Was heisst es, Schweizer sein?
Mary Lavater-Slomans Roman hat schon vor 75 Jahren des Schweizers Anderssein portraitiert. Im Römerverlag wird er jetzt neu aufgelegt. Prof. Georg Kohler stellt das Werk zugleich in einen zeitlosen Rahmen und in Beziehung zur Gegenwart.
Die Verlagsräumlichkeiten: Keine nüchternen Büros, sondern eine Wohnung für Bücher, mit den Bildern zahlreicher Hausautoren und übriger Literaten an den von Regalen freien Wänden. „Frau Rüffers Bilderrätsel“, fällt mir dazu schmunzelnd ein.

Prof. Georg Kohler stellt das Buch vor. Wie schon in seinem Nachwort zum Roman, verweist er auf die historische Unschärfe, die mit dem Wirken Johann Rudolf Wettsteins in den Verhandlungen 1646-1648 verbunden sind, die zum Westfälischen Frieden 1648 führen. Im Gegensatz zu dem, was der Geschichtsunterricht verbreitet, erstreitet Wettstein nicht die Unabhängigkeit für die Schweiz (die es als solche damals ja noch gar nicht gab). Doch dieses etwas verschobene Bild der Schweizergeschichte erwies sich vor rund 75 Jahren als willkommene Ideologie, den „Schweizer Standpunkt“ (schon 1914 von Carl Spitteler formuliert) der Bedrohung durch das Nazireich entgegen zu stellen.
Neben der historischen Unschärfe und dem Mythos Schweiz zur Zeit des Dritten Reichs weist Georg Kohler auf eine weitere Verknüpfung hin, diejenige mit zeitgenössischem nationalkonservativem und nationalmythologischem Gedankengut nämlich. Dem Sinn nach stellt er fest: „Wettstein ist sozusagen nach dem damaligen Brüssel gereist und hat mit den Mächtigen gesprochen. Wer tut ihm das heute gleich?“
Unter diesem Motto konzipiert Mary Lavater-Sloman das Lebensbild des zähen, unermüdlich standhaften „Schweizerkönigs“ Er hat sich nicht selber als solchen bezeichnet. Folgt man der Autorin, war das vorerst als Hohn gemeint. Es wurde erst nach und nach zum Ehrentitel. Immer wieder besiegt der „gute Schweizer“ mit unerschütterlicher Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit die „Bösen“. Ränkeschmiede wie intrigante Diplomaten werden durch seine Haltung, sein Wirken,von Gegnern zu Freunden. In den geschilderten Gegensätzen zwischen Prunk und Reichtum der Franzosen, Deutschen, Österreicher und Schweden und der extremen Kargheit im Leben, Wohnen und Auftreten des Basler Bürgermeisters mag gar ein pädagogischer Hintergedanke stecken: Seht, Schweizer, so müssen wir sein, wenn wir in Streit und Auseinandersetzungen mit den Grossen und Mächtigen Europas bestehen wollen! „Keiner von uns Führenden hat ein Recht, an sich zu denken; wir dürfen nicht „wir“ sein…“ wird im Roman Wettstein zitiert. Führungsverantwortung wird in Mary Lavater-Slomans Roman zur Opferrolle für die Schweiz, der sich Wettstein fast fanatisch verschreibt.
Den Roman neu aufzulegen, ist ein Verdienst. Dächte man, der Text sei doch überholt, veraltet wie so manches, das in der Schweiz zwischen 1912 und 1940 publiziert wurde, und höchstens für Literaturhistoriker von Interesse, so läge man etwas daneben.
Die Komposition des Romans überzeugt durch klare Formen, dicke Striche und eine Dramatik, die von bester Tradition ist. Der Tiefpunkt, aus der doch dann der positive Erfolg herauswächst – die Peripetie also – ist von beinahe unerträglich spannender Fatalität. Die Ehefrau stirbt im fernen Basel, was Schuldgefühle weckt. Die Schmerzen der Gicht werden unerträglich. Der Sohn verstrickt sich in eine diabolische Liebelei. Freunde wenden sich ab, Geschäfte stagnieren. Daheim die zerstrittene Eidgenossenschaft scheint einen Erfolg ohnehin unmöglich zu machen. Wettstein liegt am tiefsten Boden. Dennoch bewahrt er, trotz Enttäuschung und Verbitterung, Schmerzen und Krankheit, seine Unbeugsamkeit und seine Überzeugung von der Sache. Er steht da, an den Bär in Kleists „Marionettentheater“-Essay gemahnend. Und es kommt gut.
Doch es ist nicht nur die durchkomponierte Form, die fesselt. Ebenso beeindruckend ist die Sprache der Dichterin. Zum Teil sind reichhaltige, lyrische Bilder eingestreut. Sie erinnern an die Genrebilder der Maler des 17. Jahrhunderts. Beschreibungen sind treffsicher. Sätze und Erzählsequenzen sind rhythmisch formuliert. So wird Lesen leicht. Die Botschaft, der Gehalt des historisch-biografischen Romans werden fassbar. Ideologische Züge lassen sich vom literarisch, erzählerisch und auch menschlich Bedeutsamen unterscheiden.
Ein biografischer-historischer Roman also, den man als „Guter Schweizer“ (auch als guter Schweizer ohne Anführungszeichen) lesen muss, der vielfachen Bezüge zu Zeitgeschichte und Gegenwart wegen. Vor allem auch, weil er auf vielfache Weise hervorragend komponiert und geschrieben ist.

Mary Lavater-Sloman
Der Schweizerkönig
Johann Rudolf Wettstein
Mit einem Nachwort von Prof. Georg Kohler
Römerhof Verlag
Zürich 2011
ISBN 978-3-905894-08-0
Wer den Original-Buchdeckel sehen will
kann es bei mir anfordern. Ich bin die Enkelin und habe das Buch zu Hause mit Widmung an beide Söhne.