Was führt junge Menschen dazu, Selbstmordattentäter zu werden?
Vielleicht erinnern sich einige von uns: Am 16. Mai 2003 wurden an verschiedenen Orten in Casablanca über 40 Menschen durch Selbstmordattentate getötet und Hunderte verletzt. Dieses auch in Marokko schockierende Ereignis veranlasste Mahi Binebine, den Autor des vorliegenden Romans, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Ein Jahr zuvor wieder in seine Heimat zurückgekehrt, war der vielseitige Künstler zutiefst betroffen. In einem Interview mit Regula Renschler erklärte er: "Ich wollte versuchen zu verstehen . . . und fuhr nach Sidi Moumen. Es war ein Schock für mich, . . . es hatte nichts mit dem Marokko zu tun, das ich kannte. . . . Zehn Quadratkilometer Baracken, Blechdächer, offene Abwasserkanäle . . . Das Ganze umgeben von einer Mauer, die das Elend vor der Aussenwelt verbergen soll. Und als erstes sehe ich fröhliche Kinder, die Fussball spielen. Da habe ich mir gesagt: Das sind die Helden meines nächsten Romans." (Seite 149)
Foto unten: Mahi Binebine
(Bild mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Das Buch trägt in seiner deutschen Übersetzung einen mehrdeutigen Titel: Die "Engel" sind Kinder und Jugendliche des Elendsviertels Sidi Moumen in Casablanca, das sich – keine Erfindung - wirklich neben den Abfallhalden am Rande der Stadt befindet. Die Engel, von denen hier erzählt wird, werden schliesslich Todesengel. Sie werden von Männern um einen undurchsichtigen Emir auf eine folgenreiche letzte Aktion vorbereitet: als Selbstmordattentäter in Casablancas bürgerlichen Vierteln Angst und Schrecken zu verbreiten.
Spiele auf der Müllhalde
Fussball dient als eines der Bindemittel der Geschichte, zumindest bis zum Auftreten der Drahtzieher der Attentate. Die Mannschaft unserer Helden trägt den Namen "Etoiles de Sidi Moumen" (Sterne von Sidi Moumen), Titel der französischen Originalausgabe des Romans. Die Kämpfe – es sind Kämpfe auf Blut und Knochen - mit Mannschaften anderer Elendsviertel gehören zu den identitätsstiftenden Ereignissen im Leben der Abfall-Kinder. Bildung und Erziehung sind in diesen Verhältnissen Fremdwörter. Nur ein Junge, Sohn eines Imams und Muezzins einer Moschee, konnte regelmässig die Schule besuchen, bis sein Vater krank wurde. Seine Lieblingsbeschäftigung war jedoch auf der Müllhalde Fussball spielen, was ihm wie auch dem Erzähler Jaschin eigentlich verboten war. Unter den Kindern und Jugendlichen herrscht unerbittlich das Recht des Stärkeren; Brutalität bis hin zu sexuellen Übergriffen und sogar Totschlag werden einfach hingenommen. Jaschin, Teenager mit acht Geschwistern, profitiert in diesen prekären Situationen von seinem älteren, kräftigeren Bruder Hâmid, der die Rolle des Chefs der Jungengruppe einnimmt. Hâmid wacht über seinen Bruder, kontrolliert und beschützt ihn - und gerät wie die anderen in die Fänge der Fanatiker.
Der Erzähler aus dem Jenseits
Mahi Binebine wählt Jaschid als einzigen Erzähler. Aus dessen Perspektive erfahren wir die ganze Geschichte, und zwar rückblickend, als sich Jaschid, Hâmid und die anderen Jugendlichen schon in die Luft gesprengt haben. Durch diesen geschickten Kunstgriff kann der Autor erzählen, was sonst unglaubwürdig wirken könnte. Er erzählt meisterhaft, kein Wort zuviel, keine einzige sentimentale Szene, seine humanistische Grundhaltung bleibt jederzeit spürbar. Aus dem Jenseits kann Jaschid in einer klaren, aber so differenzierten Sprache sprechen, wie er es als Kind der Müllhalde nie gekonnt hätte – und wer sonst hätte das Unerklärliche beschreiben können. Ausser dem Emir und seinen Gefährten gab es keine Mitwisser. Aus seiner ausserirdischen Perspektive begreift Jaschin die Hintergründe der Geschehnisse immer noch nicht – wie sollte er auch! Seine Erfahrungen stammen aus seinem Leben im Elendsviertel, wo gelegentliches Fernsehen die einzig mögliche Bildung und zugleich Luxus war. Die Naivität, in der sich Jaschid - im Unterschied zu seinem älteren Bruder - sogar dann noch befindet, als das Datum des Attentats verabredet wird, bleibt ihm auch im Rückblick erhalten. Er spricht die Worte nach, die ihm eingetrichtert worden waren, versteht aber die Bedeutung nur zum Teil.
