Im Herbst 2000 gut zu Fuss mit 63 Jahren; im Sommer 2011 ist's vorbei.
Hinfahrt gestern am 17. September 2000, Bern ab 15.16, La Punt an 19.25.
Warmer, heller, blauer Nachmittag. Das Licht im Engadin ist wieder etwas ganz Besonderes. Segantini wusste, warum er hier malte.
Am Himmel einige Wolkenschiffe gleich mottenden Scheiten, die man mit Blasen zum Erglühen bringt: Gleichsam als Abschiedsgruss an Enden und Rändern von der Sonne gerötet, die längst hinter die Bergrücken in die Dämmerung getaucht ist.
Das ist es wieder, mein Engadin.
(Mir bleiben das Gold Venedigs und das blaue und grüne Licht des Oberengadins mit den im Herbst rot, gelb, grün und schattenblau erschauernden Wäldern immer in naher Erinnerung.)
Heute morgen wieder so hell wie gestern.
Auf den Wiesen glänzt matt der Reif. Die Sonne wärmt, aber der Morgen behält trotzdem noch eine Zeitlang seine frische Kühle.
Um 08.50 beginne ich der Albulastrasse nach aufzusteigen. Oberhalb der letzten Häusergruppe wende ich mich auf dem Nordhang gegen Osten, auf der Via Engadina, nach Bever – 1 Stunde und 28 Minuten ungefähr. Etwas nach zehn Uhr bin ich in Bever; ich nehme den nächsten Zug nach Pontresina.
Von dort marschiere ich in 1 Stunde und 6 Minuten über den Laj da Staz nach St. Moritz-Bad, wo der Bus gerade gleichzeitig an der Haltstelle Post ankommt.
Ich fahre mit bis Maloja.
Einem meiner Lieblingswege folgend, steige ich eine knappe Halbstunde steil auf,
erreiche nach einer weiteren Halbstunde, nicht mehr so heftig ansteigend, Blaunca, Grevasalvas und, wiederum absteigend, Plaun da Lej in total 1 Stunde und 25 Minuten.
So bin ich im Ganzen 4 Stunden lang marschiert, immer schön unterbrochen von langen Pausen im Zug oder Bus. Zurück von St.Moritz bin ich um 15.25 in La Punt mit dem Zug.
Der Tag ist von Stunde zu Stunde trüber – von Wolken verdunkelt – und kühler geworden. Der von Südwesten zunehmend aufkommende Wind hat unangenehm gewirkt.
Etwas trüb ist die Sicht; die Landschaft liegt wie unter grauen Schleiern. Immer wieder zwängt sich die Sonne durch ein Loch im Grau, hofiert von einem Flecken blauen Himmels.
Zum Wandern ist es ein guter Tag, weil nicht heiss.
Der frühe Morgen ist hell und klar, am Boden liegen
ganz leichte Nebel, trotz der Kälte. Später drücken Wolken grau über alle Berglücken, durch alle Täler und vom Bergell her hinein ins Hochtal.
Und jetzt: Möglich, dass es bald regnen wird. (Alexander Xaver Gwerder hat den Titel und Satz geschrieben: „Möglich, dass es gewittern wird“ – ein wundervoller Text – wer kennt ihn wohl noch?)
Um 09.25 Fahrt von La Punt nach Zernez, von dort mit dem Postbus weiter um 10.10 nach Il Fuorn.
Auf dem Weg nach Alp Grimmels wandern frühere Tage mit:
Im Herbstschnee mit Agnes und der Filmkamera vor 30 Jahren, mit geflicktem Riss im Bauch.
1986 haben die sechseinhalbjährige Rahel und die fünfjährige Madeleine in ihren türkisfarbenen Kapuzenpelerinen gefroren und ihre kleinen kalten Hände in meinen grossen Handschuhen gewärmt und geschützt.
Von Grimmels aus erspähe ich mindestens fünf schwarze Punkte, aber auch mit Sicherheit zwei Hirsche oder Gemsen.
("Schwarze Punkte" sind eine Erinnerung an die Zeiten, in denen ich meine schulpflichtigen Mädchen damit belustigte, ich hätte Wild gesichtet, "dort, diese schwarzen Punkte neben dem Felsblock...")
Was ich nie erwartet hätte:
Vom Champlönch aus höre ich um zehn nach zwölf einen Hirsch röhren. Ein weiterer antwortet ihm ganz nah. Unheimlich klingt’s, wenn man so allein auf dem Weg übers Hochmoor geht. Immer wieder hin und her hornt der unvergleichlich düstere, fast melancholische Ton.
Ich höre so lange zu, dass ich unten auf dem Parkplatz dafür eine knappe Stunde auf den nächsten Postkurs warten muss.
Das gibt mir allerdings Gelegenheit, diese Zeilen aufzuschreiben.
Heute ist alles ganz anders. Meine Gehfähigkeit hat drastisch abgenommen, meine Belastbarkeit auch. Je nun: Elf Jahre älter geworden...