Kunstmuseum Bern 1985, Ausstellung: Künstlerpaare - Künstlerfreunde
Diese denkwürdige Ausstellung der beiden Skulpuristen, die jedem, der sie besuchte, in bester Erinnerung bleiben musste, stand unter dem Patronat der Association Française d’ Action artistique und der Französischen Botschaft in Bern.
Als erste Veranstaltung einer Reihe „Künstlerpaare – Künstlerfreunde“ zeigte das Kunstmuseum Bern vom 16. März bis 19. Mai 1985 das erste Mal die beiden französischen Bildhauer Claudel, Schwester des Dichters Paul Claudel, und Rodin in einer repräsentativen Doppelausstellung.
Im Rückblick darauf drehte sich mein Interesse mehr noch als auf die ausgestellten Skulpturen und meine vorangegangenen Besuche des Rodin-Museums in Paris, um die Geschichte der zwischenmenschlichen Beziehung der beiden Künstler, vorab aber Camille Claudel. Denn kaum ein Jahr nach der imposanten Uebersicht über das Werk von Auguste Rodin (1840 bis 1917) in der Fondation Pierre Gianadda in Martigny lud das Kunstmuseum Bern unter dem obgenannten Titel zu einer intimeren und in der Auswahl anders konzipierten Ausstellung des grossen französischen Bildhauers ein; zu einer Schau, die Rodin und die damals wiederentdeckte, eigenständige Camille Claudel (1864 bis 1943) seine Schülerin, Mitarbeiterin, sein Modell, seine Geliebte und Muse, gemeinsam vorstellte. Absicht dieser Folge, so lautete die damaligen Information, war zu veranschaulichen, in welcher Art und Weise zwei Künstler, seien es Mann und Frau, zwei Freunde oder zwei Freundinnen, die während längerer Zeit menschlich tief miteinander verbunden waren, ihr künstlerisches Schaffen gegenseitig zu bereichern vermochten.
Wenn eine Frau sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entschloss, Künstlerin zu werden, so standen ihr weit mehr Vorurteile entgegen als dem Mann, dem die Eltern die mangelnde Existenzsicherheit und wenig soziales Prestige entgegenhielten. Die Vorurteile der Frau gegenüber betrafen dagegen ihr Geschlecht. Ihr Wunsch, sich nicht in die konventionelle Rolle als Ehefrau und Mutter zu schicken, sondern selbständig als Künstlerin einen eigenen Weg zu suchen, wurde gesellschaftlich geahndet als Mangel und Absonderheit ihrer Weiblichkeit.
Privatateliers, nach Geschlechtern getrennt, boten für Frauen in dieser Zeit die einzige Ausbildungsmöglichkeit, da ihnen die Akademien, die Ecoles des Beaux Arts, von Ausnahmen abgesehen, verschlossen waren. Aus sogenannten Sittlichkeitsgründen wurde es ihnen erschwert, oft sogar verunmöglicht, am Aktzeichnen teilzunehmen, während diese Frage für das weibliche Modell nie gestellt wurde. Frauen, die in dieser Zeit vermehrt zur künstlerischen Ausbildung drängten, wurden von ihren männlichen Kollegen aus verschiedenen, heute eher unverständlichen Gründen als Konkurrenz, ja sogar als Störung empfunden. Denn das Verhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht war in den Ateliers durch die Modelle bestimmt, „meistens aus niederen Schichten stammende, ungebildete Frauen, mit denen man sich auch sexuell einliess“, so lautete der Tenor. Von älteren, körperlich nicht mehr anziehenden Frauen sprach man mit Verachtung. Den Tätigkeitsbereich der Frau sahen Künstler dieser Zeit einzig in der Familie.
