Leben

Angst um Stammtisch-Akzeptanz

Ich bin Ausländer - will heissen, dass ich an meinem Wohnort weder geboren, noch aufgewachsen oder in die Schule gegangen bin. Ich meide das Kneipenleben, weil ich allein am Tisch sitze, während um mich herum das Leben qualmend und geschwätzig, fröhlich und ausgelassen... mich ausgrenzt, ja mich geradewegs unsichtbar macht... Da kann ich mich auch gleich wieder in meine 4 Wände zurückziehen. Die sind wenigstens geschmückt mit den Bildern und Erinnerungen all meiner Lieben, die mich zwischenzeitlich verlassen haben...


Nein, ich spreche nicht über mich. Doch ginge es mir ähnlich, wäre ich nicht der geborene Lebenskünstler der ich nun mal bin. Ein Burnout und zwei Tinitusse (Plural unbekannt) tragen mit dazu bei, dass mehr als 3 Stimmen im Raum von meinem noch funktionierenden Gehörgang links bereits als Störgerausch wahrgenommen werden. Und so bleibt mir der Kneipenbesuch oder auch die Einladung zu Aperos versagt, weil ich eben nur mit grosser Anstrengung den Gesprächen am Tisch folgen kann.

Dabei gibt es kaum einen Ort an dem man sich besser aufgenommen fühlen könnte, als die Kneipe von nebenan, wo einem die warmen Worte entgegen kommen: "Hallo David, schön dass Du mal wieder vorbeischaust... ein "Bügelspez" wie immer, mit oder ohne Glas?" Hier fühlt man sich wiedererkannt, eingebunden ins heimische Leben... wenn es da nicht so viele Hindernisse gäbe...

Gestern, Samstag, war mal wieder so ein Tag. Ich komme gerade vom Zug - hatte mir im Seedammcenter in Pfäffikon einen Tag unter Menschen beschert und ein paar Einkäufe getätigt...  Es ist so um die 3 Uhr am Nachmittag, die Sonne scheint warm herunter und irgendwie habe ich noch keine Lust, nach Hause zu gehen.

Mit zwei grossen Manor-Einkaufstaschen bestückt betrete ich mein "Stammlokal" ganz in der Nähe vom Bahnhof - mit der mich mein Leben lang begleitenden Schwellenangst: man macht die Kneipentür auf und alle in der Kneipe schauen dich abschätzend an. Ich hasse diesen Augenblick... Eben weil ich hier nicht geboren, nicht aufgewachsen, nicht zur Schule gegangen bin, nicht die Namen der anwesenden Eingeborenen kenne oder bereits wieder vergessen habe.

Ich habe u.a. hier in diesem traditionsreichen Lokal 2008 einen Werbefilm für die örtliche Familienbrauerei Adler gedreht, was bedeutet, dass mich die Wirtsleute kennen. Er (der Wirt) ist - wie ich - mit "Migrations-Hintergrund" behaftet. So gibt es kleine Gemeinsamkeiten, denn auch ich kann - dank meines Arbeitsaufenthaltes in Istanbul in den 60er Jahren - noch ein paar Worte türkisch sprechen. Das verbindet.

Aus dem Raum kommt mir gewaltiger Dampf entgegen. Ich bin Nichtraucher, komme aus der klaren kühlen lichtdurchfluteten Herbstluft und stehe vor einer gewaltigen persönlichen Herausforderung. Gehöre ich hierher? Muss ich mir das jetzt antun? Was soll ich hier? Mein leerer Magen antwortet den heiklen Fragestellungen meines von Zweifeln geplagten Hirns: "He, ich habe Kohldampf auf die leckeren Pommes hier. Komm überwinde Dich. Nur noch 7 Schritte bis zum Stammtisch, sei mutig...!"

"Der Stammtisch ist eng bevölkert, da habe ich gottseidank keinen Platz mehr..." erwidert frohlockend mein Hirn und ist auf der Suche nach Platzalternativen. Doch da geschieht es... Das Wunder vom 13. November 2010. Alle am Stammtisch rücken zusammen und die Wirtin holt einen Stuhl... Und ich bin einer von ihnen. Ist das nicht eine Kurzgeschichte wert?

Kommentare

Bild des Benutzers Alfons Bühlmann

So ist es!

Da kann ich nur sagen: Ja, so ist es! So läuft das! So fühlt man man sich! - Wahrlich eine Kurzgeschichte wert! Danke!