Kultur

„Leonce und Lena“ von Georg Büchner

„Leonce und Lena“ von Georg Büchner

Müssiggang, Sehnsucht, Flucht und Liebe

 

  

   

DAS Theater an der Effingerstrasse zeigt satirisch giftige sprachliche Brillanz. 

 

 

 

ZwischenCommedia dell’arte und Politsatire

Als Anklang an die Commedia dell’arte ist Büchners Lustspiel zeitlos, als Politsatire zwar zeitgebunden, jedoch darum nicht weniger treffsicher und zum Schmunzeln verführend.

Georg Büchner (1813-1836) schrieb „Leonce und Lena“ in seinem Todesjahr; uraufgeführt wurde sein Lustspiel jedoch erst 1895. Büchner war – soweit sich das aus dem Studium seiner Werke herleiten lässt – sehr intelligent, kritisch, vielseitig gebildet und nicht nur in der dramatischen Weltliteratur zu Hause. Anklänge an die italienische Commedia dell’arte, an Shakespeare („Wie es euch gefällt“), an Grabbe („Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“) und an klassische Vorbilder wie Lessings „Minna von Barnhelm“ charakterisieren dieses Stück.

Weil Büchner ausserdem engagiert gegen damalige politische Zustände in Deutschland und auch gegen philosophische Gespreiztheiten aller Art (hierin war er seiner Zeit weit voraus) kämpfte, spielt deren Geisselung in seinem Lustspiel eine ebenso wichtige Rolle.

Müssiggang oder Überdruss?

Die dritte formale und inhaltliche Komponente von Leonce und Lena sind Müssiggang und Langeweile. Sozusagen ein „Lob der Faulheit“ – aber das greift zu kurz. Hält man sich einen 23-jährigen intellektuellen Autor vor Augen, der in einem fragwürdigen System lebt, versteht man seinen Leonce, der für eine ihn eher abschreckende Aufgabe vorgesehen ist und dazu noch eine Vernunftheirat mit der Prinzessin eines anderen Miniaturstaats eingehen soll.

Übersichtliche Personen und Strukturen

Prinz Leonce mit Valerio auf der einen, Prinzessin Lena und ihre Gouvernante auf der anderen Seite, stehen König Peter vom Reiche Popo und seiner Staffage gegenüber. Diese besteht aus den beiden „Herren in Grau“, in welche die Summe der Nebenfiguren des Stücks integriert sind, mit Ausnahme der Geliebten Rosetta, die, ganz nach Muster (z. B. Mozarts „Cosi fan tutte“), auch gleich als Geistlicher verkleidet die Trauung vornimmt. So wirkungsvoll übersichtlich kommt das Stück auf die Bühne.

Inszenierung, Spielraum und Darsteller

Das Regiekonzept stammt, wie das Bühnenbild, von Norbert Klassen, der wegen Krankheit dem Hausregisseur Stefan Meier die Umsetzung überliess. Die Inszenierung betont die Aspekte Müssiggang, Langeweile, (Welt-)Flucht und vor allem die Sprache. Die komödiantischen Seiten kommen im Dialog am besten zur Geltung. Immer wieder begeistern sowohl Ironie und Aberwitz, andererseits auch die blühenden poetischen Schönheiten der Dialoge. Es ist ein Verdienst der Aufführung, dass sich die Darsteller Zeit nehmen dürfen, diese Schätze an sprachlichem Ausdruck auch vernehmbar auszubreiten. Was vielleicht manchmal etwas auf Kosten des Spieltempos gehen mag.

