Gesellschaft

Mehr als ein Wirtschaftskrimi

Mehr als ein Wirtschaftskrimi

 

Wie Flaggschiffe der Schweizer Industrie untergingen

 

 

 

Zusammengefasst:

Ein überzeugend fachlich kompetentes, gründlich recherchiertes und bei aller unspektakulären Ausgewogenheit unerhört spannendes Sachbuch einer jungen Autorin!

 

Unaxis, Saurer, Ascom, Sulzer

Wer das Buch aufschlägt, begegnet fürs erste spontan einem Auszug aus der Zeitgeschichte der Schweizer Wirtschaft. Sie liest sich flüssig, fesselt und lässt die Spannung nie abfallen. Es geht um vier der Flaggschiffe der Schweizer Industrie. Andere, zum Beispiel die ehemalige BBC, sind schon früher untergegangen oder unter neuer Flagge unterwegs.

Die Vorgeschichte zum Fall des traditionsreichen Oerlikon-Bührle Konzerns, der in jüngster Vergangenheit über Unaxis zu OC Oerlikon mutierte, steht am Anfang. Sie erscheint mir am spannendsten. Geschickt zeigt die Autorin die Stränge, die sich zuerst zu einer aufgeschwollenen Diversifizierung der Produktepalette, dann zu einer riskanten Beschränkung auf eine einzige, strategisch unzulänglich beurteilte Produktelinie verknüpften. Eine weitere verhängnisvolle Entwicklung bildete das operative Desinteresse der Eigentümerfamilie. Ein interessantes Schulbeispiel! Bei den anderen hier geschilderten Firmen verlief die Geschichte ähnlich.

Wirtschaftskrimi und Leitfaden zur Finanzwirtschaft

Solche Entwicklungen sind auch auf anderen Gebieten als in der Industrie- und Finanzwirtschaft zu beobachten. Sie könnten etwas ungenau als „strategische Ermüdungserscheinungen“ bezeichnet werden. Komplexität und Schwäche ziehen dann gierige, starke Kräfte an, denen unter Anwendung einer akribischer Strategie und unverfrorener, flexibler Taktik schliesslich die Übernahme – sei sie nun am Ende feindlich oder nicht – gelingt. Ein Wirtschaftskrimi, wie man ihn atemberaubender nicht erfinden könnte.

Doch das Buch bietet noch mehr. Selber Wirtschaftsbanause, hat der Schreibende noch nie so klar verstanden, was Optionen sind und wie Derivate gebildet werden und wie man diese Elemente zu einem geschickten, wenn auch ein wenig diabolischen Spiel benutzen kann. Der Einfluss der Banken, die offenbar doch nicht alle in demselben Masse geneigt sind, dem Spiel ihre Unterstützung zu leihen, wird in den Darstellungen offensichtlich – auch da lernt verstehen, wer bisher nur zu staunen, allenfalls zu schimpfen vermochte.

Typenbild von Wirtschaftsfürsten

Hinter allen Absprachen, Transaktionen Spielchen und Finten stehen Menschen; hier vorwiegend Männer. Einige Namen kennt man aus der Tagespresse sehr gut, andere sind nicht unbedingt geläufig. Auch hier verbindet die Autorin einige Charaktertypen (unter anderen Berühmten die Investoren von Victory und den russischen Milliardär Viktor Vekselberg) zu einer Galerie zeitgenössischer Wirtschaftsfürsten. Fein stimmt sie die Bilder ab und zeigt sowohl positive als auch negative Züge in den verschiedenen Porträtstudien. So bleiben die Personen Menschen. Es ist ein besonderes Verdienst, dass die Autorin kein Schwarzweissbild malt, sondern mit betonter Sachlichkeit den handelnden Personen dieses Pokers, wie sie es nennt, gerecht wird.

Ein Detail: Fabergé-Ausstellung in Zürich 2006

Wie weit gefächert und strategisch umsichtig dieses im Titel des Buchs angeführte Poker gespielt wird, zeigt die Autorin auch daran, wie ein nicht unbekannter VIP-TOP-PR-Berater das Erscheinungsbild von Viktor Vekselberg in der Schweizer Öffentlichkeit umsichtig formt. Dass Vekselberg die berühmten Fabergé-Eier mit seinen privaten Mitteln erstanden und der russischen Heimat zurückgegeben hat, kommt dabei gelegen. Der Investor soll als sinnvoll sich engagierende, kunstsinnige und kultivierte Person wahrgenommen werden. Wie die Fabergé-Ausstellung zu diesem Zweck im Juni 2006 nach Zürich geholt wurde, ist nur ein marginales Hintergrund-Detail all dieser Aktivitäten.

Die Autorin

Alice Chalupny, 32 Jahre alt, Politikwissenschafterin (Universität Zürich), seit über zehn Jahren als Journalistin tätig (zuletzt als Leiterin des Ressorts „Unternehmen“ bei der Handelszeitung) steht heute dem Ressort „Wirtschaft“ der Sonntagszeitung vor. Die Ereignisse um die österreichische Beteiligungsgesellschaft Victory und Viktor Vekselberg verfolgt sie seit den Anfängen. Die Gründlichkeit und den Umfang ihrer Recherchen zum Thema belegt im Anhang die Fülle der Quellen und Zitate. Ein vermutlich vollständiges Namensverzeichnis ist für das Verfolgen von Querverbindungen hilfreich.

Alice Chalupny schreibt fliessend lesbar, mit genauer Treffsicherheit der Begriffe und Ausdrücke. Sie schafft Spannung, ohne in den Stil von Enthüllungsjournalisten zu verfallen. Ihre Kompetenz und Sachlichkeit kommt einerseits dem Gegenstand des Buches, andererseits dem respektvollen Umgang mit den betroffenen Personen zugut.

Das Buch

 

Alice Chalupny

Victory und Vekselberg

Der Poker um die Schweizer Industrie

Rüffer & Rub Sachbuchverlag
Zürich 2011
ISBN 978-3-907625-54-5

 

www.ruefferundrub.ch