Zur Zeit unserer Grosseltern kauften sich viele Familien ein sogenanntes Konversationslexikon, einen Brockhaus oder Meyer – bestehend aus einer lange Reihe dicker, in schwarzes Leder mit Goldprägung gebundener Bände, mit deren Hilfe man seine Lücken in der Allgemeinbildung prima stopfen konnte, wenn man nur wollte. Eine solche Reihe von 16 Bänden steht bei mir im Büchergestell. Als ich ein Kind war in dem Alter, in dem man noch voraussetzt, dass Erwachsene allwissend seien, und ihnen folglich fleissig „Löcher in den Bauch“ fragt, hatte mein Vater die Gewohnheit nach so einer Fragestunde zum Bücherregal zu gehen und sich ein oder zwei Bände zu holen. Ich war zwar von seinen Antworten meist ganz befriedigt, er aber wohl nicht. Jedenfalls rief er mich einige Zeit später noch einmal zu sich, um mir ergänzende Informationen zu geben – anfänglich indem er mir Textstellen zitierte oder ganze Abschnitte vorlas.
Mit der Zeit entwickelte sich dieses Ritual weiter, und als ich halbwüchsig war, wies er nur noch auf die auf seinem Lesetischchen aufgestapelten Bände und sagte: „Zum Thema XY habe ich Dir Buchzeichen reingelegt.“ Da waren dann der Länge nach zusammengefaltete Papierstreifen zwischen den Seiten, die er in seiner haarfeinen zügigen Handschrift mit Anmerkungen und Notizen bedeckt hatte. So löste eine bohrende Frage von mir meistens eine ganze Serie von sekundären „Grundlagen-Nachforschungen“ aus und wir waren auf diese Weise zum beiderseitigen Vergnügen und Profit fast ununterbrochen glücklich beschäftigt. So kommt es mir jedenfalls vor, aus heutiger Sicht. (Leider war ich zu oberflächlich, um mir das so aus den Büchern gesogene Wissen mehr als der Spur nach zu merken…) Irgendwann kamen die Bände dann zu mir und ich habe sie weiterbenutzt. Nicht nur das: Nach und nach habe ich auch einen nach dem anderen neu binden lassen… denn sie hatten’s inzwischen nötig. Zwar waren sie – natürlich – längst nicht mehr auf dem aktuellen Wissensstand. Aber es gibt ja viele Themen, wo das keine so grosse Rolle spielt, solange man es im Auge behält. Ausserdem kann es auch durchaus interessant sein zu erfahren, wie (ganz anders) die Leute anno 1898 in gewissen Bereichen dachten.
Dann kam Wikipedia.
Im Januar 2001, vorerst nur auf Englisch. Man hörte bei der Arbeit davon, in der Kaffeepause in einem Nebensatz, ohne sich viel vorstellen zu können. Und dachte ironisch: „Wird wohl etwas Gscheites sein!“ (Oder vielmehr: „Das isch ja sicher wider öppis GANZ Gschiiiids!“ Alles was Mode wird, plötzlich in aller Munde ist, oder „Kult“, wie man heute so schön sagt, löst bei mir diese Reaktion aus.) Wann ich endlich merkte, dass es wirklich etwas ganz Gescheites ist, weiss ich nicht mehr. Ich bin da wohl so langsam reingerutscht; die Gewohnheit vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen in Sachen Information hatte ich ja, wie beschrieben, schon im zartesten Alter erworben.
Die Konversationslexika waren für unsere Grosseltern sicher ein erheblicher Kostenpunkt. Wahrscheinlich kauften sie sie sozusagen im Abonnement. Alle paar Jahre einen Band, so wie sie eben herauskamen. Wikipedia kostet nichts; es sei denn man rechnet, wie beim Auto, einen Teil der Betriebs- und Anlagekosten ein (was man im Grunde natürlich müsste).
