Immer dort, wo künstlerisch gestaltete Werke hineingestellt werden in möglichst urwüchsige Naturlandschaften, fühle ich mich besonders angesprochen. Ein solch besonderer Ort, den wir seit einigen Jahren immer wieder zu allen Jahreszeiten aufsuchen, ist der „Parco Sculture del Chianti“ unweit von Siena. Hier haben Rosalba Bella und Piero Giadroni 2004 einen Traum verwirklicht, der genau meiner Vision entspricht, wie Kunst wirksam werden soll.
Ein unberührtes Stück lichten Eichenwaldes unweit einer alten Brennerei, La Fornace, dient als Ausstellungsraum. Da hin luden sie Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt ein, sich einen Platz zu suchen und einen Vorschlag zu unterbreiten, für eine Skulptur, welche sie für jenen Ort gestalten wollten. Angestrebt wurde eine Vielfalt von Materialien und Ausdrucksformen, die keiner einheitlichen Kunstrichtung zuzuordnen sind, ein Gesamtkunstwerk, das eben gerade durch die Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit seiner Elemente zur harmonischen Einheit wird.

Natur und Kunst
Wenn ich dem kurzen Rundweg folge, bin ich jedes Mal aus Neue fasziniert von der Harmonie, die mich hier umgibt. Nicht ohne Dissonanzen, nicht ohne ironische Nebenklänge, nicht ohne überraschende Veränderungen, wenn ich einem Werk aus unterschiedlichen Perspektiven begegne. Da finden sich farbenfrohe Kunststoffgebilde mit schillernden Reflexionen neben sparsam reduzierten Steinfiguren. Eine Reihe von aufgepflanzten Steinen entlang einer Wegbiegung wird augenscheinlich zum «Limes». Eine begehbare Skulptur aus glänzend geschliffenem Marmor lädt ein, sich in unzähligen Facetten zu spiegeln. Daneben werden Fundstücke aus nahen Bauerngütern zum klingenden Mobile zusammengefügt. Und gleich zieht es dich in ein Labyrinth aus türkisfarbenen Kunststoffelementen, in dessen Mittelpunkt du in einen Spiegel blickst mit der Aufschrift «self». Im Ensemble all dieser Werke ist «Verbindlichkeit in der Vielfalt», eines meiner Postulate ästhetischen Gestaltens, meisterhaft verwirklicht.
Und wenn heute da und dort die umgebenden Natur sich einmischt und beginnt, sich das von Menschenhand Geschaffene wieder zu eigen zu machen, wenn zwischen den Ritzen Gräser spriessen und Spuren der Verwitterung Farbe und Form verändern, dann wird so das Zusammenspiel von Natur und Kunst in vollendeter Harmonie nur deutlicher.
Noch ist der Skulpturenpark ein unvollendetes Werk. Bei jedem Besuch ist eine Ergänzung auszumachen. Eine grosse Bereicherung wurde im Herbst 2009 eingeweiht. Beim Eingang entstand ein Amphitheater mit stimmungsvoller Atmosphäre. Im Halbrund sind Sitzreihen aus rohen Steinkuben gesetzt, schon bevölkert mit ersten Zuschauern aus Eisen: Chaplin, Fellini und andere Grössen unserer Kultur sind auszumachen. Die Bühne besteht aus riesigen Lavaplatten und die Kulisse bilden zwei weisse Marmorplatten, versetzt hinter zwei schwarzen Graniten. Dahinter beginnt der Wald. Ausgerichtet ist die ganze Anlage gegen Westen, so dass während den Aufführungen am frühen Abend die sinkende Sonne Teil der Inszenierung auf der Bühne wird.
Jeden Dienstagabend wurde in diesem Sommer ein Konzert angeboten. Wir waren zweimal dort und erlebten jedes Mal eine Überraschung. Für unseren ersten Besuch wählten wir ein Konzert mit Filmmusik dargeboten von einem «Trio Mila». Dieses entpuppte sich als eine Formation von drei Frauen mit Harfe, Flöte und Gesang. Ich war irritiert: Wie sollte diese Instrumentierung Filmmusik zum Klingen bringen? Das entsprach keineswegs meinen Erwartungen. Aber schon nach wenigen Takten war ich eines Besseren belehrt. Mit spürbarer Begeisterung und Hingabe wurde hier eindrückliches Zusammenspiel gepflegt. Da wurde nicht nur Musik gemacht, sondern auch mit den Instrumenten getanzt. Da waren Menschen mit Leib und Seele in Kontakt miteinander und mit dem Werk, das sie zur Aufführung brachten. Was störte es da, dass die Sängerin nicht all ihren Stücken ganz gewachsen war. Hier wurden Rhythmen und Klänge in einen kunstvoll gestalteten Raum gesetzt, der mit der umgebenden Natur eine vollendete Einheit bildete. Langsam wurde dahinter das Licht der Sonne schwächer, die Vögel stimmten ein... Überzeugender kann mein multidisziplinäres Kunstverständnis wohl kaum verwirklicht werden.

Der Autor, in Zwiesprache mit Kunst und Natur
Das zweite besuchte Konzert versprach mit dem Titel «Unter dem Vesuv» ursprüngliche neapolitanische Lieder. Eine Sängerin war angekündigt, doch wieder erschien ein Trio. Die Flötistin war dieselbe wie in der Woche zuvor. Wie unterschiedlich aber war das Zusammenspiel diesmal. Da trat offensichtlich eine Solistin mit zwei Begleiterinnen auf. Eine Solistin mit hohem Anspruch, welche mit klassischen Arrangements von Volksliedern zu Beginn beeindrucken wollte. Beinahe wären wir nach den ersten zwei, drei Stücken abgeschlichen. Dann aber wich der anfängliche Druck – und zum Vorschein kam eine in der süditalienischen Volksmusik beheimatete archaische Stimme. Jetzt war sie wieder da, die Authentizität und Unmittelbarkeit, auf die ich auf keinen Fall verzichten kann, wenn Kunst mich ansprechen solle. Jetzt konnte ich wieder voll und ganz dabei sein. Darin wurde ich zusätzlich bestätigt durch einen jungen Mann mit Downsyndrom in der Reihe vor uns. Mitzuerleben, mit welcher ausdrucksstarken Anteilnahme er mitschwang, wie diese Klänge ihn berührten und mitrissen, das war eine zusätzliche Bereicherung dieses Kunsterlebnisses.
Ja, dieser Ort bietet tatsächlich einen Kunstgenuss im ländlichen Umfeld, der zur Hochkultur der Renaissance im nahen Siena eine wertvolle Ergänzung darstellt. Einen kleinen Einblick kann gewinnen, wer sich auf der Homepage www.chiantisculpturepark.it auf den virtuellen Rundgang macht.
Balsam
Ich freue mich sehr an diesen einfühlsamen Beschreibungen.
Vielen Dank!