Auch die Begleitung der Verwandten, Anstandsdamen, Gouvernanten war für ein junges, bürgerliches Mädchen in der Oeffentlichkeit unabdingbar. 1882, nach einem erbittertem Kampf, konnte die 18-jährige Camille Claudel ihre Familie dazu bewegen, sich in Paris niederzulassen, damit sie sich überhaupt ausbilden lassen konnte. Denn sich allein in einer fremden Stadt zu bewegen, geschweige denn zu leben, hätte den bürgerlichen Konventionen absolut widersprochen. Sie mietete zusammen mit anderen Frauen ein Atelier, wo sie Alfred Boucher zweimal pro Woche besuchte, um die Arbeiten der Künstlerinnen zu begutachten. Rodin, der Boucher schon bald vertrat, erkannte Claudels grosse Begabung und nahm sie als Schülerin und Werkstattgehilfin in sein Atelier auf. Er hatte gerade „Die Höllenpforte“ (1882) begonnen, als Rodin die vierundzwanzig Jahre jüngere Camille Claudel kennenlernte, in den kommenden zehn Jahren blieb ihr Verhältnis so, dass ihre Beiträge bei manchen Werken kaum auseinanderzuhalten sind. 1888, als ihr Verhältnis mit Rodin offiziell bekannt wurde, musste Camille Claudel ihr Elternhaus verlassen, sie lebte von da an allein, von ihrer Familie mit Ausnahme ihres Vaters und ihres Bruders verachtet. Da Rodin sich aber nicht bedingungslos mit ihr zu verbinden mochte, löste sich Claudel 1895 von ihm.
Er beendete gerade den „Balzac“, sie schaffte einige ihrer selbständigsten Werke – wie „Die Welle“, „Die Schwätzerinnen“ – und erlebte eine kurze Phase positiv empfundener Unabhängigkeit, in der Werke – insgesamt aber nicht mehr als 70 Werke - eines ganz eigenen Stils entstanden. Dennoch fühlte sich Camille Claudel von Auguste Rodin verfolgt; die Enttäuschung war einfach zu gross, obwohl sie 1883 ihre erste Skulptur im Salon ausstellte und auch in den folgenden Jahren ihre Arbeiten zeigte (heute zu sehen im Musée Rodin in Paris), blieben Staatsaufträge bis auf wenige Ausnahmen aus, während Rodin berühmt wurde. Sie stand stets in seinem Schatten und infolge mangelnder Aufträge lebte sie sehr ärmlich, in totaler Zurückgezogenheit und wurde sie von ihrer eigenen Mutter und ihrem Bruder, als ihr Vater, ihre einzige Stütze innerhalb der Familie 1913 starb, in eine Irrenanstalt nach Südfrankreich gebracht. Man zögerte keinen Moment, die Tochter, mit Anzeichen von Paranoia, deren Leben für sie eine Schande bedeutete, internieren zu lassen. Dort verbrachte sie die letzten dreissig Jahre eines elenden Daseins. Die meisten Werke hatte sie zuvor selber zerstört und vernichtet. Rodin wurden inzwischen in Paris und Philadelphia eigene Museen erstellt…
Katalogbuch: Der zum ersten Mal im Kunstmuseum Bern zweisprachig (deutsch und französisch) erschienene Katalog wurde damals vom Office du Livre, Fribourg, in Buchform mitherausgegeben. In rund 120 Abbildungen und mit Textbeiträgen verschiedener Autoren, zum Teil von Camille Claudels und Auguste Rodins Zeitgenossen, wurde diese Zweierbeziehung, welche das Werk von beiden Künstlern nachhaltig bereicherte, dargestellt.
Wegweisende Literatur der Achtzigerjahre: Renate Berger: Malerinnen auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Köln 1982. Katalog Camille Claudel. Musée Rodin, Paris 1984.
Anne Delbée: Une Femme. Paris 1982. Reine-Marie Paris, Camille Claudel, Paris 1984.
1988 wurde Camille Claudels Leben unter dem Titel „Camille Claudel“ in Frankreich verfilmt.