Kultur

Massimo Marini  von Rolf Dobelli           Buchbesprechung von Marc Toedtli

Massimo Marini von Rolf Dobelli Buchbesprechung von Marc Toedtli

 

 

 

 

Sympathie wurde den Marinis entgegengebracht, weil sie sich den Einheimischen anpassten: Opel statt Fiat, Blusen statt schwarzer Schürze, am 1. August hing auf dem Balkon eine Schweizerfahne statt der Trikolore Italiens.

Dass Massimo einst heimlich in einem Koffer in die Schweiz geschmuggelt worden war, weil ein Nachtzug von Saisonniers verboten war, gehörte der Vergangenheit an: Massimo war längst Mitglied der besseren Gesellschaft Zürichs geworden mit Villa an der Goldküste, Segelschiff auf dem Zürichsee und Abo am Opernhaus.

Italiener werden Schweizer Bürger

Giuseppe Marini war von einer Personalchefin in seiner Heimat Apulien für eine Stelle in der Schweiz ausgewählt worden. Seine Frau, Giulietta, konnte ebenfalls einreisen, aber beide mussten getrennt voneinander wohnen. Ein wahrhaft hartes Leben und hart erarbeitetes Geld. Alles war bestens und klar geregelt und Verstösse wurden streng geahndet. Nicht umsonst verzeichnete die Schweizer Wirschaft ihre goldenen Jahre. Fleissige Leute wie die Marinis wurden gerne eingestellt und nach Jahren erhielten sie die Jahres-Aufenthaltsbewilligung, und mit der Zeit suchten sie um die Schweizer Bürgerschaft nach, die ihnen auch gewährt wurde.

Sohn Massimo mit anderen Zielen

Es war deshalb nur logisch, dass sie in ihren Sohn Massimo grosse Erwartungen setzten, der die höheren Schulen aufgrund seiner Intelligenz auch spielend schaffte. Ohne seinen Eltern klaren Wein einzuschenken studierte Massimo jedoch Philosophie anstatt Architektur. Während seines Studiums in Paris konnte er den Zeitgeist hautnah beobachten, in sich aufnehmen. Und in Berlin studierte er Literaturwissenschaft.

Er war ein Aufständischer, der für das Recht kämpfte - vielleicht ein Erbe seiner Vorfahren? Als Massimo nach Zürich zurückkehrte, waren die Krawalle angesagt, an denen er an vorderster Front teilnahm.

Vom Rebell zum Unternehmer

Als sein Vater starb, musste sich Massimo entscheiden, ob er das Unternehmen übernehmen sollte. Ob man allerdings mit Philosophie und Literatur eines der grössten Tunnel-Unternehmen der Schweiz leiten konnte? Zum Glück arbeitete die junge Bauingenieurin Monika im Unternehmen, die er bald heiratete. So hatte er auch eine Beraterin und eigentliche technische Leiterin des Unternehmens gefunden.

Es folgten glückliche Jahre und fast hätte der Roman mit einem Happyend aufgehörrt, wenn sich Massimo nicht in eine Cellistin verliebt hätte... Auf die unbesorgten Jahre folgten schwierige Zeiten, in denen das Glück sehr selten wurde.

Rolf Dobelli - ein Unternehmer, der mit 35 zu schreiben begann - ist ein Roman gelungen, der die Anfänge der Fremdarbeiter in der Schweiz hautnah wiedergibt, stets verbunden mit einem Ton von Nostalgie und Italianità, aber nie mit Wehmut. Dobelli zeigt auch, wie die zweite Generation, unbekümmert und gewohnt, stets genügend Geld zu haben, ein Leben führt, das trotzdem nicht glücklicher macht.

Massimo Marini ist in einem flüssigen, gut lesbaren und gepflegten Stil geschrieben und ist ein äusserst spannender Roman, in dem neben dem Geschehen auch immer genügend Platz bleibt für schöne Beschreibungen. Es ist ein Buch, das bisher fehlte.

Es bleibt zu hoffen, dass Dobelli weitere Themen findet, die zugleich aktuell und historisch sind, dass er aber nicht dem Zwang mancher Autoren verfällt, in regelmässigen Abständen unbedingt ein neues Buch produzieren zu müssen.

Massimo Marini

von Rolf Dobelli

Diogenes-Verlag, gebunden, 376 Seiten