„Schraffur – Musikprojekt für Gong und Theater“ nennt sich das Stück des bekannten Basler Percussionskünstlers und Komponisten Fritz Hauser. Entwickelt aus einem Solostück für kleinen Gong, erweiterte Hauser das Werk zu einem abend- und theaterfüllenden Grossprojekt, mit welchem er „den Raum zum Klingen bringen“ wollte. Es ist ihm, das darf vorweg genommen werden, eindrücklich geglückt. Anlass war die Saisoneröffnung 2011/12 des Basler Theaters.
Das Werk wird lediglich zweimal aufgeführt, dann müssen die Beteiligten wieder an ihre normale Theaterarbeit, vom Malersaal über alle Abteilungen und Werkstätten bis zur Dramaturgie. Denn das begeistert aufgenommene Projekt wurde zur Hauptsache von den Angestellten des Theaters bestritten, einschliesslich natürlich auch von Ensemblemitgliedern aller drei künstlerischen Sparten sowie dem Theater- und Extrachor. Letzterer hatte im zweiten Teil des Abends seinen faszinierenden Einsatz mit Klang-Clustern, die sich langsam in die Höhe schraubten und wieder abebbten. Immer anwesend aber war während dieser ganzen Stunde der Klang der geriebenen Gongs oder anderer, alltäglicher Unterlagen, die in ununterbrochener, inszenatorisch ausgefeilter Abfolge am faszinierten Basler Publikum vorbeidefilierten. Da wurden neben den Gongs die unwahrscheinlichsten Gegenstände auf ihre Schraffurfähigkeit geprüft, von der Opernpartitur über den Brieföffner bis zu Penthesileas Schwert (oder war's Balmung?) und sogar Lohengrins Schwan. Und natürlich wurde auch der Kostüm- und Requisitenfundus geplündert, genauso wie diverse Horizont-Prospekte, die treuen Theaterbesuchern aus früheren Inszenierungen wohlbekannt waren. Theater also auch aus den alten und sparsamen Mitteln der Commedia dell’arte.
Hausers engster Mitarbeiter bei diesem Mammutprojekt war der Architekt Boa Baumann, mit dem Hauser seit bereits 20 Jahren Projekte im Bereich Architektur und Musik entwickelt. Ihm zur Seite standen vier musikalische Co-Direktoren, welche die Abläufe einstudierten und koordinierten. Die Produktionsleitung hatten Nathalie Buchli vom Basler „Kulturist“ zusammen mit Jurate Vansk vom Basler Theater inne. Und die grosse Anstrengung, welche mit intensiver Probenarbeit schon in der letzten Saison angefangen hatte, hat sich gelohnt: Der ganze einstündige Abend lief (wenigstens für uns als Publikum ersichtlich) mit grosser Präzision und trotz aller Disziplin in einer fast heiteren Leichtigkeit ab, die erstaunen liess. Wie Mitarbeitende es im Programmheft ausdrückten: „Es sorgt für eine positive Stimmung im Haus – ja sogar schon fast eine Euphorie“. An anderer Stelle: „Ein integratives Projekt für alle Mitarbeitenden und eine Gelegenheit, das Theater als Gesamtheit dem Publikum zu präsentieren.“ Und: „Ein magisches Projekt.“
Als nach einem grossen Tutti aller Beteiligten auf Szenerie und auch im Publikumssaal leise Glitzerschnee vom Schnürboden rieselte, perfekt wie auch alles Übrige ausgeleuchtet und theatralische Wirkungen erzeugend, wechselte die Beleuchtung plötzlich auf das kühle, nüchterne Arbeitslicht der Bühne, die Warntöne des Eisernen Vorhangs mischten sich in die zischelnde Fast-Monotonie der vielen geriebenen Instrumente und der betörenden Klang-Cluster des Chores, um langsam wieder zurück in die illusionistische Szenerie zu wechseln, während die Bühne sich behutsam leerte – ein Haydn’sche Abschiedssymphonie der heutigen Art. Und als das begeisterte und angeregte Premierenpublikum in den warmen Sommerabend hinausströmte, waren sich alle einig: Wenn die Basler Theaterarbeit unter Theaterdirektor Georges Delnon so gut fortgesetzt wird, wie sie an diesem Abend angefangen hat, ist uns um die neue Saison nicht bange. Denn, wie Fritz Hauser sagte: „Gerade in einem Theater sind sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen überaus bewusst, dass nur mit gemeinsamer Anstrengung ein Ziel erreicht werden kann.“
Nächste Premieren:
„Wozzeck“ Oper von Alban Berg, 17. September (wir werden darüber berichten!)
"Rusalka" Oper von Antonin Dvorak, 22. Oktober
„Die Götter weinen“, Schauspiel von Dennis Kelly, 15. September (deutschsprachige Erstaufführung)
„Hush, no more“, Ein musikalischer Theaterabend nach Shakespeare und Purcell, 16. September
„Ein Volksfeind“ Schauspiel nach Henrik Ibsen, 23. September