DAS Theater an der Effingerstrasse Bern:
Saisonbeginn mit Uwe Schönbeck
Klobig fast, trotz der an sich eleganten Form, steht in der ärmlichen Stube des Orchestermusikers sein Kontrabass. Zu Beginn und mal zwischendurch in der Ecke, dann wieder mitten im Zimmer, und der Musiker stützt sich darauf oder klammert sich daran. Wenn das Instrument auf seine Seite gestellt am Boden liegt, nimmt es fast den ganzen Raum ein, und der Bassist vom dritten Pult des Staatsorchesters stolpert beinahe darüber.
Flasche und Glas auf dem Tisch: Die gute Stunde zwischen Beginn der Rede des Musikers und der Zeit seines Aufbruchs zum abendlichen Dienst verlangt reichlich Nachschub an Bier.
Bier und Bass sind die Hauptvehikel in einer sachbezogenen, emotionalen, verbissenen, ausbrecherischen wütenden, Selbstfindung.

Spielraum und Ausstattung (Bühnenbild: Peter Aeschbacher, Kostüme: Sybille Welti) sind ausdrucksstarke Elemente, die dem Stück und der Inszenierung (Stefan Suske, bewährter Partner des Darstellers) voll gerecht werden.
Wer da erst sachlich über sich, sein Instrument, seine Stellung als beamteter Orchestermusiker berichtet und dabei das Schwadronieren über die überragende Bedeutung des Basses im Orchester nicht unterlassen kann, ist Uwe Schönberg, der schon die letzte Spielzeit mit dem Monodrama „Der Herr Karl“ eröffnet hatte.
Proportional zum zunehmenden „Ausgleich des Verlusts an Körperflüssigkeit“ aus Glas und Flaschen wird dabei auch ein Hauptmotiv stärker: Angeregt von der Musik von der „Zweiten“ von Brahms über die Oper bis zu Schubert, verwebt der Bassist seine mehr oder weniger haltbaren Reflexionen immer vordergründiger mit Sarah, der jungen Sopranistin, Inbegriff seiner Träume von Flucht aus der Einsamkeit.
Ein weiteres Motiv verwandelt sich aus der anfänglichen – wenn auch übertrieben zelebrierten – Sachlichkeit in erschütternd emotionale Abgründigkeit: Die Bedeutung des Kontrabasses und seiner Stellung im Orchester verwandelt sich in den Mief von Mittelmässigkeit. Der Kontrabassist gesteht schliesslich ein, dass er schlecht spielt. Doch vermutlich spielt er viel besser, als er in seinem übersteigerten Elend, begründet durch Einsamkeit und Bedürfnis nach Geliebt werden und Lieben, glaubt feststellen zu müssen.
Chancenlosigkeit, Traum, Einsamkeit, Verstiegenes und Verschüttetes: Eine meisterhafte Gestaltung von Uwe Schönbeck. Er hat sich den Text von Patrick Süskind sozusagen wie seinen Frack auf den Leib gepasst.
Die anderthalb Stunden seiner hinreissenden Bühnenpräsenz werden durch Hochspannung verkürzt. Der Schauspieler verfügt über eine Rhetorik, welche nie die Aufmerksamkeit auf den Inhalt des Monologs abreissen lässt, was allerdings auch für den Autor Patrick Süskind spricht. Dieser weiss um „…Menschen, in denen steckt ein ganzes Universum, unermesslich. Aber herauskriegen tut man es nicht…“. Natürlich kriegen es Autor und Darsteller im Falle des einsamen Orchesterbassisten heraus. Einer der Gründe ist der eindrückliche und vielseitig reflektierende Sprachwitz der Dialoge, den Uwe Schönbeck bravourös ins Publikum zu transportieren vermag. – Nur selten in letzter Zeit habe ich im Zuschauerraum ein so lebendiges Mitgehen und Reagieren des Premierenpublikums erlebt!
Ein anderer Grund ist das Netz der motivischen Assoziationen in Text und Inhalt. So ist mir immer, als absoluter Kontrast natürlich, Georg Kreislers Mann mit dem Triangel eingefallen, der Bescheidene, der sich mit seinem Schicksal versöhnt hat. Schönbecks und Süskinds Kontrabassist kann das nicht, soll es auch nicht können. Doch die Spannung zwischen dem hohen und kleinen zum grössten und tiefsten der Orchesterinstrumente und die damit verknüpften Schicksale ihrer Spieler schwingt formal im Erleben des Monologs mit. Auch psychologische Vorgänge, ja Finten, wirken mit, über die der Einsame, der Durchschnitts-Musikbeamte mit seinen hoffnungslos erstickten Träumen, wie von selbst stolpert.