Kultur

Wozzeck - das Leben ein Alptraum

Wozzeck - das Leben ein Alptraum

Eine Aufführung internationalen Zuschnitts eröffnet die Opernsaison am Basler Theater.

 

 

Im Jahre 1921 beendete der Wiener Komponist Alban Berg (1885-1935) seine Oper Wozzeck nach Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck".

Schwebende Naturstimmung

Während dieser Arbeit hielt sich der Komponist zwischen 19110 und 1918 sommers immer wieder im idyllisch gelegenen Hause seiner Schwiegereltern, der Familie Nahowski, in der Steiermark auf.  Warum ich hier dieses Haus in der von Wien doch recht entfernten Steiermark erwähne? Nun, auch ich durfte vor vielen Jahren zwei Ferienwochen in diesem Hause verbringen, in der Villa Alban Berg, wie sie jetzt heisst, an der Alban Bergstrasse 1 in  Trahütten ob Deutschlandsberg, in der grünen Weststeiermark. Und während dieses Aufenthaltes in dem von unzähligen Erinnerungen vollgestopften Haus  tauchte ich auch immer wieder ein in diese schwebende Naturstimmung zwischen fast erstickendem Grün ringsum und der leicht unheimlichen Nacht unter einem riesigen Mond inmitten der meist  menschenleeren Wälder hinter dem kleinen Ort.

Diese zwitterhafte Stimmung ist in Alban Bergs Oper „Wozzeck“ auf eine suggerierende, soghafte, sehnsuchtsvolle und gleichzeitig mit Vernichtung drohende Weise eingegangen.

"Ein Feuer fällt von der Erde in den Himmel"

Berg ordnete nicht nur die unbezifferten Dramenfragmente des Autors Georg Büchner (1813-1837), der sein Stück nach einem tatsächlichen Vorfall von 1821 verfasst hatte, sondern brachte in das gesellschaftspolitische Drama Büchners menschliche Wärme und einen geradezu antikischen Geist von Unausweichlichkeit des Schicksals. Das Schicksal eines Menschen, der anders ist als seine Umgebung, sensibler auf jeden Fall,  wahrscheinlich auch etwas ver-rückt, der Visionen hat, doch ein guuuter Mensch ist, wie es ihm immer wieder attestiert wird. Auf jeden Fall ist er aber in sein Unwissen eingesperrt wie in einen Käfig, gegen dessen Gitterstäbe er ununterbrochen anrennt. Und sich blutig schlägt dabei. Und schliesslich daran stirbt. „Ein Feuer fällt von der Erde in den Himmel.“

Musikalische Prosa

Wo Georg Büchner Grausamkeit der Umwelt und soziale Missstände relativ kühl konstatierte, litt  Berg mit seinen beiden Hauptprotagonisten, den Soldaten Wozzeck und seiner ihm nicht angetrauten Geliebten Marie, mit der zusammen er ein zweijähriges Kind hat. Arme Leute konnten sich zu diesen Zeiten keine Eheschliessung leisten. „Unsereins ist nun einmal unselig in dieser und in einer anderen Welt!“

Aber Alban Berg wäre nicht der Schüler Arnold Schönbergs und einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Schule gewesen, wenn sein Mit-Leiden und –Erleben nicht auf eine höchst kunstvolle und glanzvolle Weise geschehen würde. So sind die drei Akte der Oper bei aller Atonalität in strenge musikalische Formen gegossen – jeder Akt in fünf Sätze, die jedoch fliessend ineinander übergehen und die man – ganz so, wie es der Komponist wollte – beim Zuhören völlig vergisst bzw. gar nicht bemerkt. Schönberg sollte es später „musikalische Prosa“ nennen. Denn der Sog dieser Musik ist – ja! - so schrecklich schön, dass man der Handlung von Anfang bis zum blutigen Ende geradezu atemlos folgt. Diese Handlung treibt von Anfang an auf eine unausweichliche Tat zu, nämlich den Eifersuchtsmord an Wozzecks Geliebten  Marie und seinen eigenen Tod.

Grossartiges Orchester und Protagonisten

Eine Aufführung von Bergs „Wozzeck“ steht und fällt mit dem Orchester und den Protagonisten. Die Oper wird deshalb auch nicht allzu oft aufgeführt. Das Theater Basel, zweimal hintereinander zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt, konnte auch in dieser Spielzeit – der leider letzten unter dem so erfolgreichen Opernchef Dietmar Schwarz, der nach Berlin berufen wurde – das Unternehmen getrost wagen. Hat es doch mit dem neuen Chefdirigenten des Sinfonieorchesters Basel, dem Amerikaner Dennis Russel Davies, einen profunden Kenner der österreichischen Musikszene zur Verfügung. Russell Davies ist u.a.  anerkannter Bruckner-Spezialist. Seine Wozzeck- Interpretation mit dem Basler Sinfonieorchester ist in ihrer Kompromisslosigkeit und geradezu schneidenden Klarheit etwas vom musikalisch Mitreissendsten, was ich in Basel je erlebt habe. Das Orchester ist auf seinem musikalischen Höchststand, gefolgt von den durchwegs grossartigen Solisten auf der Bühne. Die beiden Hauptrollen und einige Nebenrollen sind mit Gastsolisten besetzt, doch auch Protagonisten aus dem hauseigenen  Ensemble sowie der ohnehin immer wieder begeisternde Basler Theaterchor können durchaus mit der hohen Qualität mithalten.

Die anspruchsvolle Titelrolle gestaltet der deutsche Bariton Thomas J. Mayer sowohl darstellerisch als auch sängerisch überlegen und in der Vorführung dieses in seinem Geiste gefangenen Menschen ungemein berührend – ein Glücksfall. Das Hin- und Hergerissensein zwischen Sinnlichkeit und verzweifelnder Trostlosigkeit von Wozzecks Geliebten Marie wird von der Südtiroler Sängerin Edith Haller mit fast animalischer Wärme interpretiert. Seit ich die Sängerin vor einigen  Jahren im Stadttheater St. Gallen als Tatjana in Eugen Onegin erlebt habe, hat sich  ihr grosser, schöner Sopran weiter entwickelt und ist allen Intervallsprüngen und dem enormen Stimmumfang der Partie mit Leichtigkeit gewachsen.  

Die Inszenierung

Die Inszenierung des deutschen Schauspielregisseurs Elmar Goerden, der sich als Opernregisseur in Basel bereits mit der erfolgreichen  Inszenierung von „Figaros Hochzeit“-bestens eingeführt hatte, versetzt die Szenerie in eine unpersönliche Miethaus-Architektur, in der das Unbehaustsein der Menschen umso stärker zum Ausdruck kommen kann. Das Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, unterstützt von den Video-Projektionen von Jana Schatz, entfaltet hier fast ein Eigenleben, das die Figuren orientierungslos um sich selber kreisen lässt. Das Publikum quittierte den  Abend mit anhaltendem Applaus und wahrhaft verdienten Bravorufen.

Nächste Vorstellungen: 23., 25. Sept., 9., 12., 15. Okt.

Abbildung: Der Gedenkstein im Garten der Villa Alban Berg in Trahütten. Foto: Josef Moser

www.theater-basel.ch