Wer zieht die Fäden?
Wer sind die bärtigen Männer im Hintergrund? Sie treten plötzlich auf, zuerst nur Abu Said, später der 25-jährige Emir Said und drei weitere Gefährten, alle mit "seltsamen" Namen, wie Jaschid findet. Sie sind sauber gekleidet, haben strenge Regeln, geben den Jungen nie gekannte Köstlichkeiten zu essen, ermöglichen ihnen, etwas zu lernen, eine angenehme Arbeit anzunehmen, Sport, z.B. Kung-Fu zu lernen, kurz, ihre Lebensbedingungen verbessern sich durch die neuen Bekannten beträchtlich. Genaueres über die Herkunft dieser Männer erfahren die Jungen nicht. Dass sie daneben auch noch darauf trainiert werden, als Attentäter zu sterben, fällt ihnen fast nicht auf. Schemenhaft erscheinen die Drahtzieher, tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden beim Attentat wieder ins Unbekannte, nicht ohne sich in diesem Moment nicht mehr mit Bart und in traditionell arabischer Kleidung, sondern westlich gekleidet und ohne Bart zu zeigen. Die fehlende Darstellung dieser Extremisten, die subtile Beschreibung der Vorbereitung auf die Attentate, die Aussparungen sprechen für sich selbst.
Im klugen und für westeuropäische Lesende äusserst aufschlussreichen Nachwort der Übersetzerin Regula Renschler erfahren wir mehr über die Situation in Marokko, über den Autor, seine Recherchen zu diesem Thema und seine differenzierte Stellungnahme. Sie schreibt: "Das Elend rechtfertige nicht alles, betont Mahi Binebine, und es führe auch nicht automatisch zum Terrorismus, aber es sei ein Nährboden dafür" (Seite 150). In der Tat klagt das Buch nicht nur an, sondern schildert auch das freundschaftliche Verhältnis der Jugendlichen untereinander, ihre kleinen Alltagsfreuden und nicht zuletzt Jaschids ganz zarte Beziehung zur Schwester eines seiner Freunde.
Die Lektüre dieses Romans lässt gewiss keinen Leser gleichgültig, aber die Menschlichkeit, die sich darin widerspiegelt, macht "Die Engel von Sidi Moumen" zu einem Buch, dass man nur wärmstens empfehlen kann.
Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen.
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Regula Renschler.
Lenos-Verlag, Basel 2011, 157 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, CHF 29.80
ISBN 978 3 85787 415 4
Mahi Binebine, geboren 1959 in Marrakesch, zog mit 21 Jahren nach Paris und studierte dort Mathematik. Er arbeitete dann zwar als Lehrer, widmete sich aber mehr und mehr der Schriftstellerei, Malerei und Bildhauerei. Einige seiner Romane wurden in bis zu 10 Sprachen übersetzt.
Von 1994 bis 1999 lebte Binebine in New York bei einem seiner 6 Geschwister, wo seine Gemälde fester Bestandteil der Dauerausstellung im Guggenheim-Museum in New York werden. 2002 kehrte er in seine Heimatstadt Marrakesch zurück, wo er auch heute noch lebt.
Die "Engel von Sidi Moumen" wurde 2010 mit dem Prix du Roman arabe und dem Prix littéraire de La Mamounia ausgezeichnet und wird derzeit vom französisch-marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verfilmt.
Der Autor in der Schweiz, vorgestellt von Regula Renschler, liest:
am 25.11.2011, St. Gallen: Kult-Bau (Konkordiastr. 27), 20:00 Uhr
am 28.11.2011 in Zürich: Literaturhaus Museumsgesellschaft, 20:00 Uhr
am 29.11.2011 in Bern: ONO Bühne, 20:00 Uhr
am 30.11.2011 in Basel: Literaturhaus Basel, 19:00 Uhr
am 1.12.2011 in Winterthur: Nord-Süd-Haus (Steinberggasse 18), 20:00 Uhr
Hervorgegangen aus einer Initiative der Erklärung von Bern (EvB), fördert dieser alternative Buchclub Literatur von Autorinnen und Autoren, die ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen kulturellen Sprachen und Welten in ihrem Werk umsetzen, und setzt sich für ihre Verbreitung in der Schweiz ein.
Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstlern und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer weltoffenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.