Was mich aber viel mehr begeistert, ist die Tatsache, dass es sich um ein freiwilliges, ehrenamtliches Gemeinschaftswerk vieler Menschen handelt – noch dazu vieler Menschen aus aller Welt! So sollte die Menschheit in allen Bereichen zusammenarbeiten. Allerdings: Die ruhige, glatte Oberfläche täuscht. Ich habe vor ein paar Jahren einmal ausführlich hinter diese Oberfläche geschaut. Jederman/Jedefrau kann und darf das, nach einer Anmeldung und wenn er/sie die Mühe des Verstehenwollens auf sich nimmt. Ich habe sogar einen ganz, ganz kleinen Artikel zu einem klitzekleinen Unter-Unter-Teilthema reingestellt – komplett mit den verlangten verlässlichen, verifizierbaren Quellangaben. Denn wenn auch jeder mitmachen darf… es werden hohe Ansprüche gestellt, und auch durchgedrückt. Dazu (d.h. zum Inhaltlichen) aber auch zur Vereinheitlichung der Formatierung und anderen mehr technischen Belangen (die ich nicht alle verstand) werden im Hintergrund heisse Diskussionen geführt. Man nimmt die selbstgestellten Aufgaben SEHR ernst.
Bei meinem kleinen Abstecher ins Autorendasein musste ich feststellen, dass ich VIEL zu wenig weiss. Man muss ein Wissensgebiet wirklich beherrschen und einen guten Überblick haben (oder sich diesen aneignen), sonst ist der Aufwand enorm. Denn blosses Abschreiben von Quellen gilt nicht (ausser wo ausdrücklich als Zitat deklariert). Als Endresultat ist eine möglichst umfassende, neutrale Zusammenfassung des heutigen Wissensstands zum betreffenden Thema gefordert; blosse Meinungen werden im publizierten Wikipedia-Text nicht geduldet. Wobei zum Erreichen dieses Ziels natürlich mehrere Autoren zusammenspannen oder vielmehr sich untereinander korrigieren können – unsichtbar für den Leser, im Hintergrund, selbstverständlich.
Nicht alles was neu ist, ist auch gut. (Beileibe nicht!) Aber dies ist eine grossartige Sache. Ein wirkliches Gemeinschaftswerk im besten Sinne des Wortes.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite
Es geht auch ohne Fachwissen und ohne grossen Aufwand...
Liebe Margaret,
Vielen Dank für diesen persönlichen „Rückblick“ und den Wikipedia-Erfahrungsbericht. Neugierig sein, sich gerne in ein neues Wissensgebiet einlesen, in Enzyklopädien schmökern, mal auch etwas weiter suchen, wenn man die Antwort auf die gestellte Frage nicht gerade findet oder beim Lesen neue Fragen auftauchen – das sind die besten Voraussetzungen, um auch selber bei der Wikipedia aktiv zu werden. Denn entgegen deiner Annahme braucht es dazu kein grossartiges Vorwissen; einen Wikipedianer zeichnet nämlich nicht unbedingt das tiefgründige Fachwissen aus, sondern vielmehr die Fähigkeit, Lücken in der Enzyklopädie aufzuspüren, sich in der Fachliteratur einen groben Überblick über ein bestimmtes Thema zu verschaffen und die enzyklopädisch relevanten Informationen zu einem kurzen Text zusammenzufassen.
Um dies zu illustrieren, möchte ich ein kleines Beispiel anfügen, über das ich selber im Zusammenhang mit dem "Wiki Loves Monuments"-Wettbewerb gestolpert bin:
Angefangen hat alles damit, dass ich in Bern auf der Jagd nach Fotografierobjekten von nationaler Bedeutung auch den Garten der Villa Bomonti am Kalcheggweg gleich neben der chinesischen Botschaft aufgesucht habe. Den Garten habe ich dann schliesslich nicht fotografiert, da die Lichtverhältnisse schlecht waren und der Garten nicht sehr gut zugänglich ist. Zudem habe ich mich gefragt, was denn an diesem Garten so speziell sei, denn wie mir schien, unterschied ihn nichts von anderen Gärten. Kurz: die nationale Bedeutung sprang nicht ins Auge, wobei ich gestehen muss, dass ich mit Gartenbaukunst absolut nichts am Hut habe.
