Ein Krimi aus Graubünden: „Der Duft des Verbrechens“
Der frühere Hausarzt Dr. med. Robert Vieli hat sich schon seit langem unter die Schreiber begeben und lesenswerte Texte verfasst. Er schrieb Kolumnen für Ärzte- und Kommentare für Tageszeitungen, in denen er mit viel Ironie und Sachkenntnis den medizinischen Betrieb glossierte und Auswüchse geisselte. Er hat aber auch gut gefügte Romane geschrieben, die sich jeweils mit zeitbedingten Erscheinungen und bekannten Skandälchen und „Stories“ beschäftigten. „Das Sterben eines Zynikers“ haben wir vor rund zwei Jahren hier vorgestellt. Vielis Bücher lassen einen nicht kalt. Es gibt viel zu lachen in seiner literarischen Praxis, aber manchmal bleibt dem Leser das Lachen auch plötzlich im Hals stecken...
Nun ist Robert Vieli also auch unter die Kriminalschriftsteller geraten. Seinem ersten Thriller „Der Duft des Verbrechens“ im Südostschweiz-Buchverlag, Chur, erschienen, sollen im Erfolgsfall weitere Krimis folgen. Er hat einem „Kriminaler“ das Leben zwischen den Buchseiten geschenkt, Kommissar Hafen, der sich oft ungeschickt unter lokalen Koriphäen und „Meinungsbildnern“ bewegt und oft an Konventionen stösst, die nicht nur zurückstossen, sondern auch seine Ermittlungen behindern.
Dabei erfährt der Leser schon bald, wer der Mörder zweier Ehefrauen ist. Nur muss Kommissar Hafen dies dem überaus hochgeschätzten Zahnarzt und Zahnstellungs-Korrektor Dr. Luck, einer Kapazität der Schönheitschirurgie, auch noch beweisen. Die Spannung des ersten Vieli-Krimis besteht für den Leser nicht in der dornenvollen Suche nach einem Mörder, sondern in der Zusammenführung einer lückenlosen Indizienkette, die dem Leser zwar plausibel erscheint, vom Rechtsanwalt von Dr. Luck, dem Strafverteidiger Primus, aber immer wieder ebenso plausibel in der Luft zerrissen wird.
Der Autor wäre nicht Robert Vieli, wenn er die Gelegenheiten ausliesse, sich auch in diesem Krimi über hohe Honorare eines so genannten Facharztes zu mokieren, sich ironisch über das moderne Zeitungswesen auszulassen (wobei er einen Grossteil der Arbeit des Kommissars von dessen Freund und ehemaligem Klassenkamerad Kasimir Jucker erledigen lässt), die Schwächen staatlicher Bürokratie aufzuzeigen oder an der Kompetenz von Hafens Vorgesetztem, Leo Pult, zu zweifeln. Immer wieder gelingen Vieli schmerzhafte Hiebe mit dem Florett. Er kennt das Metier der Medizin, aber auch den Umgang von Koriphäen untereinander. Er kennt die Kleinstadt, in der er lebt und den schnoddrigen Umgang der Meinungsmacher, die ausschliesslich Akademiker sind. Was ihm weniger gelingt, sind herzliche Gespräche zwischen Kollegen und Schulfreunden – aber dazu haben ja die Hauptpersonen dieses Krimis gar keine Zeit. Sie haben Fälle aufzudecken, die Auflage ihrer Zeitung hochzubolzen oder ihre Ehre als Spitzenleute ihres Fachs, der Gerichtsmedizin, des Geschäfts mit der Schönheit oder der Kriminologie zu verteidigen.
Die von Vieli gezeichneten Figuren wirken noch ein wenig holzschnittartig. Sein erster Krimi könnte auch ein paar Unzen mehr Spannung vertragen. Trotzdem ist dieser Erstling lesenswert, denn Robert Vieli gelingt, trotz aller Vorkenntnisse der Leserschaft, doch noch ein verblüffender Schluss des Buches, der hier natürlich nicht verraten werden soll.
„Der Duft des Verbrechens“, Kriminalroman von Robert Vieli, Südostschweiz Buchverlag, ISBN 978-3-905688-80-1