Kultur

Kunst spricht mich an

Kunst spricht mich an

Teil 1

Wieder ein Sommer in Italien voller Kunstgenuss. Genuss? Bedeutet Kunst zurücklehnen und sich einfach dem Genuss hingeben? Oder macht etwas anderes die Faszination eines Werkes aus? Was erwarte ich eigentlich, wenn ich eine Ausstellung besuche, ein Konzert oder eine Performance? Was macht es aus, ob ich einen nachhaltigen Eindruck, eine lebhafte Erinnerung mitnehme oder ob schnell alles verblasst und vergessen wird? Fragen nach der Bedeutung von Kunst, auf die jeder Mensch seine eigene Antwort finden muss, eine Antwort, die wohl eng mit seinen ästhetischen Erfahrungen verbunden ist. Mit seinen Wahrnehmungs-Gewohnheiten, mit der Bereitschaft sich einzulassen und Anteil zu nehmen. Ein Kunstwerk findet seine Vollendung erst im Wechselspiel mit denen, die sich ihm zuwenden und sich von ihm berühren lassen. Davon möchte ich hier berichten und Rückschau halten auf einige überraschende Begegnungen mit Kunst, die ich in den letzten Wochen hatte.

Illuminations: 54. Biennale di Venezia

Ich hatte einiges gehört und gelesen vor unserem Besuch. Und mir auch schon Vorstellungen gemacht, was mich wohl ansprechen werde, was ich auf keinen Fall verpassen wolle – und es kam anders. Schon kurz nach der Ankunft in den „Giardini“ betraten wir den Schweizer Pavillon mit Hirschhorns Exponat. Ich war skeptisch. „Crystal of Resistance“ ein wildes, verwirrendes Spiel von Bergkristallen, überwältigenden Kreationen aus Alltagsgegenständen aus unserer verrückten Lebenswelt, herausfordernden Verfremdungen, irrwitzigen Collagen. Überrascht tauchten wir ein und blieben hängen. Ja, genau so lässt sich erreichen, was Hirschhorn will: widerständig sein gegen Moral, Tradition, Tatsachenwelt, konfrontieren und zum Dialog herausfordern. Kunst als Anlass, etwas noch nie Dagewesenes, etwas Neues und Unerwartetes zu denken. „Ich will mit dieser Form eine Wahrheit schaffen, die den Fakten und Gegebenheiten, den Meinungen und Kommentaren widersteht“, schreibt er selbst im aufgelegten Flyer. Sein „Vierteiliges Form- und Kraftfeld: Liebe, Philosophie, Politik, Ästhetik“ schaffte es tatsächlich, mich aufzufordern, das „Prekäre“ zu bejahen und mindestens einen kleinen Schritt hin zum „Lager des Prekären“ zu tun. Kunst wirkt – manchmal wider Erwartung. Eine erste Illumination war mir geschenkt.

Der Autor vor der Hirschhorn-Installation

Eine weitere Überraschung bot mir der Beitrag Saudi Arabiens. Auch hier war ich voller Vorurteile, nicht den Künstlerinnen gegenüber, sondern diesem Königreich. Doch der „Black Arch“ von Shadia und Raja Alem zog mich unvermittelt in seinen Bann. Atemlos folgte ich dem verwirrenden Lichtspiel, mit dem Bilder islamischer Tradition und die Halle des Arsenale miteinander verbunden wurden. Bilder von Pilgerscharen am Orte des Schiffsbaues für Kreuzzüge in symbolträchtiger Kreisform. Mekka und Venezia wurden eins, Kulturen verschmolzen in einmaliger Schönheit. Dem spannungsvollen Konfliktfeld von arabischer und europäischer Welt wurde in vollendeter Harmonie ein bewegtes und vielschichtiges Werk entgegengesetzt. Auch hier war mein Blickwechsel gefragt. Diesmal weg vom Prekären hin zur Vision einer Welt der Verschmelzung des Gegensätzlichen. Welch bezaubernde Aufforderung zu einer besseren Welt.

