Kultur

Blick zurück auf ein halbes Jahrhundert

Blick zurück auf ein halbes Jahrhundert

Familie und Gesellschaft in Amerika kritisch-liebevoll gezeichnet.

John Updike gehört zu den amerikanischen Schriftstellern, die im Literaturgeschehen der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts viel Beachtung gefunden haben. In Romanen und kürzerer Prosa hat er sich immer wieder mit dem Wandel des Alltagslebens in den letzten 50 Jahren beschäftigt und besonders auch mit der Beziehung zwischen Mann und Frau.
Vor kurzem erschien aus seinem Nachlass ein letzter Band mit Erzählungen:
"Die Tränen meines Vaters".
Rowohlt, 368 Seiten, 19,95 €
USBN 978-3-498-06889-9

In den 18 Geschichten dieses Buches nimmt sich Updike mehrheitlich ältere oder altgewordene Männer vor. Sie erinnern sich an ihr früheres Leben, an Reisen mit ihren Partnerinnen, erleben die Einschränkungen des Alters, setzen sich mit Kindern und Enkelkindern auseinander. Selten beginnen sie etwas Neues – und auch dies führt zumeist in die Vergangenheit. Erinnerungen könnten schwermütig machen – nicht in Updikes Erzählungen! Der Autor schreibt in klarer Sprache und so humorvoll, dass jeglicher Anflug von Melancholie sich in Schmunzeln auflöst, ohne dass jemand ins Lächerliche gezogen würde.

Die Titelgeschichte erzählt vom Vater und der Jugend des Ich-Erzählers, seinem Verhältnis zu ihm, von den Lebensverhältnissen in den 1920er Jahren und von seiner Beziehung zu Deb, seiner ersten Frau. Die harten Umstände erlaubten scheinbar nicht, seine Gefühle zu zeigen, so sah der Erzähler seinen Vater nur einmal in seinem Leben Tränen vergiessen, als dieser sein Elternhaus verliess, um in Boston zu studieren. – Wie schwer es aber auch der nächsten Generation noch fällt, Emotionen zu leben, zeigen die letzten Worte, nach dem Tode des Vaters: "Deb . . . nahm mich in die Arme und sagte: 'Weine'. Obgleich ich die Gelegenheit sah und die Berechtigung, sie zu ergreifen, glaube ich nicht, dass ich geweint habe. Die Tränen meines Vaters hatten meine aufgebraucht." (S. 267).

Mit sanfter Ironie erzählt Updike in "Die Strasse nach Hause", wie David Kern mit einem gemieteten Auto nach Jahrzehnten zurückfährt aufs Land, wo er aufgewachsen ist. Zuerst besucht er Verwandte, danach ist er zu einem Klassentreffen eingeladen. Er findet sich in der Kleinstadt seiner Kindheit und Jugendzeit nicht mehr zurecht, es regnet, was die Sicht beeinträchtigt, natürlich sind die Strassenführungen inzwischen anders, bekannte Gebäude verschwunden. Er verfährt sich also und kommt zu spät zum Klassentreffen. Und damit er schliesslich sein Hotel wiederfindet, fahren seine Kameraden am Schluss gemeinsam mit ihm in einem Konvoi.

Foto unten: Blick auf den Atlantik.
Das Meer spielt in Updikes Erzählungen eine wichtige Rolle.

Blick auf den AtlantikEinsamkeit – ein Thema, das bei Updike untrennbar mit Altwerden verbunden ist, - führt Craig Martin in "Archäologie in eigener Sache" zur Erforschung der Spuren früherer Besitzer auf seinem Grundstück nahe dem Atlantik. "In seiner zunehmenden Isolation – in die Jahre gekommene Golfkumpel tot oder im Sterben liegend, seine alten Geschäftskontakte abgerissen, kein Büro mehr, in das er gehen könnte, seine Frau immer weg, bei ihrem Bridge oder ihren Komitees, . . ." so beginnt diese Erzählung. Was folgt, ist aber keine zu Tränen rührende Nostalgie, sondern genaue Beobachtungen der Erde ebenso wie Fantasien und Erinnerungen an seine früheren Jahre, die Craig im Traum verstören.

In "Deutschunterricht" deutet der Autor Abgründe an, die sich ergeben, wenn sachlich- nüchterne Beziehungen in einem Deutschkurs auf die private Ebene gezogen werden. Die Hauptperson Ed Trimble wird am Semesterende zusammen mit einer Mitstudentin, mit der er sich angefreundet hat, zur Kursleiterin Frau Mueller eingeladen. "Ed und Andrea wären nicht hingegangen, wenn sie gewusst hätten, wie man eine Einladung ablehnen sollte, die unbeholfen die amerikanische Trennlinie zwischen bezahltem Unterricht und sozialem Umgang überschritt." (S. 201) Bei diesem Besuch und zwei weiteren Treffen zeigen sich die Deutschen Franz und Hedwig Mueller im schillernden Licht früherer Hitlerjahre, und ein andermal braucht es die unkomplizierte amerikanische Freundlichkeit, um Muellers aus einer peinlichen Situation herauszuhelfen.

