Kultur

Kunst spricht mich an

Kunst spricht mich an

 

Teil 3

 

 

 

 

Unsichtbare Städte auf alten Mauern

„Le città invisibili“, ein poetisches Werk von Italo Calvino (1924 – 1985) packte uns schon vor einiger Zeit. Wir entschlossen uns, in diesem Sommer täglich vor dem Frühstück eine der unbeschreiblichen Stadtbeschreibungen in Deutsch und Italienisch vorzulesen. In fiktiven Gesprächen schildert Marco Polo dem Mongolenherrscher Städte seines Reiches mit ihren Besonderheiten. Städte der Erinnerung, in denen der Dialog von Wünschen, Träumen und Erinnerungen an jeder Ecke spürbar wird. Oder Städte der Zeichen, in denen die symbolische Bedeutung jedes Bauwerks, jedes Tores und jeder Mauer offenkundig wird. Wo die Bedeutung unserer Sprache für Wahrnehmung und Orientierung am fremden Ort herausgestrichen wird. Oder Städte des Austausches, in denen klar wird, dass es nicht nur darum geht, auf dem Markt mit Waren zu handeln, sondern auch darum, die Vielfalt der erlebten Geschichten auszutauschen. Oder subtile Städte, die den Zusammenhang zwischen Weltanschauung und Städtebau erahnen lassen. Eine Fülle von anschaulichen Bildern, die zum Nachdenken anregen und natürlich auch zur Umsetzung der dichten Texte in andere künstlerische Medien.

So waren wir denn gleich begeistert, als wir im Programmheft lasen, dass zum Abschluss des Volterrateatro 2011 im Rahmen der Festa della Luce auf der Piazza dei Priori Ausschnitte aus Calvinos Werk zur Aufführung gelangen sollten. Die Piazza soll sich mit Calvinos Worten füllen, die sagenhafte Theatergruppe des Kerkers von Volterra werde beteiligt sein, Genaueres war nicht in Erfahrung zu bringen, aber das wollten wir auf keinen Fall verpassen.

So kauften wir rechzeitig Karten und waren am frühen Abend dort, fanden auch einen vortrefflichen Platz zum Nachtessen, bevor abgesperrt wurde. Gespannt warteten wir, was da kommen sollte.

Während sich der Platz mit Menschen jeden Alters füllte, erklang Musik, mal mit stiller Zurückhaltung, mal in voller Lautstärke, mal in weichen Klängen, mal in schnellen Rhythmen. Dann begannen die Scheinwerferkegel über die ehrwürdigen Mauern zu huschen und schliesslich wurde die ganze vornehme Häuserfront zur Projektionsfläche. Für einen riesigen Sternenhimmel zunächst, auf dem nach und nach alles in Bewegung geriet. Neue Städtesilhuetten entwickelten sich auf den alten Mauern, immer neue Dimensionen erschliessend. Kaum war noch auszumachen, was Hintergrund und Bild war. Menschen belebten die fiktionalen Räume, Szenen entwickelten sich da und dort. Unglaubliche Bezüge entstanden. Wirklich, hier entstanden die unsichtbaren Städte vor unseren Augen.

Dann öffnete sich irgendwo ein Fenster des Palastes, aus dem ein Ausschnitt von Calvinos Poesie vorgetragen wurde, von Musik umrahmt, mit den Bildern verwoben. Wir folgten atemlos, liessen uns verzaubern und inspirieren. Klänge und Worte, Lichtspiel und Gemäuer, Buchstaben und Bildzeichen, mittelalterliche Miniaturen und surreale Collagen, welch ein Wechselspiel. Ja, da fand Calvinos reichhaltige Sprache und tiefsinnige Philosophie eine würdige Entsprechung, da wurde multimediale Kunst zur Meisterschaft gebracht. Tief bewegt machten wir uns auf den langen Heimweg durch die Nacht und hingen in der Stille dem Erlebten nach.