Leben

Lob des Alterns

Lob des Alterns

Beim Spazieren kam mir der folgende Satz in den Sinn: «Ich bin das, wozu mich meine Erfahrungen gemacht haben. Aber weshalb habe ich gerade diese Erfahrungen gemacht?» Wenn ich beispielsweise 50 oder 100 Jahren früher geboren worden wäre, wäre mein Leben ganz anders  verlaufen, wäre «ich» – das genetische Material, das ich mitgebracht habe – ganz anders geworden. Die Geschichte meines Lebens ist nur insofern bedeutend und spannend, weil in ihr auf einzigartige Weise Umstände und Zufälle gebündelt sind, ein Zusammentreffen von Faktoren stattfindet, das sozusagen einmalig ist – einmalig, aber aus nahe liegenden Gründen auch wieder symptomatisch.

Was ist Wirklichkeit? Vielleicht ist eben doch alles nur ein Traum? Was bleibt von der Vergangenheit, von vergangenen Geschichten? Meine eigene Vergangenheit, meine eigene «Geschichte» kommt mir genau so irreal vor wie die Geschichte überhaupt. Was empfinde ich, wenn ich an die Zeiten von Breschnew oder Nixon denke? Ich sehe vor meinem geistigen Auge fast gespenstische Filmsequenzen in komischen Farben von Menschen mit seltsamen Frisuren und in seltsamen Kleidern. Mich streift genauso ein Gefühl der Irrealität, wie es mich früher, in der Erinnerung, als Kind oder junger Mann streifte, wenn ich an das Jahr 2011 dachte. Das war absolute Science Fiction für mich!

Ich konnte mir als Jugendlicher nie und nimmer vorstellen, auch nur 40 zu werden. Und jetzt befinde ich mich bereits in der zweiten Hälfte der Fünfziger (was möglichweise einige Leserinnen und Leser dieser Zeilen auch noch für jung halten – so ist eben alles relativ). Und das ging so schnell! Ist doch ungeheurlich. Philip Roth schreibt (in «Amerikanisches Idyll») nach einem Klassentreffen:

«Am erstaunlichsten ist, dass wir uns jetzt dem Alter nähern, in dem unsere Grosseltern waren, als wir am 1. Februar 1946 zum erstenmal unsere Klassenzimmer in dem Anbau betraten. Das Erstaunliche daran ist, dass wir, die wir keine Ahnung hatten, was aus alldem werden sollte, heute genau wissen, was daraus geworden ist. Dass die Noten für die Abschlussklasse vom Januar 1950 feststehen – dass die unbeantwortbaren Fragen beantwortet sind die Zukunft sich offenbart hat – ist das nicht erstaunlich?»

Und ich hätte nie gedacht, dass das Älterwerden auch dermassen viele amüsante Aspekte haben könnte. Tatsache! Je älter ich werde, desto mehr offenbaren mir die menschlichen Obliegenheiten ihre komischen Seiten. Klar, diese Angelegenheiten, Verhältnisse, Bewandtnisse und Beziehungen sind nicht nur lustig, es gibt weiss Gott und unbestritten auch die dämonische Dimension des Lebens, das ist ja das Verwirrende. Gerade das kann man als junger Mensch so wenig begreifen und so schlecht akzeptieren.

Als junger Mensch willst du Ordnung haben, willst dir ein ordentliches Weltbild schaffen, glaubst noch, dass das möglich ist, gibst dir Mühe, unterteilst in «gut» und «bös», bist guten Willens, wenn dabei auch manchmal übermütig, öfters betrübt, immer mal wieder zornig, ab und an depressiv, fast immer hoffnungslos verwirrt – aber irgendwann gibst du dieses Bemühen auf, erkennst, dass es völlig nutzlos ist, lässt die Widersprüchlichkeiten widersprüchlich sein und Gott einen lieben Mann und Fünfe gerade, erkennst, wie befreiend das Paradoxe ist. Brauchst alles nicht mehr so todernst zu nehmen, vor allem nicht dich selbst. Es gibt nichts Angenehmeres und Befreienderes, als über sich selbst zu lachen.

