Kultur

„…als gäbe es kein Alter…“

„…als gäbe es kein Alter…“

DAS Theater an der Effingerstrasse in Bern spielt „Homo faber“

 

 

 

 

 

„Homo faber. Ein Bericht“, von Max Frisch, ist von Alice Asper für die Bühne bearbeitet worden. Gilles Tschudi lässt als Regisseur das Kernthema und dessen konzentrisches Handlungsumfeld hautnah spannend aufzeigen.

 

 

Der Tod und die Frauen

Die Spannung entsteht auf ganz simple Weise: Walter Faber, der Macher, der Techniker, der „Schaffende Mensch“ (homo faber, lat.) liegt als Krebspatient auf dem Krankenbett. Die bevorstehende Operation lässt seinem Weiterleben wohl keine Chancen. Dabei ist er in letzter Zeit mindestens zwei Mal davongekommen! So zeigt es die Handlung oder tönt es zum Teil an.

Konfrontiert ist er, dieser berechnende Techniker, aber auch mit Gefühlen. Mit Liebe und Schuld umzugehen fällt ihm gar nicht leicht. Denn die eine der beiden Frauen ist die Geliebte der frühen Jahre des heute Fünfzigjährigen, und die andere verkörpert die Jugend und deren Reiz und Frische des Unmittelbaren, Spielerischen, Heiteren im Begegnen und Lieben. Dass beides Mutter und Tochter sind, ist das eine, dass er jedoch der Vater der Zwanzigjährigen ist, das andere. Das wiegt schwerer, auch wenn er es erst am Ende der kurzen und intensiven Begegnung erfährt. Und dass sein Kind stirbt, derweil es unerkannt ihm nahe ist, legt sich schwer auf die Seele des Mannes.

Sein Leben, sein Schaffen, seine technisch-mathematische Kühle und sein Pragmatismus erweisen sich gegen Ende seiner Existenz als zweifelhaft. Er sieht sich in Frage gestellt. Seine „Super-Konstellation“ ist in der Wüste abgestürzt, seine „Hermes Baby“ hat man ihm genommen: Im Flugzeugabsturz und in der Schreibmaschine wird symbolisch fassbar, wie allein mit sich selbst er schliesslich ist.

Hanna und Sabeth

Wirklich allein? Hanna (Monica Budde) hat ihn zwar vor der Geburt seines Kinds verlassen. Er mochte damals ein lukratives Angebot als Ingenieur im Ausland nicht ausschlagen und sich nicht zu seinem Kind bekennen. Nun findet sie sich an seinem Spitalbett ein. Sie hilft ihm in seiner Selbstfindung, in der Bewältigung seiner von ihm selbst schuldhaft empfundenen Vergangenheit und Gegenwart. Sie ist einfach da, nüchtern eher, sachlich, doch mit beseelter Vernunft. 

Monica Budde und Frank Demenga; 
Bild © Severin Nowacki

Sabeth hingegen (Lucie Zelger), die unbekümmerte junge Frau mit dem grossen „Ja-Lächeln“ gegenüber dem Leben, mit der Sympathie für den reifen Fünfziger, mit dem wachsenden Verständnis für seine Zurückhaltung, mit dem geschmeichelten Gespür für seine wachsende Bewunderung – Sabeth ist ganz Gegenwart und Herausforderung. Obschon auch sie als Teil der Rückblende von Fabers Leben erscheint, verkörpert sie Gegenwart.

Homo faber: Dramatisierte Prosa

Es ist wie „Der Film zum Buch“. Ist es hilfreich, Frischs Roman genau zu kennen? Wäre das Bühnengeschehen einfacher, direkter zu erleben, käme man sozusagen unbelastet ins Theater? Wäre es dann auch ebenso gut zu verstehen?Hat man den Roman gelesen, lässt sich die Frage nicht beantworten. Ich denke, dass manche Anspielung, manche assoziative Verknüpfung verloren ginge, hätte man das Werk und seine Erzählstruktur nicht im Kopf. Die Theateraufführung lebt von dem, was

die Sinne äusserlich wahrnehmen und die Erinnerung in Kopf und Herz an Leseerfahrung gespeichert hat.

