Wirklich nur in der Tür geirrt?
DAS Theater an der Effingerstrasse zeigt zum Saisonschluss einen prickelnden Sommercocktail von Patrice Leconte und Jérôme Tonnerre
Antoine Faber, Dutzend-Steuerberater mit gut sitzender Krawatte, ist im Begriff, zur Tür zu gehen; diese öffnet sich. – „Oh!“ …
Das unscheinbarste, kürzeste aller Wörter lässt eine zwar nicht alltägliche, dennoch kaum eine allzu vertrackte Geschichte ihren Lauf nehmen. Anna will zum Psychotherapeuten, steht stattdessen vor einem Steuerberater und fängt schon beim Eintreten mit Reden an. Zu ihrem Glück oder zu ihrer späteren Beschämung? Zuschauende ahnen es von Anfang an; nur das Wie ist noch bis zuletzt ein Rätsel. Freud spielt mit; die von ihm beschriebene „Freud‘sche Fehlleistung“ macht das Spiel möglich. Doch ist es denn nicht auch ein wenig Neugier, ein wenig Kribbeln, ganz viel weibliche List, wenn auch eher uneingestanden, was das Spiel antreibt?
Warum sonst bringt es Antoine Faber vor lauter fasziniertem Zuhören nicht fertig, den Irrtum Annas aufzuklären? Noch bevor sie immer intimere Bereiche ihrer Eheprobleme enthüllt? Und warum vereinbart Anna weitere Termine, auch wenn sie rasch einmal weiss, dass ihr eigentlicher Therapeut eine Türe weiter residiert? – Dass dieser weder materiellen Schaden noch Schaden an seinem typisierten Ego nimmt, ist eine witzige Episode des Stücks.
Im Verlauf der Szenen und Dialoge kommen sich die beiden auf verstrickende Weise näher. Doch als wirkte das bekannte Tabu, dass Therapeut und Patientin keine erotische Erfüllung suchen sollen – sie bleiben mindestens im äusserlichen Umgang auf Distanz. Spielte da nicht Annas eher perverser Ehemann eine zweifelhafte Rolle im Hintergrund, und Antoines ehemalige Geliebte im Vordergrund, käme die Verstrickung der Gefühle nie zu einer befreienden Lösung.

Peter Zimmermann, Karo Guthke, Suzanne Fabian; Foto:© Severin Nowacki
Vorerst geht die seltsame Therapie zu Ende; Zeit verstreicht; der Schauplatz wechselt. Nun trägt Antoine keine sauber gebundene Krawatte mehr. Und der Tanz der beiden bräuchte eigentlich auch keine Musik.

Karo Guthke, Peter Zimmermann; Foto:© Severin Nowacki
Wie gesagt: Ein lächelnd servierter Sommercocktail zum Abschied von einer akzentreichen Theatersaison an der Effingerstrasse!
Im eher nüchternen, dem Spiel und der Inszenierung angemessen Bürointerieur (Peter Aeschbacher) in Weiss und Grau, mit dem in dieser Geschichte unvermeidlichen Ruhecouch, sitzen abwechslungsweise sowohl der köstlich typisierte Doktor Monnier (Hans-Peter Bader)mit Antoine Faber als auch der Steuerberater mit seiner Nicht-Patientin. Rechts und links seitlich vor der Bühne steht dekorativ je eine Tür, Metapher für das Verwechslungsmotiv.
Markus Keller lässt die Geschichte in kurzen abgeblendeten Szenen gewissermassen augenzwinkernd spielen. Der Akzent liegt auf dem Charme, den selbst die immer noch anhängliche Ex-Geliebte des Steuerberaters, Jeanne (Suzanne Fabian) lächelnd entfaltet. Peter Zimmermann gestaltet den vor allem anfangs etwas überforderten Steuerberater Antoine Faber mit differenziertem Ausdruck, bis ins letzte Detail glaubwürdig, macht eine sympathische Person aus ihm. Karo Guthke schliesslich überzeugt und gefällt mit ihrem vielseitigen Spiel. Anfangs als Anna fast schüchtern, entwickelt sie mehr und mehr Witz und weibliche List, liebenswürdig, ein klein wenig verschlagen auch.


von Patrice Leconte und Jérôme Tonnerre
Inszenierung:Markus Keller
Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Kostüme: Sybille Welti
Fotos: Severin Nowacki
mit:
Hans-Peter Bader, Suzanne Fabian,
Karo Guthke und Peter Zimmermann
Premiere: Mittwoch, 8. Juni 2011
Weitere Aufführungen:
9.6. bis 11.6. Do-Sa jeweils 20 Uhr
14.6. bis 18.6. Di-Sa jeweils 20 Uhr
19.6. So um 17 Uhr
20.6. bis 25.6. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
26.6. So um 17 Uhr
27.6. bis 30.6. Mo-Do jeweils 20 Uhr
1.7. Fr um 20 Uhr
(Vorverkauf Telefon 031 382 72 72, Montag bis Samstag, 14.00 bis 19.00 Uhr)
http://www.dastheater-effingerstr.ch