Kultur

Kunst spricht mich an  - 5

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Monticchiello: ein ganzes Dorf fürs Theater

Nur wenige Kilometer von Pienza, im Süden der Toscana, hoch überm Tal, angelehnt an die Ruinen seines Castello liegt der kleine Ort Monticchiello. Schon die Anfahrt begeistert. Je höher wir kommen, desto weiter wird der Blick übers Orciatal zum Monte Amiata. Da und dort ein Städtchen am Abhang in der klar gegliederten Landschaft mit Feldern und Olivenhainen, etwas Reben. Haben wir uns an dieser Aussicht satt gesehen, treten wir durchs Tor in den „borgo“. Ehrwürdige Mauern, wenige Gassen, kleine Plätzchen, eine stattliche Kirche im Zentrum, dazwischen ein Durchblick in die Ferne. Ein Ort voller Leben, der Tradition und Kultur mit Händen greifen lässt, fern der touristischen Rummelplätze. Kaum zu glauben, dass hier vor wenigen Jahrzehnten die Bevölkerung bedrohlich abwanderte. Dieser Entwicklung wurde etwas Wirksames entgegengesetzt: Das „Teatro povero di Monticchiello“.

Seit über 40 Jahren bringt die Dorfbevölkerung jedes Jahr im August ein „Autodramma“ zur Aufführung. Eine einmalige Theaterform, die in ihren Ursprüngen auf den grossen Giorgio Strehler zurück geht. Schon im Januar beginnen die Einwohnerinnen und Einwohner, in einer Cooperative zusammengeschlossen, mit der Entwicklung des neuen Stückes. Dabei wird aber nicht etwa auf das Repertoire des Volkstheaters zurückgegriffen. Nein, unter der Leitung eines Regisseurs wird die Geschichte im Diskurs selbst gefunden und entwickelt. Grundlage dazu sind historische Begebenheiten aus dem Ort, die in Erinnerung gerufen werden sollen, aktuelle lokale Ereignisse und Entwicklungen, bis hin zur grossen Politik Italiens und weltanschaulichen Grundfragen.  Standen in den Anfangszeiten Probleme des bäuerlichen Lebens im Zentrum, wurden Schritt für Schritt die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Toscana zum Thema der Aufführungen gemacht. Dabei fanden auch handfeste Konflikte vor Ort, wie etwa die Umnutzung traditionsreicher Güter oder die Errichtung einer neuen Siedlung unweit des Ortes, ihren Weg auf die Bühne. Diese Aufführungen sind es, die uns Jahr für Jahr nach Monticchiello führen.

So treffen wir auch dieses Jahr an einem herrlichen Sommerabend hier ein. Erstmals haben wir in einem neu eröffneten Bed and Breakfast im Ort für die Übernachtung reserviert, was uns einen geruhsamen Abend verspricht. Wie üblich, gilt unser erster Gang dem kleinen Modehaus Madalisa gleich beim Tor. Sein Besitzer ermunterte uns bei unserem ersten Besuch hier vor zehn Jahren zum Verweilen in seinem Laden mit den Worten: Keine Angst, bevor ich nicht beim Theater bin, beginnt dort gar nichts.  Ein exemplarischer Hinweis. Wer dir hier in seinem beruflichen Alltag begegnet, steht kurz darauf auf der Bühne.  Ein Grossteil der Einwohnerinnen und Einwohner jeden Alters sind dabei engagiert. Auch das Nachtessen vor der Aufführung wird von der Dorfgemeinschaft organisiert. Im stimmungsvollen Kellergewölbe unter der Kirche werden die fremden Gäste von der Jugend des Ortes mit vorzüglichen lokalen Spezialitäten bedient. Alles läuft wie am Schnürchen, denn rechtzeitig wollen ja alle auf der „Piazza della Commenda“, gleich neben der Kirche, ihre Plätze für die Aufführung einnehmen Und manche der Servierenden müssen sich für ihren Bühnenauftritt rüsten.