„Ein Inneres äusserlich sichtbar machen“

So lautet eine Annäherung an den Begriff „Kunst“. Und es gelingt Gilles Tschudi, dem erfahrenen Schauspieler, als Regisseur kein Neuling, in seiner Inszenierung Inneres wie Äusserliches sinnenfällig darzustellen. Mit subtilen Lichteffekten, mit der Drehung des Bettes, mit optischen Akzenten wo sinnvoll, führt er durch die Stationen des Nach- und Mitvollziehens dieser tragischen Lebens- und Liebesgeschichte.

Monica Budde, Frank Demenga und Lucie Zelger; Foto:© Severin Nowacki

Peter Aeschbachers Bühnenbild fügt sich kongenial in dieses Inszenierungskonzept. Zentral ein Bett mit Waschgelegenheit, eine Tür und ein Fenster frei im Raum, ein Ablagetisch. Hotelzimmer, Spitalzimmer, Begegnungsraum, Schiffsdeck und allgemeiner, nicht gegenständlicher Ort in einem. Den wechselnden Stationen der Geschichte adäquat sind auch Sybille Weltis Kostüme. Vor allem das Spiel mit den Farbakzenten bei den Frauenbekleidungen sprechen sinnenfällig in der Handlung mit.

Überzeugendes Kammerspiel mit drei Protagonisten

Als Hanna wirkt Monica Budde eher still, aber wissend und gefasst. Der Wiederbegegnung mit dem Geliebten der ersten Jahre und Vater ihres Kindes verleiht sie eine glaubwürdige Atmosphäre, menschlich, unsentimental, aber auch ohne Ranküne. Ebenso intensiv, aber zurückhaltend gestaltet sie den Schmerz der Mutter, deren Kind gestorben ist. So wird sie eine gute Partnerin in Walter Fabers todesnaher Selbsterfahrung.

Der lächelnde, verspielte und doch selbstbewusste Charme, den Lucie Zelger ihrer Sabeth verleiht, wirkt berührend. Eine solcherart gestaltete Mischung von Intelligenz, Aufrichtigkeit, Jugendfrische und Liebreiz ist eine aussagestarke Stimme in der Partitur dieses tragisch fatalen Kammerspiels.

Kein Wunder, dass Walter Faber von der jungen Frau fasziniert ist und dass daraus etwas Gewichtigeres entstehen kann. Doch Frank Demenga ist weit davon entfernt, seiner Rolle Züge des alternden Gockels mitzugeben, der auf junge Frauen steht. Glaubwürdig, „…als gäbe es kein Alter…“, zeigt er, wie er fünfzig Lebensjahre und die kühl berechnende Sachlichkeit des Ingenieurs vergisst. Der Ausstrahlung von Sabeth setzt er Widerstand entgegen, will sich nicht in lächerliche Situationen manövrieren lassen und hat doch am Ende keine andere Wahl: Tragik einer Lebensgeschichte! Überhaupt ist die Vielseitigkeit, Intensität und Glaubwürdigkeit, mit welcher Frank Demenga diesen Homo faber darstellt, eines der eindrücklichsten Glanzlichter dieser im Ganzen überzeugenden Inszenierung.

Neben diesen Protagonisten sei Tobias Durband, der Vierte auf der Bühne, in der an sich undankbaren Rolle einer Art „Sparringpartners“ in verschiedenen Rollen und Stationen nicht vergessen. Er versieht sie unaufdringlicher mit Bescheidenheit und sachlicher Würde.

 

Theaterzettel

Homo faber

Nach dem Roman von Max Frisch
Bühnenfassung: Alice Asper

Inszenierung: Gilles Tschudi

Assistenz: Ivana Bach

mit Frank Demenga (Walter Faber), Monica Budde (Hanna), Lucie Zelger (Sabeth) Tobias Durband (männliche Nebenrollen)

Bühnenbild: Peter Aeschbacher

Kostüme: Sybille Welti

 

 

Programmheft: Simone Füredi

Fotos: © Severin Nowacki

Aufführungsdaten:

Premiere Mittwoch, 5. September, 20 Uhr

6.10. bis 8.10. Do-Sa jeweils 20 Uhr
10.10. bis 15.10. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
16.10. So um 17 Uhr
17.10. bis 21.10. Mo-Fr jeweils 20 Uhr
25.10. bis 29.10. Di-Sa jeweils 20 Uhr
30.10. So um 17 Uhr
31.10. Mo um 20 Uhr

Vorverkauf Tf. 031 382 72 72

http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_faber_(Roman)

http://www.dastheater-effingerstr.ch