„Black Arch“ von Shadia und Raja Alem

Am zweiten Tag, Montag, die meisten Ausstellungsräume waren geschlossen, blieb Zeit für einen Ausflug auf die malerische kleine Insel Burano. Kein Museumsbesuch also, keine Kunst? Doch unerwartet blieb mein Blick immer wieder hängen. Da standen am Rande des Kanals ein paar alte Möbelstücke bereit zum Abtransportieren mit dem Boot, zufällig aufgestapelt. Oder zum Kunstwerk zusammengefügt? Was brachten sie – gewollt oder ungewollt – zum Ausdruck? Wovon zeugten sie? Da standen in einem Hof drei Stühle nebeneinander. Darüber hing Wäsche, ein oranges Tuch vor der weinroten Wand, daneben ein Tuch mit schmalen Streifen in Regenbogenfarben. Hinterhof oder Bühnenbild? Welcher Auftritt, welche Geschichte könnte hier Raum finden? Was liesse sich hier in Szene setzen?

Da lagen am Hafen die Utensilien der Fischer bereit. Ein Schwimmer ragte empor, ein Netz daneben drapiert, eine alte Flasche darunter. Eine kunstvolle Installation oder ein unbedacht hingeworfener Haufen? Was soll’s, jedenfalls haben die Kunstbetrachtungen meinen Blick geschärft. Und gleichzeitig haben die in der Betrachtung des Gewöhnlichen gewonnenen Fragen mir neue Perspektiven für die Sicht auf Kunstwerke in der Biennale geliefert. Die Skulpturen im Park der „Arsenali nuovi“ boten dazu einen vorzüglichen Einstieg: Eine Skulptur aus lauter leeren Getränkedosen, eine Spirale aus Vogelhäuschen in unterschiedlicher Höhe, aufgehängte Plastiksäcke, aus denen Pflanzen wuchsen, in Stein gemeisselte Bücher voller Poesie, die im Wiesengrund einzuwachsen begannen. Kunst als fremder Blick auf das Gewöhnliche: eine Bestätigung meines Kunstverständnisses.

Aus dem gewaltigen Angebot an „Illuminationen“ dieser breitgefächerten Biennale sei noch ein letztes Beispiel herausgegriffen: Die Einzelausstellung von Tim Davies, einem Künstler, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, bei dem wir zufällig vorbei kamen. In vielfältigen Kunstformen wie Collagen, Bildern, Videos, brachte er genau das zum Ausdruck, was mir wichtig ist. Das leichte Verschieben des Blickes, um Unerwartetes zu entdecken und zu staunen. Aus unzähligen Ansichtskarten mit Brücken als Motiv hat er diese isoliert von ihrer Umgebung, alles andere weggeschmirgelt, bis die nackte Brücke übrig blieb, und diese Brückenrudimente dann nebeneinander gehängt. Er liess einfach seine Hand im Wasser eines Kanals von Venedig spielen und filmte diese Berührungen und Bewegungen längere Zeit. Bei der feierlichen Zeremonie der Kranzniederlegung am Denkmal für gefallene Krieger blieb sein Kamerablick hängen an der Kadettin, die sich kaum auf den Beinen halten konnte und offenkundig abwesend war. Bei einer andern Feierlichkeit stellte er seine Kamera zwischen die Beine der Ehrengarden und registrierte so, was sich sonst den Blicken entzieht. Unspektakuläres, Verheimlichtes ins Licht rücken und so eine andere Wirklichkeit zeigen.

Genau das ist es, was Kunst vermag, was sie für mich anregend und unverzichtbar macht.

„Illuminations“? Ja, da wurde manches erhellt und beleuchtet. Da wurden notwendige Beiträge zur Aufklärung ausgebreitet. Da wurde gezeigt, wie illumiNATIONS zusammenwirken könnten über kulturelle, soziale und individuelle Grenzen hinaus. Da sind mir tatsächlich einige Lichtlein aufgegangen. Ein buntes Kaleidoskop von Werken hat mich nachdrücklich berührt.