Leben

Das Private ist politisch

Der Spruch der heute viel geschmähten 68er ist eben doch wahr. Das Private ist politisch und das Politische privat – dies nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger postuliert, sondern als einfache pragmatische Erfahrungstatsache. Das Private im Kleinen wirkt auf das Politische im Grossen, unsere Handlungen können, sobald sie andere betreffen, gar nicht anders als eine letztlich politische Wirkung haben, im Guten wie im Schlechten. Anderseits wird auch die hohe Politik genau so wie unsere kleine Privatheit vom Menschlich-Allzumenschlichen geprägt, von Intrigen und Eitelkeiten, Machtbesessenheit und Gier, Pose und Rhetorik, gutem Willen und grossen Ankündigungen, Gestaltungswillen und Gestaltungsohnmacht, das Private ist politisch und das Politische das Drama des Alltäglichen. Und dieses ist gekennzeichnet durch die Widersprüchlichkeit, die grosse Konstante der menschlichen Existenz. So ist es durchaus möglich, das ein knallharter Neoliberaler «privat» eine selbstlose, altruistische Ader hat und der Wähler (oder Vertreter) einer fremdenfeindlichen Partei eine Frau aus Brasilien oder Thailand oder der Grüne einen verleugneten Offroader in der Garage oder einen heimlichen Heizpilz auf dem Balkon. Und neuerdings wird beides, das Politische wie das Private, immer mehr zum blossen Marketing: Die Parteien positionieren sich auf dem Markt der politischen Meinungen genauso wie der einzelne Mensch – als sogenannte «Ich-AG» – sich auf dem Beziehungs- und dem Arbeitsmarkt zu positionieren hat, wenn er nicht hoffnungslos ins Abseits geraten will.

Jedoch das letzte Hemd hat keine Taschen, die letzte Reise hat kein Ziel. Der letzte Zug hat keine Fenster. Er fährt nach Nirgendwo. Der zweiundachtzigjährige Tolstoi, der Dichter Leo Tolstoi starb einer Legende nach im Wartesaal des Bahnhof von Astapowo; das war vielleicht Zufall, aber ein stimmiger, denn so sieht es aus, als habe sich der russische Schriftsteller diesen Ort bewusst ausgesucht, gewissermassen als Ausgangspunkt für seine letzte Reise – auch wenn das ebenfalls wieder nur so eine Redensart ist und die letzte Reise vielleicht die erste richtig grosse Reise oder gar nichts von alledem ist. Was wissen wir denn schon?