Kultur

Alice Munro, Tanz der seligen Geister

Alice Munro, Tanz der seligen Geister

Die frühen Erzählungen der grossen kanadischen Schriftstellerin        

                                                     

Wer Alice Munro einmal gelesen hat, wird gerne mehr von ihr lesen. Ihre Erzählungen zeichnen sich durch genaue und zarte Schilderungen der Personen und ihrer Umgebung aus, sie faszinieren, so unspektakulär sie oft erscheinen. Ohne sich an ihre Biografie zu klammern, benutzt die Autorin Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebtes und Gesehenes aus ihrer Kindheit und Jugend im englisch-europäisch geprägten ländlichen Kanada, um daraus subtile, oft mit schmerzlichen Erfahrungen verbundene Geschichten aus den 1940-50er Jahren zu schaffen. In Ontario, in der Landschaft zwischen den grossen Seen, ist Alice Munro aufgewachsen, später hat sie lange in der Gegend um Vancouver, dem "wilden Westen" Kanadas, gelebt.

Der Sammelband "Tanz der seligen Geister" erschien 1968 in Toronto als erstes Buch der Autorin, wurde aber erst vor kurzem ins Deutsche übersetzt, wobei meines Wissens einzelne Erzählungen schon in früheren Sammlungen erschienen waren.

In dem Moment, als ich zu diesem Buch griff, fiel mir auch ein, dass ich mich vor gar nicht langer Zeit mit John Updikes letztem Erzählband "Die Tränen meines Vaters" beschäftigt hatte. Beim Lesen wurde mir schnell bewusst, dass sich Munro (geb. 1931) und Updike (geb. 1921) – trotz ihrer Unverwechselbarkeit – durchaus vergleichen lassen, vor allem wenn man sich bei Updike auf das erwähnte Buch beschränkt. Beide setzen sich mit der Epoche ihrer Kindheit und Jugend auseinander, beide schildern ländliche, kleinstädtische Verhältnisse. Wer genau hinschaut, findet Unterschiede zwischen den US-amerikanischen und den kanadischen Verhältnissen. – Auch heute noch legen besonders Kanadier grossen Wert darauf, nicht mit US-Amerika gleichgesetzt zu werden.

Was Alice Munro von John Updike unterscheidet, ist ihre weibliche Sicht. Das ist keineswegs feministisch oder ideologisch zu verstehen. Munros Hauptpersonen sind häufig junge Mädchen, die sich aus ihren engen Verhältnissen herauszukämpfen versuchen. Eine scheiternde Liebe schildert sie aus der Sicht der jungen Frau, wo Updike den Blick des jungen Mannes wählen würde. Oder sie lässt eine junge Frau, inzwischen verheiratet, mit ihren Kindern zu ihrer Schwester zurückkommen, wo sie dieselben versteinerten Verhältnisse vorfindet wie 10 Jahre früher. Die "weibliche Sicht" umfasst auch die genaue Beschreibung der häuslichen Umgebung, der Gärten, den Umgang der Nachbarn miteinander, das Geschwätz übereinander ebenso wie die Wortlosigkeit.

Tanz der seligen Geister

Von den insgesamt 15 Erzählungen sollen zwei hier vorgestellt werden. Die Titelgeschichte "Tanz der seligen Geister" spielt auf Willibald Glucks bekannten "Reigen seliger Geister" aus seiner Oper "Orpheus und Eurydike" an. Die uralte Klavierlehrerin, zu der "man" seine Kinder schickt, veranstaltet jedes Jahr ein Fest, bei dem alle ihre Klavierschüler und -schülerinnen vorspielen müssen. Die alte Frau hält an ihren jahrzehntealten Gewohnheiten fest: "Es ist die einzige Gesellschaft, die sie noch gibt (soweit meine Mutter weiss, ist es die einzige Gesellschaft, die sie je gegeben hat, aber Miss Marsalles' heitere alte Stimme, unverzagt, von unermüdlicher Gastfreundlichkeit, beschwört die Geister von Teegesellschaften, Tanzabenden, Empfängen und gigantischen Familienfestessen). Ihre Enttäuschung, sagt sie, würde ebenso gross sein wie die der Kinder, wenn sie das aufgeben müsste." (Seite 360). So geht man auch dieses Jahr widerwillig hin, um der Etikette zu genügen und weil alle Ausreden zu fadenscheinig wären. Wie erwartet, zieht sich der schwüle Sommernachmittag mit endlosem Klaviervorspiel und inzwischen schlapp gewordenen Sandwiches in die Länge.

