Kultur

Komik und ein Hauch von Krimi

Komik und ein Hauch von Krimi

"Der Schatten dessen, was wir waren." Roman von Luis Sepúlveda                            

Erinnerungen an unwiederbringlich vergangene Zeiten - an die Zeiten heldenhafter Anarchisten und revolutionärer 68er - verbinden sich in diesem Roman mit der zunächst äusserst mysteriös erscheinenden Geschichte eines Raubüberfalls aus dem Jahre 1925. "Ich bin der Schatten dessen, was wir waren, und solange es Licht gibt, existieren wir" murmelt einer der vier Helden am Ende des ersten Kapitels (S. 13). Im Laufe des Romans kommt so manches ans Licht, vor allem die Tatsache, dass die Träume von den goldenen Zeiten der Revolution und des Glücks bzw. Wohlstands für alle verflossen sind.

Die vier früheren Revolutionäre, nach dem Sturz Allendes verfolgt, untergetaucht oder ins Exil geflohen, haben sich auf einen ganz bestimmten Tag in eine ihnen wohlbekannte verfallene Autowerkstatt verabredet, um endlich die Früchte des geheimnisvollen Raubüberfalls zu ernten.

Cacho, Lolo und Lucho, Veteranen der chilenischen Linkspartei in den 1960er Jahren, warten auf ihren vierten Kampfgenossen. 35 Jahre nach Pinochets Putch am 11. September 1973 hängen sie an ihren Erinnerungen, wie sie die Welt verändern wollten und deshalb unter der Diktatur um ihr Leben fürchten mussten. Die Freunde sind nicht nur alt, grauhaarig und dickbäuchig geworden, ihre Erlebnisse, die Zeiten im Untergrund und im Exil haben sie lebenslang traumatisiert. Aber so schnell wirft ein alter Kämpfer nicht die Pistole weg! Ihr Plan besteht darin, endlich die bisher verschollene Beute eines Banküberfalls einzuholen, den eine Gruppe von Anarchisten 1925 begangen hat. Dieser Banküberfall ist nämlich, heisst es, als erster Überfall in der Geschichte Chiles in die Geschichte bekannt geworden.

Doch um an den Schatz heranzukommen, brauchen die drei den vierten – und der kann plötzlich nicht mehr kommen. Der Leser weiß den Grund: Ein Ehekrach im ersten Stock eines Hauses endete damit, dass die Ehefrau die Lieblingsobjekte ihres Mannes aus dem Fenster warf, darunter den hochgeschätzten Dual-Plattenspieler. Dieser traf, als hätte Conchita gut gezielt, mit seiner Kante den Kopf eines alten Mannes, Pedrito, der gerade vorbeiging, und tötete ihn. – Im Laufe der Lektüre ahnen wir es: Pedrito ist der vierte Mann. - Der Ehemann versucht alles, um diesen tragischen Fall zu vertuschen, zumal er bemerkt, dass ihm der Tote nicht unbekannt ist.

Zu diesen Helden gesellen sich noch zwei weitere: der alte Kriminalinspektor Crespo und seine junge Kollegin. Crespo ist zwar auch unter Pinochet Polizist geblieben, hat aber immer versucht, menschlich und korrekt zu bleiben. Seine linke Gesinnung hat er – versteckt zwar – auch behalten, er hört immer noch Radio Cooperativa. Als Kontrast ist ihm seine Kollegin zugeteilt, die ohne die Erfahrung der düsteren Vergangenheit lebt und arbeitet. Einmal sagt der Inspektor zu ihr: "Es ist paradox, Adelita, Du gehörst zur ersten Generation von Schnüfflern, die dem, was sie tun, ein wenig Würde zurückgeben können, und wahrscheinlich auch zur letzten. Denn sicher wird die Polizei in absehbarer Zeit privatisiert, und alles, an was Du geglaubt hast, wird in die Hände von Söldnern fallen." (Seite 147)

Als die Leiche untersucht wird, stösst der Inspektor auf verschiedene Ungereimtheiten. Aber Crespo kennt seine alten Revolutionäre und findet den Weg zu ihnen – aber kommt er rechtzeitig genug? Immerhin sehen am Schluss des Romans alle klarer, und der lästige Regen, hört endlich auf.

Der Roman des bekannten chilenischen Schriftstellers ist äusserst empfehlenswert. Er liest sich leicht, gleichzeitig mit einem Lächeln und einer Träne. Das Buch strotzt von ironisch-komischen Situationen und Beschreibungen, ohne je bissig oder sarkastisch zu werden. Sepúlveda gelingt es, die Erzählstränge geschickt und spannend zu verknüpfen. Der Autor, schreibt der Rotpunktverlag im Klappentext, "erzählt von Verlierern, doch man könnte sie - mit dem Autor - auch anders charakterisieren: »Ich will denen eine Stimme geben, die versucht haben, die Welt zu verändern«. Darum ging es, um nicht mehr und nicht weniger. Dass die Figuren des Romans trotz des Scheiterns nie ihren Glauben an Humor und Liebe verloren haben, macht sie am Ende doch zu Gewinnern."

Luis Sepúlveda, 1949 geboren, am Theater ausgebildet, war selbst politisch aktiv und gehörte zu Allendes Leibwache. Nach Verhaftung und Gefängnis unter Pinochet konnte er auf Betreiben von Amnesty International ins Exil. 1980 erhielt er Asyl in Deutschland und fuhr zeitweise als Fernfahrer die Strecke Hamburg – Istanbul. Er schreibt nicht nur Romane, sondern auch Theaterstücke, arbeitete auch als Journalist und für die UNESCO. Heute lebt er in Spanien. Für diesen Roman (im spanischen Original) erhielt er 2009 den Preis Primavera de Novela.

Sepúlveda, Luis: Der Schatten dessen, was wir waren.
Übersetzung von Willi Zurbrüggen
Rotpunktverlag, August 2011 ca. 160 Seiten CHF 24,00 
ISBN 978-3-85869-455-3

Das Buch wird in der Schweiz durch das Büro für Kulturkooperation artlink gefördert und in die Reihe "Der Andere Literaturclub" aufgenommen. artlink, hervorgegangen aus einer Initiative der Erklärung von Bern EvB, fördert Literatur von Autorinnen und Autoren aus aller Welt, die ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen in ihrem Werk umsetzen, und setzt sich für ihre Verbreitung in der Schweiz ein.

Video mit dem Autor (auf Arte TV ausgestrahlt)
Ausführliches Video (auf Spanisch)

Foto des Autors:    © wikipedia/AmonSûl