Das kannst du dir als junger Mensch noch nicht leisten. Da musst du erst noch etwas erreichen, was auch immer, ein Lebensziel und so, eine Karriere durchziehen, ein Künstler sein, reich sein, erfolgreich sein, schön sein. Irgendwann ist das gegessen. Ist die jugendliche Schönheit dahin, entfällt auch die Notwendigkeit, gefallen zu müssen. Irgendwann erkennst du, dass du es nie und nimmer schaffen wirst, alle Bücher zu lesen, alle Länder zu bereisen oder alle Herzen zu erobern und erst recht nicht alle Länder zu erobern und alle Herzen zu bereisen. Irgendwann wird dir bewusst, dass das letzte Hemd tatsächlich keine Taschen haben wird.

Gibst du dich mit dem zufrieden, was dir zu-fällt, fällt plötzlich eine Menge Stress von dir ab und deine Schultern werden leicht, wenn auch dein schwerer und runder gewordener Bauch zu verhindern weiss, dass du abhebst. Pflicht weicht immer mehr der Kür. Und, so paradox das klingt, der bedrohlich näher rückende Tod verleiht dem Leben eine besondere bittere Süsse. Gerade das Bewusstsein der Begrenztheit der Zeit, die man auf dieser Erde zur Verfügung hat, zwingt einen schon fast in die Gegenwart hinein, in ein Erleben des legendären Hier und Jetzt – ganz ohne Yoga oder bewusstseinerweiternde Drogen. Die relativierende Wirkung dieser zunehmenden Todesnachbarschaft schärft das Gefühl für den Lebensgenuss – und für die Absurdität des menschlichen Seins, oder vielleicht des Seins überhaupt.

Ich erkenne meine Grenzen, also bin ich. Wie soll ich irgendetwas begreifen, wirklich erkennen, verstehen – das Wesen der Zeit, das Leben, die Wirklichkeit, den Tod – und dann erst Gott! Religion, die vorgibt, Gott erklären zu können – ein lächerlicher Kinderversuch, fast schon eine Gottesbeleidigung.

Nichts wissen zu können – wenn es eine Altersmilde gibt, dann wohl am ehesten die Milde der Resignation, die in dieser Erkenntnis mitschwingt.

Kommentare

Bild des Benutzers iloma

Kurt Marti

 Das Interview mit Kurt Marti (Lyriker und Theologe) vom 28. März 2011 kann man im Internet nachlesen:

 Tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ich-bin-jetzt-eigentlich-faellig-/story/20804806

 

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

Bild des Benutzers ulla

Lob des Alterns

Der Schrifsteller und Theologe Kurt Marti, der kürzlich seinen 90 Geburtstag feiern konnte, meinte sinngemäss und voller Ironie: Er finde es etwas mühsam und bedauerlich, dass mit zunehmendem Alter dem Körper mehr Aufmerksamkeit zukomme als dem Geist. – Soweit sind wir wohl noch nicht. Doch es steckt ein Funken Wahrheit darin. Mag unser Denken, Fühlen, Empfinden noch so abgeklärt sein, mögen uns unsere Erfahrungen und das angehäufte Wissen einiges gelehrt haben, so werden wir doch zu Sklaven unserer körperlichen Befindlichkeit. Dennoch: Es lebe noch lange der wache Geist, die (Selbst-) Ironie und die Neugier!

Gruss Ulla
Bild des Benutzers iloma

wie wahr,

wie wahr, christian. Diese Gedanken habe ich mir auch schon so ähnlich gemacht. Nur über deinen letzten Satz muss ich noch nachdenken: kann man diese Art der Resignation als "Milde" bezeichnen und muss es wirklich "Resignation" sein?

Gruss, iloma

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

Bild des Benutzers rita amalin surber

...im alter

und du darfst wieder kind sein, lieber christian -  und was das für perspektiven birgt schreibst du ja. hat mir gefallen. besonders auch die fliege auf dem bild.