Das zwölf Jahrzehnte umfassendes Leben einer „Leipzigerin“.
Sie muss Mitte der neunziger Jahre im 19. Jahrhundert in der Stadt mit dem Völkerschlachtdenkmal geboren worden sein. Die schöngeistige Leipzigerin Frau Doktor Eleonore Schwanengel geb. Steinbleyer hat das ganze 20. Jahrhundert überdauert, die Jahre nach 1915 als Verlobte und später als unglückliche Ehefrau eines Facharztes, das letzte Viertel ihres Lebens im Altersheim Sankt Georgshof in Sursee, wo sie als geheimnisvolle, sicher stinkreiche Pensionärin wahrgenommen wird, die von unglaublichen Männerbekanntschaften berichtet, von Bach und Strauss und Wagner, ihren Lieblingskomponisten, die im Städtchen am Sempachersee offenbar fast niemand kennt. Mitbewohner argwöhnen, es handle sich um ehemalige oder noch lebende Verehrer der immer tadellos gekleideten und hervorragend frisierten Greisin.
Dabei ist Eleonore Schwanengel eine alleinstehende Witwe, bereits über hundertjährig, in Gedanken an ihre eigene Vergangenheit verstrickt. Wie bei vielen alten Menschen sind die längst verflossenen Geschichten diejenigen, die am stärksten in der Erinnerung haften bleiben. Minutiös und auf den Tag und die Stunde genau kann Eleonore erzählen, wie sie ihren Mann „Otto-Ottolein“ kennen gelernt und kurz darauf für Jahre an den deutschen Kaiser und seinen Ersten Weltkrieg hat ausleihen müssen, derweil sie bei ihrer unausstehlichen Schwiegermutter, einer Weinhändlerin in Bingen, leben musste.
Viel weniger erinnert sie sich an den Zweiten Weltkrieg, den sie in Frankfurt verbracht hat, gar nicht an die Nazigräuel und die Bombardierungen und Zerstörung auch der Geburtsstadt Goethes.
Aber Eleonore trägt ein Geheimnis mit sich herum, das sich um einen kleinen vergoldeten Engel mit der Aufschrift „Mirlifiche“ **) rankt. An ihrem letzten Lebenstag lässt sich die Greisin von einer jungen Coiffeuse Dauerwellen legen. Und dabei kommt sie ihrer eigenen Daseinsverdrängung auf die Spur.
Lange hat es gedauert, bis sich der Lebenskreis der Eleonore Schwanengel schliesst. Er tut das am Tag ihrer letzten Dauerwelle, und die Verstorbene sitzt mit einem Lächeln auf einer Gartenbank des Altersheims. Eine Mitbewohnerin des St. Georgshofes, die alles um sich herum mit dem Feldstecher beobachtet, schaut zum Fenster hinaus und sagt zu ihrem Mann: “Schau, Hansjakob, die Leipzigerin! Wie schön die heute frisiert ist!“
Die 1945 in Buttisholz (LU) geborene Lydia Guyer-Bucher hat dieses berührende Buch einer seltsam durchwachsen ausfallenden Lebensbilanz mit viel Einfühlung in die Vita älterer Menschen geschrieben. Negativ ist die Summe aller Ereignisse, was ihren Mann betrifft. Dieser, ein launischer, in sich selbst verliebter Ohrenarzt von europäischem Rang, hält seine Frau wie eine Sklavin. Und dennoch braucht er sie bei seinem frühen Tod. Positiv fällt die Lebensbilanz aus was die Erfahrungsfülle und die Sensibilität der Greisin anbelangt. Sie, die Worte, Musik und Stimmungen im Innern wie Farbflecke fühlt, die sie befreien oder bedrücken, lebt ihr eigenes Leben, gibt nicht acht auf das Geflüster und Gezänke der andern, die diese fremde stolze Person nicht verstehen können oder wollen. Sie lebt ihren Erinnerungen nach, kann ihren despotischen Mann zwar nicht vergessen, seine Handlungsweise aber verzeihen. Sie hängt auf ihre Art an Otto-Ottolein, ist aber seit seinem Tod deutlich freier, gelassener und selbstsicherer geworden. – Der Ort „Soorsi“ ist nie eine Heimat für die Ostdeutsche geworden. Die Autorin gibt aber mit einigen wenigen Sätzen über das Brauchtum der Stadt ein wenig Lokalkolorit in diese Mär, die so wohl nur in Sursee hätte geschehen können.
Der Tod ist für Eleonore kein Sensenmann, sondern die Tödin, eine verstehende Freundin, die sie aus ihrem chaotischen Leben erlöst, wie sie gerade anfängt, wieder ein bisschen Ordnung in ihre Seele zu bringen.
„Die Leipzigerin“ erschien im Verlag Pro Libro Luzern, der 2006 gegründet worden ist, um die reichhaltige Kultur der Zentralschweiz mit Sachbüchern, ausgewählten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts sowie Neuerscheinungen aus unserer Zeit vorzustellen. Die im gleichen Jahr entstandene gemeinnützige Stiftung „Pro Libro“ soll Herstellung und Verbreitung des anspruchsvollen Verlagsprogramms durch Donationen, Gönnerschaften und Sponsoring ideell und finanziell unterstützen. Die Sachbuchreihe „Kultur in der Zentralschweiz“, 1997 begonnen, ist vom Verlag „Pro Libro“ übernommen worden.
Lydia Guyer-Bucher:„Die Leipzigerin“, Roman, Pro Libro Luzern ISBN 978-3-905078-20-6
*) „Soorsi“, Dialektwort für Sursee“
**) „Mirlifiche“, französisches Wort für Zigeuner