Das Theater an der Effingerstrasse stellt ein Grundthema zur Diskussion, dessen Aktualität allein schon für Spannung sorgen könnte. Nebst dem Thema Kindsmissbrauch an einer (katholischen) Internatsschule geht es aber mindestens ebenso um drei weitere Grundthemen unserer Zeit:
Was ist, wenn man vor lauter Hörensagen nicht nur an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln beginnt?
Wie ist das, wenn man nicht nur im religiösen, sondern im durchaus alltäglichen Sinn nicht mehr glauben kann?
Wie vermeidet man Mobbing und wie entzieht man sich ihm?
Gerade Mobbing ist heutzutage weit verbreitet. Shanleys Stück und dessen Protagonisten führen es als beklemmendes Schulbeispiel durch.
Im düsteren klösterlichen Spielraum von Peter Aeschbacher inszeniert Stefan Meier konsequent, zeitweise hart. Atmosphäre und zutage tretende Unerbittlichkeit im Verfolgen eines nur ganz gering zu erhärtenden Verdachts machen es aus, dass den Zuschauenden das Nachdenken lange nicht vergehen dürfte.
Weltanschauung, Tradition und Persönlichkeitsprofil
Was ist – in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ich habe es noch persönlich erlebt – los mit einem Schulmann (oder einer Schulfrau), in deren Klasse statt des Füllhalters der Kugelschreiber verwendet werden darf? Was ist los, wenn nicht kollektive Zucht und Ordnung, sondern verständnisvolles Eingehen auf Aussenseiter, die es nötig haben, das Verhalten einer Lehrerin (oder eines Lehrers) kennzeichnet? Und welche verhängnisvolle Rolle spielt es, wenn diese Person darüber hinaus noch die Fingernägel etwas länger als Andere trägt und drei Stück Zucker in den Tee nimmt?

Peter Bamler, Giulietta S. Odermatt, Karo Guthke; Bild Severin Nowvacki
Aus solchen Auffälligkeiten kann man, bei entsprechendem Persönlichkeitsprofil, ein schreckliche Tat konstruieren. Giulietta S. Odermatt als Schwester Aloysius, die gestrenge Schulleiterin der katholischen Internatsschule, kann das mit Härte, erbarmungsloser Verblendung und zweifelsfreiem Eigensinn.
Peter Bamler ist Vater Flynn, die Hauptperson dieses Stückes, um die es hier geht. Mit seinen beiden kurzen Predigten (am Anfang des Stücks und nach der Pause) umrahmt er die Thematik. Vielseitig und souverän spielt er auf den Registern des Selbstzweifels, der Ungunst äusserer Umstände, der Abwehr von Misstrauen, Missgunst und Verdächtigung. Als Darstellung eines gemobbten Menschen ist diese Interpretation meisterhaft und einmalig. Gerade, weil er erlebbar macht, wie er unter dem Druck der Ungerechtigkeit an seiner Gerechtigkeit zu zweifeln beginnt, wohl wissend, dass es niemand gibt, der von sich selbst behaupten kann, ohne Fehl gerecht zu sein. (Ganz im Gegensatz zur Schulleiterin, deren Selbstgerechtigkeit unheilbar zu sein scheint.)
Als Mutter des infrage stehenden Knaben bringt Maureen Wyse als Kontrast eine wohltuende Sachlichkeit ins Spiel, die aber vor der eifernden Gestrengen wenig Chance hat.
Es geht dabei – trotz des Lokalkolorits des Stücks – nicht vor allem um den religiösen Glauben, sondern um den Glauben, der aus dem Vertrauen wächst, das man zu einem Menschen oder einer Sache haben kann. Trotz allem findet die Lehrschwester James schliesslich zu diesem Glauben in den verunglimpften, gemobbten Pater. Karo Guthke gelingt es, dieses Vertrauen, diesen Glauben trotz der gestrengen Konventionen im Ordenshaus glaubwürdig und ohne romantisierendes Beiwerk zum Ausdruck zu bringen.
Aber was, wenn der Angeschuldigte selber vom Zweifel befallen wird? Es ist die dramaturgische Eigenheit des Stücks, dass auch Zuschauende bei weitem nicht sicher sind, wie die Dinge nun wirklich liegen. Die ganze Spannung wächst aus dieser Konstellation, packt, ergreift und weckt Nachdenken.
„Zweifel“Inszenierung: Stefan Meier
Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Kostüme: Sarah Bachmann
Mit:
Vater Flynn: Peter Bamler
Schwester Aloysius: Giulietta S. Odermatt
Schwester James: Karo Guthke
Miss Miller: Maureen Wyse
Schweizer Erstaufführung Dienstag, 5. April 2011
Weitere Aufführungen:
6. bis 9. April (Mi bis Sa) jeweils 20 Uhr
10. April (So) um 17 Uhr
10. bis 16. April ((Mo bis Sa) jeweils 20 Uhr
17. April (So) um 17 Uhr
18. bis 21.April (Mo bis Do) jeweils 20 Uhr
23. April (Sa) um 20 Uhr
26. bis 29. April (Di bis Fr) jeweils 20 Uhr
(Vorverkauf Telefon 031 382 72 72, Montag bis Samstag, 14.00 bis 19.00 Uhr)
http://de.wikipedia.org/wiki/John_Patrick_Shanley
http://www.dastheater-effingerstr.ch