Leben

Verallgemeiner und Pauschalisierer

Natürlich muss man verallgemeinern: Bäume sind Bäume und Wald ist Wald, Kühe machen Mühe und Schweizer sind ordentlich, aber fantasielos, zuverlässig, aber auch langweilig. Nein, im Ernst: Verallgemeinerungen müssen sein, damit man nicht im Chaos versinkt, rein gedanklich, und, sprichwörtlich, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Verallgemeinerungen sind also nicht schlimm, sie sind gewissermassen ein Arbeitsinstrument unseres Geistes. Schlimm sind hingegen die systematischen Verallgemeinerer, die so an ihre Verallgemeinerungen glauben wie die christlichen Fundamentalisten wortwörtlich an die Bibel, die also den Werkzeugcharakter von Verallgemeinerungen entweder aus dem Blick verloren haben oder gar nie im Blick hatten. Verallgemeinerungen sind die nahen Verwandten der Vorurteile und beide sind Nachkommen von Denkfaulheit oder mangelnder geistiger Redlichkeit. So werden denn plötzlich „die Albaner“ zu Kriminellen und „die Jugendlichen“ zu Kampftrinkern und „die Banker“ zu kapitalistischen Heuschrecken und die Männer kommen vom Mars und die Frauen von der Venus und die Schwulen haben eine Föhnfrisur und einen ausgestellten kleinen Finger… Nur ja nicht differenzieren, heisst denn auch die Devise in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien; differenzierte Urteile sind unpopulär und anstrengend und dürfen den Menschen nicht zugemutet werden. Tatsächlich nicht?

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter

Verall-Gemeinheiten gibt es immer. Die Zürcher haben eine grosse Schnorre und die Basler eine freche. Tatsächlich haben die Zürcher eine Enge und die Basler eine Breite. Und die Männer haben das Gehirn hauptsächlich zwischen den Beinen und die Frauen - die Frauen -

Lassen wir das. Natürlich kommt man im Lauf seines Lebens zu verschiedenen Halb- bis Ganzwahrheiten, wie etwa der, dass blonde Frauen nicht gerade blenden und dass die Franzosen zwar eine Küche haben, die zum Weltkulturerbe gehört, aber leider eine, die uns Schweizern nicht passt. Wir lieben das Fleisch abgehangen, die Franzosen würden nie "Aas" essen. Wir kaufen Bio Fleisch, aber die Franzosen haben ihre Rinder bis zum Schlachten winters wie sommers auf der Weide, und dennoch ist das Enreecôte zäh. Denn neben der Tatsache, dass sie es zu wenig lagern, verstehen viele Metzger auch nicht, das Fleisch zu schneiden.

Aber manchmal sind solche Klischees doch sehr nützlich. Wenn ich in Paris ein Taxi besteige und behaupte, ich kenne den Weg zum Louvre, fährt mich der Taxifahrer auf dem schnellsten Weg - natürlich nicht in den Louvre, aber wenigstens zum Eiffelturm.

In der Antike hat ein Kreter einmal behauptet, alle Kreter lügen. Natürlich war das eine Verallgemeinerung (oder eben doch nicht?), aber wenn alle Kreter lügen, dann doch der, der das behauptet, auch, und sagt folglich nicht die Wahrheit.

Da wird es kompliziert.

Und dabei ist längst Feierabend. Gruss Bernhard