Zu den ironisch-heiteren Geschichten gehört "Stromausfall". Bei einem starken Herbststurm wird die Elektrizitätsleitung im kleinen Ort von New England unterbrochen, wo Evan Morris mit seiner Frau lebt.
Nachdem dieser – allein daheim – feststellen muss, dass nichts mehr funktioniert, fährt er mit seinem Auto ins Dorfzentrum, wo aber auch nichts läuft. Auf dem Heimweg begegnet er seiner blonden Nachbarin, attraktiv ganz in weisses Vinyl gekleidet, vom Stromausfall verängstigt, allein und hilflos. Evans bringt sie heim, drückt den richtigen Knopf, sodass die Alarmanlage mit ihrem piepsenden Ton nicht mehr nervt. Und dann scheint eigentlich alles auf die schiefe Bahn eines Seitensprungs zu rutschen, doch der Strom kommt zurück, die Alarmanlage funktioniert wieder normal, und Evan zieht sich wieder in die "reale Welt" seines Hauses zurück. Hier spielt Updike brillant mit den erwarteten Klischees und lässt sie ins Leere laufen.

Auch eine Geschichte über 9/11 hat Updike geschrieben, erzählt aus der Perspektive mehrerer (fiktiver) Beteiligter. Der Fall der Twin Towers im September 2001 hat das amerikanische Selbstvertrauen bekanntermassen zutiefst erschüttert. Auf 29 Seiten lassen sich davon nur ein paar Splitter erfassen.

Wer auf seinen Reisen durch Amerika auch das kleinstädtische Leben im Hinterland der grossen Metropolen kennengelernt hat, wer sich gern an Filme wie "The Last Picture Show" von Peter Bogdanovich erinnert, wer nachfühlen kann, wie schwierig es sein mag auszudrücken, was man fühlt, wer einfach erfahren will, wie Updike seine eigene Generation und die seiner Väter schildert, dem sei die Lektüre dieses Buches sehr zu empfehlen.

Foto des Autors unten: © Wikimedia / Dennis Kan, National Endowment for the Humanities

1932 in Pennsylvania geboren, wuchs John Updike bis zu seinem 13. Lebensjahr auf einer abgelegenen Farm in ärmlichen Verhältnissen auf. Seit 1938 litt er lebenslang unter Psoriasis; außerdem stotterte er. Seine Mutter, die selber literarische Ambitionen hatte, hatte ihn ermutigt zu schreiben.
Von 1950 an studierte er Anglistik an der Harvard-Universität und wirkte in der Redaktion der Universitätszeitschrift Harvard Lampoon mit. Frisch verheiratet, verbrachte er 1954 ein akademisches Jahr an der Ruskin-Kunstschule im englischen Oxford. Dort lernte er die White's kennen, Mitarbeiter der schon damals renommierten Zeitschrift The New Yorker, die ihm anboten, mitzuarbeiten.
1957 verließ Updike den New Yorker, zog nach Ipswich/Massachusetts und widmete sich fortan ausschließlich dem Schriftstellerberuf. Sein erstes Buch, der Gedichtband The Carpentered Hen, erschien 1958, sein erster Roman, The Poorhouse Fair, der von den Bewohnern eines Altersheims erzählte, ein Jahr darauf. 17 Jahre lebte Updike in Ipswich, das die Vorlage für den fiktiven Ort Tarbox in seinem Roman Ehepaare (Couples, 1968) bildete. Dieser erotische Roman zum Thema Ehebruch veranlasste das Time Magazin, mit der Schlagzeile "The Adulterous Society" ("Die Ehebruch-Gesellschaft") Updike zum Kritiker der konservativen amerikanischen Gesellschaft zu erheben.
Berühmt wurde Updike mit dem Roman "Rabbit, Run" (dt. Hasenherz), dem 1960 erschienenen ersten Band der Rabbit-Reihe. Updike ließ die ursprüngliche Fassung von seinem Verleger bearbeiten, um eventuell zu erwartende Probleme wegen sexuell anstößiger Szenen zu vermeiden. - Mit dieser Serie ist es Updike gelungen, die äußere, materielle Entwicklung der USA sowie die Veränderungen des amerikanischen Selbstgefühls zwischen den späten fünfziger Jahren und der Jahrtausendwende präzise zu analysieren und genau, doch gleichzeitig poetisch zu beschreiben.
Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter 1982 der Pulitzer-Preis für "Bessere Verhältnisse" und 2004 der Faulkner Award, widerspiegeln den Erfolg seiner zahlreichen Veröffentlichungen seit den 1980er und 1990er Jahren.
John Updike starb 2009 im Alter von 76 Jahren an Lungenkrebs.

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