Kultur

Kunst spricht mich an

Kunst spricht mich an

Teil 2

 

 

 

 

 

Musikalische Meditation in San Galgano

Ein Solokonzert des italienischen Pianisten Ludovico Einaudi in der Kirche von San Galgano stand auf dem Programm für den Abend unseres Rückreisetages vom Meer. Als der „most Zen“ Künstler war er im Programm angepriesen. Und das in San Galgano, der Kirche ohne Dach, mit Grasboden zwischen hohen Mauern mit gotischen Fenstern hinaus in die Sternennacht, einem mystischen Ort ohne Gleichen. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Doch die ganze Woche am Meer standen die Zeichen auf Sturm. Das Mittelmeer aufgewühlt, wie wir es noch nie gesehen hatten. Wind, der das Verweilen am Strand wenig angenehm machte. Und dazwischen immer wieder ein kurzer, aber heftiger Regenguss. Keine guten Aussichten für ein Konzert unter freiem Himmel. Tatsächlich durchquerten wir am Sonntag mehrere Regenfronten auf dem Weg von Talamone, unserem Traumort an der toskanischen Küste, Richtung San Galgano. Wir zweifelten und erwogen, direkt nach Siena zu fahren, in der Erwartung, das Konzert werde an einen überdachten Veranstaltungsort verschoben, wie wir es schon mehrmals erlebt hatten. Schliesslich fuhren wir am späten Nachmittag doch in San Galgano vorbei, um uns dort Gewissheit zu verschaffen – und betraten den offenen Raum als eben der Flügel auf die Bühne gehievt wurde. Ja, es sei vorgesehen hier zu spielen, wurde uns versichert. Wir schauten noch zu, wie probeweise ein weisses Partyzelt über den Flügel gestellt wurde, für alle Fälle, dann machten wir noch einen kurzen Abstecher zur nahen Rotonde, wo das Schwert des heiligen Galgano im Fels steckt, und nach Chiusdino, dem Geburtsort des Eremiten, hoch auf dem Berg.

Rechtzeitig zur Kassenöffnung waren wir zurück. Tatsächlich, alles deutete darauf hin, das Konzert werde im vorgesehenen Rahmen zur Aufführung gelangen – den aufziehenden Wolken zum Trotz. Wunderbar, auch wenn wir alles anziehen mussten, was wir mitführten und eine Wolldecke mitnahmen. Die Reihen füllten sich langsam, die Scheinwerfer warfen ihre Lichtkegel auf die alten Mauern. Was war das aber davor? Insekten? Staub? Oder Regentropfen? Ohne Zweifel, sie wurden stärker. Erste Schirme wurden geöffnet, wir zogen unsere Regenjacken an, dann reihten wir uns in den Zug ein, der unter den verbliebenen Dachresten über den Seitenschiffen Schutz suchte. Es goss in Strömen. Zum Glück war das Partyzelt rechtzeitig in Position gebracht worden. Doch die üble Überraschung tat der feierlichen Stimmung kaum Abbruch. Alles blieb gedämpft und still, keine Hektik kam auf. Wahrhaftig eine meditative Gelassenheit. Und wirklich, wenige Minuten vor dem vorgesehenen Konzertbeginn liess der Regen nach und hörte bald ganz auf. Noch unter dem Zelt setzte sich der Meister an den Flügel und begann. Schon die ersten Töne verzauberten mich. Eine Welt von Klängen verschmolz mit dem ehrwürdigen Raum. Die Dämmerung wurde zur Nacht, der Durchblick durch die hohen Fenster hinter der Bühne versank. Einaudi schwelgte versunken in seinem Spiel und liess mich mitsinken in eine mystische Atmosphäre jenseits von Raum und Zeit. Da spielte es keine Rolle, dass in regelmässigen Abständen das weisse Zelt wieder herein- und kurz darauf wieder weggetragen wurde. Das wurde zum Teil des Mythos, zum Tanz der Elemente. Bestimmt hatte Einaudi darauf bestanden, hier zu spielen, wie auch immer das Wetter mitspiele. Seine Musik könnte kaum einen passenderen Rahmen finden. Seine Einladung zur meditativen Versenkung hatte hier zu erfolgen, an einem Ort, an dem noch die Legende vom heiligen Galgano mitschwingt, welche die Verankerung des Menschseins in kosmischer Einheit zum Ausdruck bringt (vgl. Paul. O. Pfister: Die Rotunde vom Montesiepi, Waldgut Verlag, Frauenfeld 2000). Für diese Verbindung von Musik und spiritueller Botschaft können wir Einaudi nicht dankbar genug sein.

Kommentare

Bild des Benutzers agathepetignat

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Es ist schön, so etwas auf diese Art miterleben zu dürfen. Danke!