Leben

Nachtgedanken

 

Erlauben Sie mir ein paar Gedanken zur Liebe. Obwohl ich diesem vielseitigen, schillernden Phänomen, je älter ich werde und je mehr Facetten dieses Phänomens ich begegnet bin, immer sprachloser gegenüberstehe. Ich werde auch immer wieder von Aspekten der Liebe überrascht, die ich noch nicht kannte und nicht für möglich hielt. Die Liebe ist wie ein Aal, man will sie mit Worten packen, doch sie entwindet sich. Die Liebe wurde schon mit so vielen Begriffen umschrieben, man versuchte sie zu katalogisieren, indem man Agape von Eros und geschlechtliche Liebe zum Beispiel von Freundesliebe oder Mutterliebe oder gar Vaterlandsliebe unterschied, aber das alles trifft meines Erachtens den Kern der Sache nicht. Was könnte der Kern der Sache denn sein? Vielleicht die Bedingungslosigkeit. Ja, wahre Liebe ist immer bedingungslos, sie lässt sich nicht erkaufen, sie lässt sich nicht erzwingen, sie lässt sich nicht erbetteln und sie lässt sich nicht verdienen. Liebe ist immer ein Geschenk, ist immer unverdient, sie ist der Kontrapunkt zum Warencharakter, der menschlichen Beziehungen normalerweise anhaftet, sei es nun im Geschäftsleben oder auch in einer Ehe (wobei das ja nicht zwingend heissen muss, dass Liebe in der Ehe nicht vorkommen und sie sich nicht sogar im sogenannten Geschäftsleben ereignen kann), aber Liebe ist eben gerade nicht das "do, ut des", ich gebe, damit du mir gibst. Liebe ist Grosszügigkeit. Ohne Liebe wäre diese Erde wahrlich ein noch trüberer, trostloserer und einsamerer Ort. Obwohl es Gott vielleicht gar nicht gibt, behaupte ich doch, dass die Liebe das grösste Geschenk eines wie auch immer gearteten Gottes an den Menschen sein könnte, sie wäre das Fünklein, das sich in unseren Seelen entzünden kann. In der Liebe ist Geben seliger denn Nehmen, oder vielmehr: nur, wer liebt, kann auch die Erfahrung des Geliebtwerdens machen, hier wird auf einer Frequenz gesendet und empfangen.

Ach, vergessen Sie es. Das Phänomen der Liebe entwindet sich auch meinen Worten wie ein Aal.

Kommentare

Bild des Benutzers Claire Mattenberger

Nachtgedanken

Staune immer wieder der tollen Beiträge im Seniorweb.

claire
Bild des Benutzers iloma

Aal

 Ein Aal, der entgleitet? Entgleitet er wirklich? Hat er nicht unendlich viele Schuppen,
welche sich Liebe nennen?
Da ist die Gottesliebe, die Naturliebe, die Vaterlandsliebe, die Heimatliebe, die Nächstenliebe, die Elternliebe, die Kindesliebe und Geschwisterliebe. Die Lebensliebe, die Liebesliebe, die alte und die neue Liebe, die erfüllte, die unerfüllte und die sich nie erfüllende Liebe... und die Todesliebe.
An mancher dieser Schuppen bleibt man irgendwie hängen, mal erfüllt, mal glücklich, mal
nachdenklich, mal verzweifelt.  Dieser "LebensLiebes-Aal" beisst sich irgendwann in den
Schwanz und alles fängt von vorne an. Nein, entgleiten wird er uns nie.

 

 

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

Bild des Benutzers agathepetignat

ja, das stimmt

Liebe ist nicht zu fassen, nicht abschliessend zu definieren. Kaum etwas wird so verkannt wie die Liebe.

Wahrscheinlich muss sich Liebe immer verändern, muss erfahren, gelebt und wieder losgelassen werden.

Sie kann beglücken und verletzen wie sonst nichts.

Irgendwie findet sie immer ein Fortsetzung, in veränderten Formen.

Oder auch nicht.