Kultur

Weltgeschichte literarisch ...

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Juan Gabriel Vásquez' neuer Roman: Die geheime Geschichte Costaguanas                      

 

Sie kennen Costaguana nicht? Joseph Conrad, der vielgelesene polnisch-britische Verfasser spannender Abenteuerromane, hatte sich als Schauplatz für seinen Roman "Nostromo" (1904 in London erschienen) das fiktive Land Costaguana in Südamerika ausgedacht. Schon damals rätselte man ein bisschen und vermutete, dass Kolumbien dem Romancier als Vorbild gedient hatte.

Der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez (Foto oben) ist der Autor des Buches "Die geheime Geschichte Costaguanas". Er erzählt vom wirklichen Kolumbien und seiner verwickelten Geschichte im 19. Jahrhunderts bis zur Abspaltung der Provinz Panama im Jahre 1903. Mit der Eroberung des Landes durch den berühmten südamerikanischen Revolutionär Simon Bolivar und der Entstehung des Staates verknüpft er die fiktive Geschichte der Familie Altamirano. Aus der Perspektive des Sohnes José schildert er mit vielen Details das Leben dieser Familie und der Menschen im neu geschaffenen Land Kolumbien und bezieht in Seitenthemen immer wieder die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse ein.

Der Vater des Erzählers, Miguel, wird schon als Student in die Kämpfe zwischen den Liberalen und den Vertretern der katholischen Kirche verwickelt. Schliesslich muss er aus Bogotá fliehen, trifft während eines Zwischenhalts seiner Schiffsreise auf dem Fluss Magdalena eine Frau, die sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Aber Miguel kann dort aus verschiedenen Gründen nicht bleiben, sondern zieht sehr schnell weiter und lebt schliesslich in Colón am heutigen Panamakanal als Zeitungsreporter. Dort findet ihn ca. 20 Jahre später sein Sohn José, das Kind dieser kurzen Liebe. Beide erleben als Zeitzeugen die Umstände des ersten Versuchs einer französischen Baugesellschaft, den Panamakanal zu bauen, und werden in die Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwickelt.

In diesem Buch wird nicht gradlinig die Geschichte von Vater und Sohn Altamirano erzählt, sondern kunstvoll darum herum ranken sich nebst der Geschichte Kolumbiens die Erzählungen von den Bemühungen um den Bau des Kanals, über die Herkunft der anderen Hauptpersonen und – last, but not least – die Geschichte des jungen Joseph Conrad. Am Schluss des Romans nämlich treffen dieser und der Erzähler José in London zusammen.

Juan Gabriel Vásquez schmückt mit offensichtlichem Vergnügen seine Szenen in allen Einzelheiten aus, er scheut Abschweifungen nicht, sie geben dem Roman seinen Facettenreichtum. Man braucht am Anfang etwas Geduld, bis man vom Sog des Erzählens erfasst ist, danach kann man das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen. Die Schreibende fühlte sich zeitweise wie im kolumbianischen Urwald, wo es nur in vielen Mäandern vorwärtsgeht, man leicht die Orientierung verliert und auf alle möglichen Hindernisse wie Tiere, Schlingpflanzen, Wasserläufe usw. gefasst sein muss. Aber es erschliesst sich auf dieser "Lesereise" durch bisher unbekannte Gebiete ein unglaublicher Reichtum an farbigen, oft auch ironischen Darstellungen. - Vásquez' Stil zu schreiben erinnert an den grossen Schriftsteller Kolumbiens des 20. Jahrhunderts: Gabriel García Márquez.

"Die geheime Geschichte Costaguanas" ist keineswegs eine Abenteuergeschichte und Vásquez nicht einfach ein jüngerer literarischer Verwandter von Joseph Conrad. Nicht nur die historischen Ereignisse schildert Vásquez mit spitzer Feder, sondern man wird den Verdacht nicht los, dass er auf dem Boden der Geschichte gewisse gesellschaftliche Phänomene der Gegenwart kritisieren will. So erkennt zum Beispiel José in der journalistischen Arbeitsweise von Miguel Altamirano die 'Gesetze der Refraktion':  ". . . dass die Wirklichkeit ein schwacher Gegner gegen die Macht der Feder ist, dass jeder sein Utopia gründen kann, sofern er nur rhetorisch gut gerüstet ist." Dabei bezichtigt er seinen Vater nicht etwa der Lügen, "voller Verblüffung wurde mir . . . die sonderbare Krankheit bewusst, die seit einigen Jahren seine Wahrnehmungsfähigkeit befallen hatte und somit auch seine Feder. Panamas Wirklichkeit tauchte in seinen Augen ein wie ein Ellenmass in das Wasser am Uferrand, Sie brach sich dort, änderte ihre Richtung, … Brechung oder Refraktion nennt sich das Phänomen." Aus dem jugendlichen Anhänger des liberalen Fortschritts Miguel Altamirano ist mit den Jahren ein Schönfärber geworden, der schliesslich der französischen Kanal-Baugesellschaft - seiner Arbeitgeberin - nach dem Munde redet. – Solche tendenzielle Berichterstattung kennen wir doch aus anderen Zusammenhängen auch!

An anderer Stelle ergibt sich aus der Schilderung der Ereignisse selbst ein sprechendes Beispiel für den Geist des Kolonialismus: Wie sich ca. 20 Jahre später US-amerikanische Vertreter von Politik und Wirtschaft in die Querelen kolumbianischer Politik einmischen, um nichts als ihre eigenen Interessen, den Bau des Panama-Kanals, voranzutreiben, stellt Vásquez in den letzten Kapiteln höchst ironisch dar.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die gern über "gelebte Geschichte" lesen und dabei ebenso gern über den europäischen Horizont hinausschauen. Um sich in den komplizierten politischen Verhältnissen im Südamerika des vorletzten Jahrhunderts zurechtzufinden, genügt ein Klick ins Internet (z.B. Wikipedia).

Juan Gabriel Vásquez wurde 1973 in Bogotá geboren und studierte lateinamerikanische Literatur an der Sorbonne in Paris. Er hat unter anderem Victor Hugo, E. M. Forster und John Dos Passos übersetzt sowie preisgekrönte Erzählungen und Essays publiziert. Seine Werke wurden bisher in 14 Sprachen übersetzt. Bei Erscheinen seines Romans "Die Informanten" nannte ihn der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa "eine der originellsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur". Heute lebt Juan Gabriel Vásquez als Schriftsteller mit seiner Frau und zwei Töchtern in Barcelona.

Juan Gabriel Vásquez – Die geheime Geschichte Costaguanas

Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag Schöffling & Co.; 336 Seiten. Gebunden. € 22,95  CHF 34,90
ISBN: 978-3-89561-006-6

Das Buch wird in der Schweiz durch das Büro für Kulturkooperation artlink gefördert und gehört in die Reihe "Der Andere Literaturclub". artlink, hervorgegangen aus einer Initiative der Erklärung von Bern (EvB), fördert Literatur von Autorinnen und Autoren aus aller Welt, die ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen in ihrem Werk umsetzen, und setzt sich für ihre Verbreitung in der Schweiz ein.

Foto des Schriftstellers (s.o.) mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schöffling & Co. (durch artlink)