Einige Wochen später – dieser Garten liess mir keine Ruhe – suchte ich dann im Internet nach Angaben zur „Villa Bomonti“. Als erstes stiess ich natürlich auf die diversen Listen bei Wikipedia – aber die geben ja nur die Angaben aus den Listen des Bundes wider: Bezeichnung, Kategorie, Koordinaten des Objekts. Etwas weiter unten bei den Google-Suchresultaten stiess ich dann aber doch auf einen interessanten Link zu Google-Books: Auf Seite 60 des Buches „Vom Landschaftsgarten zur Gartenlandschaft: Gartenkunst zwischen 1880 und 1980 im Archiv für Schweizer Gartenarchitektur und Landschaftsplanung“ von Annemarie Bucher wurde unter anderem auch der Garten der Villa Bomonti erwähnt.
Realisiert worden war er offenbar von den „Gebrüdern Mertens“, deren wichtigsten Lebensstationen auch gleich im Buch enthalten waren. Offenbar gehörten sie neben einem Gustav Ammann und einem Johannes Schweizer zu den wichtigsten Vertretern des „Architekturgartens“ in der Schweiz und verschrieben sich später dem „Wohngartenstil“. Ihre Gartenbaufirma hatten sie von ihrem Vater, Evariste Mertens, übernommen.
Mit diesen Informationen gelangte ich dann gleich wieder zurück zur Wikipedia, wo ich abklapperte, was denn bereits an Informationen vorhanden war. Dabei stiess ich auf Einträge zu Evariste Mertens und Gustav Ammann; weder die Gebrüder Mertens noch Johannes Schweizer fanden in der Wikipedia Erwähnung. Zum Thema Landschaftsarchitektur/Gartenarchitektur gibt es zwar einen Artikel, doch die Begriffe „Architekturgarten“ und „Wohngarten“ kommen darin nicht vor.
Aus den paar Auszügen aus dem obengenannten Buch, die auf Google-Books verfügbar sind, sowie ein paar Informationen aus weiteren Internetrecherchen habe ich dann noch am selben Abend je einen Artikel zu den Gebrüdern Mertens und zu Johann Schweizer erstellt. Wenn man nun nach „Garten der Villa Bomonti“ googelt, wird der Artikel zu den Gebrüdern Mertens als erstes angezeigt.
Um auch noch Artikel zu den verschiedenen Gartenstilen zu erstellen, müsste ich mir wohl ein paar Bücher aus der Bibliothek beschaffen – die Literaturliste im Artikel zu Gustav Ammann wäre sicher ein guter Startpunkt. Und ich bin mir sicher, dass diese paar Bücher Material für einige weitere Artikel hergeben würden… nach und nach könnte ich mich so auch an komplexere Artikel heranwagen – besonderes fachliches Vorwissen ist dazu nicht nötig; Zeit und das nötige Interesse, sich mit dem Thema etwas näher auseinanderzusetzen, sind durchaus ausreichend.
Vielleicht versuchst du es ja selber auch noch mal. Wenn du dich zu Beginn an einfache Artikel heranwagst, gelingt der Einstieg bestimmt. Wichtige Elemente eines neuen Artikels sind: Eine kurze Zusammenfassung eingangs des Artikels; ein Hinweis darauf, weshalb das Thema relevant ist; sowie eine Quellenangabe. Wichtig ist auch, dass du vorgängig abklärst, welche Themen aus dem Umfeld deines Artikels in der Wikipedia bereits abgedeckt sind. Vielleicht reicht es, wenn du einen bestehenden Artikel einfach ergänzt; und auf jeden Fall kannst du ein paar Links auf verwandte Artikel setzen. Bei Bedarf stehen für neue Autoren übrigens auch Mentoren zur Verfügung, die bei Fragen gerne weiterhelfen.
Auf weitere Erfahrungsberichte, auch von den anderen, die hier mitlesen, bin ich sehr gespannt.