Gesellschaft

Das Eigene und das Fremde

Manchmal, in einem unbedachten Moment, dachte Oesch, wird man sich selbst zum Anderen, zum Fremden. Das Ich sieht sich gleichsam im Spiegel und erkennt sich nicht. Je älter Oesch wird, desto weniger gelingt es ihm, sich heimisch zu fühlen in der Identität, die er als seine Person definiert. Oesch empfindet sich als Reisender oder vielmehr als unstetes Bewusstsein, das unterwegs ist, aber nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern gewissermassen frei schweifend. Wobei diese Freiheit keine ist - das Bewusstsein ist in den Körper geknechtet, und der Körper ist in die Vergänglichkeit geknechtet, und Vergänglichkeit führt auf direktem Weg zur Auflösung, zur Negierung, ins Nichts. Die einzige Freiheit, die Oesch darin sehen kann, ist die Freiheit des Buddhisten, der sich in alles schickt, der das Nichts akzeptiert, der es gar freudig als Nirwana begrüsst. Diese Freiheit ist die wunderbare Freiheit, den innersten Kern alles Seienden als Illusion zu begreifen und das Leben als einzigartige Inszenierung der Leidenschaften und des Leidens. Die Welt ist eine Falle, denkt Oesch, die uns mit Irrlichtern der Schönheit lockt. Was wir suchen, sind Betäubung und Visionen. Was wir besitzen – oder vielmehr: was uns besitzt -, ist der Käfig der Gefangenschaft. Uns lockt nicht, was wir ersehnen; wir lieben nicht, was uns die metaphorische Last des Lebens von den Schultern nimmt. Wir wollen genauso wenig sterben, denkt Oesch, wie wir einst geboren werden wollten. Die Fähigkeit, getröstet zu werden, ist uns mit dem Kinderglauben abhanden gekommen. "Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein", sagt Fernando Pessoa im "Buch der Unruhe". Dieses Neidgefühl kann Oesch nur allzu gut nachempfinden.

Kommentare

Bild des Benutzers iloma

Bitterkeit?

Hannes, ich sehe da keine Bitterkeit.

Da kann ich jetzt alles, was Christian schreibt, nicht nur nachvollziehen, sondern ich fühle auch so. Ewig auf der Reise, ewig auf der Flucht, wohin, woher, warum... bin ich die, die ich sein will oder doch nicht?

Das heisst aber gar nicht, dass man im Alltag ganz anders "funktioniert"... funktionieren muss.

Die Menschen denken und fühlen nicht gleich Hannes, das kann man im SW sehr gut sehen.

Gruss, iloma

 

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

Bild des Benutzers Hannes Kohler

Gegen die Bitterkeit

Lieber Christian

Du schreibst dein Essay unter dem Thema 'Erlebte Geschichte' und es endet mit der Feststellung: "Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein" - 'sein zu müssen' ?  Wenn ich das lese läuft mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter und ich überlege mir, wer ist wohl 'dein' Oesch, was ist mit ihm passiert in seinem Leben .... ? Ganz klar, alle kennen das Fremde am eigenen Ich und in jedem Leben gibt es dunkle Stellen, dunkle Abschnitte sogar die einige Lebenszeit in Anspruch nehmen können. Ist diese trostlose Schlussfeststellung 'deines' Oesch gleichzeitig auch die finale Erkenntnis seines Lebens ?  Mir als lesender Teilnehmer an diesem Oesch'schen Leben ist da ein Begriff in den Sinn gekommen - Negaholik - in der der Betroffene alles negativ sieht, alles 'Neue' abwehrt und keine Chancen mehr wahrnimmt. Ein tieftrauriger Zustand der, wenn er andauert, lebensfeindlich wird und die eigene, innere Konfliktfähigkeit ausser Kraft setzt.

Im Leben, bei den Menschen um mich und bei mir selber, begegne ich Gottlob immer wieder einer anderen Lebensweisheit - der positiven Lebenseinstellung !  Es kann gut sein, dass einem diese nicht einfach 'in den Schoss fällt'. Das eigene Erleben der ganzen Welt, mit allen ihren Ungeheuerlichkeiten und zum Teil unbegreifbaren Entwicklungen, zieht wohl oft einen nebulösen, düsteren Vorhang um unsere innere Befindlichkeit. Für mich persönlich ist es desswegen fast Pflicht die Beziehung zu meinem Selbst zu beachten und zu pflegen. 'Mit sich selbst befreundet sein', hat das der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid (*1953) in seinem gleichnamigen Buch benannt. Sich immer wieder bewusst zu machen, dass es im und am Leben wunderbare, lebenswerte Seiten gibt, für die man sein inneres Auge schulen und öffen kann.

Christian, ich hoffe 'dein' Oesch wird diese Erkenntnis auch noch machen und damit seinem Leben auch eine  positive Seite abgewinnen.