In einem immer wieder mit wenigen Handgriffen verwandelten übermannshohen Holzgitterkäfig und mit subtil abgestimmter Lichtführung bewegen sich die Personen. Das weckt die Verknüpfung zur Enge der zugrunde liegenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Vor allem Leonce (Armin Köstler) spielt blitzgescheit, souverän und gewandt auf der weiten Klaviatur des Absurden, der Satire, des Kalauers und des Wortwitzes. Seine Dialoge mit den Herren in Grau mögen an die „Wolkenszene“ erinnern, in der Hamlet mit Rosenkranz und Güldenstern auf dieselbe Art im Dialog spielt. Seinen pantomimischen Einstieg mag man etwas gedehnt empfinden. Dass er dabei seinen Joint mit einem banalen Feuerzeug entflammt, ist die einzige moderne Metapher des Abends, die wohl die Zeitlosigkeit des Themas suggerieren soll.

Valerio könnte Leonces Diener-Gefährte sein, ist aber hier eine Mischung zwischen Derwisch und Clochard, dramaturgisch sehr wirkungsvoll, mit handfester Lebensnähe ausgestattet von Uwe Schönbeck.

Die Gegenspieler im klassischen Lustspielsetting sind die Prinzessin Lena, wie Leonce auf der Flucht vor einem unerwünschten Heiratsarrangement. Marie-Luise Bartel spielt die Prinzessin mit einer liebenswürdigen Naivität, als wäre sie eher des Abenteuers wegen als aus tatsächlicher Gewissensnot geflohen. Am Schluss ahnt man, dass sie trotz erfüllter Liebe und Heirat sich über kurz oder lang ebenso langweilen wird, wie vormals der frisch gebackene König, der seine Träume und Projekte schon wieder wortreich und poetisch ausspinnt.

Lenas Gouvernante schleppt das Gepäck und steht der jungen Frau moralisch als zuverlässige Gefährtin zur Seite. Brigitte Bissegger wirkt als Darstellerin überzeugend und liebenswürdig.
 

Warum ist die Rosetta mit Eva Fuhrerals ältliche Geliebte besetzt? Vielleicht sollen auch da wieder Langeweile und Zeitlosigkeit unterschwellig zum Ausdruck kommen. Die Schauspielerin agiert in ihrem kurzen Auftritt allerdings charmant und mit einer anrührenden jugendlich beschwingten, tänzerischen Leichtigkeit. In ihrer Hosenrolle, verkleidet als Hofprediger, spielt sie sozusagen mit köstlich schmunzelndem Augenzwinkern.

Jesko Stubbe spielt den König Peter, der sich so krampfhaft an seine königlichen Entschlüsse und sein königliches Wort klammert. Er wirkt weniger als steifer Möchtegern-Würdenträger, sondern eher als leicht vertrottelte Karikatur eines Fürsten. Er vermag alle Register der grotesken Satire zu ziehen und so die Atmosphäre des Absurden köstlich zu vermitteln. 

Armin Köstler und Marie-Luise Bartel; Foto:© Severin Nowacki 

Aaron Frederik Defant, Jesko Stubbe, Thomas Handzel, Armin Köstler, Marie-Luise Bartel
und Uwe Schönbeck; Foto:© Severin Nowacki

 

Theaterzettel: 

„Leonce und Lena“

von Georg Büchner

Inszenierung: Norbert Klassen / Stefan Meier

Besetzung:
Leonce: Armin Köstler
Lena: Marie-Luise Bartel
Valerio: Uwe Schönbeck
König: Jesko Stubbe

und: Brigitte Bissegger, Aaron Frederik Defant,
Rosetta Eva Fuhrer u.a.

Bühnenbild:Norbert Klassen
Kostüme: Sybille Welti

Fotos: (C) Severin Nowacki

Premiere: Samstag, 7. Mai 2011

Weitere Aufführungen:

8.5. So um 17 Uhr
10.5. bis 14.5. Di-Sa jeweils 20 Uhr
16.5. bis 21.5. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
23.5. bis 28.5. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
29.5. So um 17 Uhr
30.5. bis 31.5. Mo-Di um 20 Uhr

(Vorverkauf Telefon 031 382 72 72, Montag bis Samstag, 14.00 bis 19.00 Uhr)

 

http://www.dastheater-effingerstr.ch