Als die Erzählerin, die älteste und damit die letzte beim Vorspielen, am Klavier sitzt, kommen noch einmal einige Kinder herein – zum grössten Schreck der anwesenden Mütter. Die Buben und Mädchen kommen nämlich aus einer "schlechten" Schule, wo Miss Marsalles ebenfalls unterrichtet. "Die sind aus der Klasse, die sie draussen in der Greenhill School hat. Liebe kleine Dinger, und manche davon sind ganz musikalisch, aber natürlich haben sie einen Dachschaden" (Seite 376), erklärt eine Nachbarin. Schliesslich setzt sich ein Mädchen im Alter der Erzählerin ans Klavier und spielt. "Es ist etwas Zartes, Höfisches und Heiteres, und es herrscht darin die Freiheit eines grossen, leidenschaftslosen Glücks. Und dieses Mädchen tut nichts weiter . . . als es so zu spielen, dass dies zu spüren ist . . . an diesem grotesken Nachmittag." (Seite 377).

Gerade von diesem Kind, das in der kleinbürgerlichen Gesellschaft eigentlich keinen Platz haben darf, kommt die musikalischste, in die Tiefe gehende Interpretation. - Mit ganz feiner Ironie lässt Munro durch diesen "Tanz der seligen Geister" eine Welt aufscheinen, die Welt der alten Lehrerin, die weiter und grösser ist als alles in diesem engen Ort, das in seinen verstaubten Konventionen gefangen ist.

Jungen und Mädchen

"Jungen und Mädchen" handelt davon, wie ein Mädchen plötzlich zum Mädchen wird. Die elfjährige Ich-Erzählerin hilft ihrem Vater, der von der Silberfuchszucht lebt, begeistert bei seiner Arbeit. Einmal hört sie, wie ihre Eltern über sie reden, dass sie lieber bei den Tieren als im Haushalt hilft. "Es ist, als hätte ich überhaupt kein Mädchen in der Familie" (Seite 202), beklagt sich ihre Mutter. So hört sie noch andere tadelnde Worte, was sie als Mädchen nicht hätte tun sollen, aber es berührt sie nicht.

Der Vater hält immer wieder einmal 1 – 2 alte Pferde, die er billig von Farmern der Umgebung übernehmen kann, um sie bei Gelegenheit als Futter für die Füchse zu schlachten. In einem Winter sind es ein altes schwaches Arbeitspferd und eine schnelle, draufgängerische, aber auch schreckhafte Stute, die das Mädchen und ihr kleiner Bruder heiss lieben. Im Frühling wird zuerst das alte Pferd getötet. Obwohl es ihnen nicht erlaubt ist, schauen beide durch ein Scheunenloch zu, wie der gebrechliche Gaul erschossen wird. Das Mädchen fühlt sich danach ebenso elend wie ihr Bruder, aber als die Ältere und Stärkere nimmt sie sich vor, darauf zu achten, dass ihr Bruder über diese traurige Erfahrung hinwegkommt.

Zwei Wochen später soll die Stute erschossen werden. Diesmal will das Mädchen keinesfalls noch einmal zuschauen. Die Stute Flora jedoch merkt, was auf sie zukommt und reisst sich im Hof los. Auf den Zuruf des Vaters hin hätte das Mädchen schnell das Hoftor schliessen sollen, doch stattdessen öffnet sie es ganz, ohne zu überlegen. Danach müssen der Vater und sein Gehilfe einen halben Tag lang die Stute jagen, bis sie sie endlich erschiessen. Das Mädchen weiss, dass das Pferd nicht entkommen kann. Ebenso weiss sie, dass sie zum ersten Mal ihrem Vater nicht gehorcht hat. "Ich stand auf Floras Seite, und das machte mich für alle nutzlos, sogar für Flora" (Seite 215). Sie fühlt sich schlecht und erwartet eine harte Strafe. Beim gemeinsamen Essen bringt der Kleine zur Sprache, dass seine Schwester die Stute absichtlich hat rennen lassen – die Ich-Erzählerin kann nur noch weinen. "'Lass mal', sagte mein Vater. Resigniert, sogar gut gelaunt sprach er die Worte aus, die mich erlösten und mich zugleich endgültig verdammten. 'Sie ist bloss ein Mädchen', sagte er. Ich protestierte nicht dagegen, nicht mal im Herzen, vielleicht stimmte es ja."

Feinheit der Beobachtung und Genauigkeit in der Sprache, das macht die Erzählungen von Alice Munro zu einem ausserordentlichen Lesevergnügen, auch wenn die Geschichten recht unterschiedlich sind. Sie spiegeln eine Gesellschaft und Lebensverhältnisse wider, die sich in den letzten 50 – 60 Jahren entscheidend geändert haben, in der neuen Welt gleichermassen wie in der alten. Und trotzdem sind die Erzählungen alles andere als verstaubt oder altmodisch.

Das Buch:

Alice Munro
Tanz der seligen Geister. Fünfzehn Erzählungen
aus dem Englischen von Heidi Zerning
Deutsche Erstausgabe. Originaltitel: Dance of the Happy Shades
Dörlemann Verlag Zürich
384 Seiten. Leinen mit Leseband. 3. Auflage in Druck
SFr. 39.90 (UVP)
ISBN- Nummer:  9783908777557

Leseprobe

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