weil Dialekt so ausgezeichnet zum Stück und zum Ort 'Güllen' passt..
  • Eine Version kenne ich aus dem Zürcher Schauspielhaus.
  • Als Oper, vertont vom österreichischen Komponisten Gottfried Von Einem, habe ich das Stück vor ca. 30 Jahren im Opernhaus Zürich gesehen.
  • Eine deutsche Fernsehfassung, mit Anneliese Hörbiger (?) in der Hauptrolle, ist vor ca. 4 Jahren ausgestrahlt worden.  Diese 'moderne' Regie hat mir nicht gefallen, sie war zu stark gekürzt, die feine pointierte Sprache von F. Dürrenmatt hat fast ganz gefehlt und Claire Zachanassian  ist mit dem Helikopter in Güllen gelandet ......

Es ist jedesmal wieder spannend und ein Genuss !