Ja, und dann kommt der grosse Moment. Die Bühne, tagsüber für den Anliegerverkehr hochgeklappt, ist gerichtet, der Soundcheck hat geklappt und die Zuschauerreihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt.  Ich habe mich anhand der englischen Kurzfassung und des italienischen Textheftes mit der Geschichte von „Argelide“, die dieses Jahr gespielt wird, in groben Zügen bekannt gemacht, um der Aufführung trotz meiner mangelhaften Italienischkenntnisse folgen zu können. Schon im Prolog wird klar: was hier gespielt wird, ist von hoher Aktualität und sozialer Brisanz. Als erste spricht eine Frau im Rollstuhl, dicht gefolgt von weiteren Frauen jeden Alters und schliesslich von einem älteren Mann.  Sie erklären alle, dass auch sie in ihrer kleinen Welt die Augen leider nicht vor den wirtschaftlichen Realitäten verschlissen können. Daher müsse die Aufführung dieses Jahr auf kleinerer Bühne für höhere Eintrittspreise durchgeführt werden. Trotzdem wünscht der Frauenchor abschliessend „Buon divertimento!“

Dann aus dem Off die Stimme der vor Jahrzehnten verstorbenen „Argelide“ im Dialog mit dem „Spieler“, einer schicksalshaften Figur, im verschwommenen Bühnenhintergrund. Darin kündigt sich beängstigend verdichtet die verhängnisvolle Geschichte an, welche die Generationen nach „Argelide“ zu bewältigen habe werden. Diese nimmt dann ihren Verlauf. Alltägliche Szenen in der Familie, unter Nachbarn, zwischen Männern und Frauen, Alt und Jung, Dorfgeschichten eben, aus dem Leben gegriffen. Unterbrochen mit jähem Stimmungswechsel wird dieses Leben von einem furchterregenden mehrköpfigen Ungeheuer auf der Hinterbühne, das sich an wüsten Machtgelüsten, geifernden Intrigen und verschwörerischen Plänen gütlich tut. Überragt vom „Spieler“, sei dieser nun Gott, das Schicksal oder der Tod – jedenfalls scheint er das Geschehen zu bestimmen.

Und dann der Paukenschlag: Die Dorfbevölkerung erhält von der Regierung die Aufforderung, pro Kopf 38 000 Euro zur Behebung des Staatsdefizits zu erbringen. Entsetzen, Empörung, Ratlosigkeiten machen sich breit. Ein Hin und Her, Abwägen von Möglichkeiten, Widerstand zu leisten. In märchenhafter Rückblende geht der Kampf  Argelides mit dem schicksalshaften Spieler weiter. Es gelingt ihr, ihn zu besiegen und das drohende Unheil abzuwenden, Misswirtschaft und Korruption zu überwinden, so dass schliesslich verkündet werden kann, allen Bürgern würde nun eine Entschädigung von 38 000 Euro ausbezahlt. Ein Happyend, nicht ohne ironischen Unterton, der subversiven Kraft der Phantasie verpflichtet, als einziger Chance das üble Spiel zu gewinnen.

So macht Monticchiello gleich auf mehreren Ebenen deutlich, was die Kunst des Theaters bewirken kann. Auf der Bühne wird gezeigt, wie Intuition und Phantasie in auswegslosen Situationen Chancen bieten, überraschende  Perspektiven zu eröffnen und dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. All die Spielerinnen und Spieler vom Kindergartenalter bis über Achtzig machen offenkundig, wie gemeinsame Projekte den fruchtbaren Dialog zwischen den Generationen zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Und schliesslich wird auf sozialpolitischer Ebene ersichtlich, welchen Beitrag gemeinsames künstlerisches Gestalten zu Bewältigung von Veränderungsprozessen in einer Dorfgemeinschaft leisten kann. Was dabei an hoher künstlerischer Qualität erbracht wird, besticht und überzeugt. Davon künden wenigstens ansatzweise die Szenenfotos aus den letzten Jahren, die im Netz zu finden sind: www.teatropovero.it. Fotos immaginasas, Umberto und Stefano Bindi.

Damit sind meine Rückblicke auf unseren Kunstsommer in Italien beendet. Einen Monat schon sind wir zurück in der Schweiz, haben auch hier manche Gelegenheit, künstlerisches Wirken zu erleben und selbst mit dabei zu sein. Ein grosses Geschenk, als Senior noch aktiv am kulturellen Leben beteiligt zu bleiben, für das ich immer wieder dankbar bin.