„Gut gegen Nordwind“
Daniel Glattauers Erfolgsroman auf der Bühne
Weit ist der Weg vom Briefwechsel bis zum Dialog über E-Mails!
Der erste dramatisierte Briefwechsel auf der Bühne, an den ich mich erinnere, war derjenige von George Bernard Shaw mit der Schauspielerin Stella Patrick Campbell: „Geliebter Lügner“, von Jerome Kilty (im „Ateliertheater“ 1962/63 mit Anne-Marie Blanc und Joachim Ernst aufgeführt). Motto: „Kommunikation by Warten auf den Briefträger“
Noch früher, 1940, entstand der wundervoll poetische Film von Ernst Lubitsch: „The Shop Around the Corner“. Das Motto hier: „Liebe postlagernd“.
1998 folgte das Remake des Lubitsch-Films, angepasst an das aktuelle Kommunikationsmittel E-Mail. Meg Ryan und Tom Hanks kreuzen auf charmante Weise ihre elektronischen Klingen. Im wirklichen Leben erscheinen ihre Probleme etwas schwerwiegender. Motto: „Kommunikation im Heute angekommen“.
2006 erscheint David Glattauers Roman und schlägt vor allem bei Leserinnen ein. Für die Bühne bearbeitet Ulrike Zemme zusammen mit dem Autor die E-Mail – Romanze. Es entsteht ein höchst unterhaltsames, witziges Spiel. Intelligente Partner betreiben eine sprachgewandte, gefühlsbewegte Liebesgeschichte, die nie in der gelebten Wirklichkeit ankommt, aus verschiedenartigen, einsichtigen Gründen. Das Stück wurde 2007 in Linz uraufgeführt.
Doch, ganz am Anfang des Spiels erscheinen die Laptops schon. Schliesslich muss man ja erkennen, wie es gemeint ist. Jedoch bald verschwinden die Geräte, und der Dialog findet nicht mehr getippt, sondern gesprochen statt. Ein effektvoller Kunstgriff des Stücks und der Inszenierung! Es entsteht ein Dialog, bei welchem sich die Partner nur in ganz ausserordentlichen Momenten in die Augen blicken. Sie reden miteinander, indem sie nicht miteinander reden, sondern gewissermassen wechselsprechen. Das sieht dennoch nicht aus, als redeten sie aneinander vorbei.

Sabine Lorenz (Emmi), Timo Senff (Leo)
Foto (c) Severin Nowacki
Regisseur Markus Keller inszeniert ein Stellungsspiel, das auf den ersten Blick wenig mit dem Inhalt des Mailwechsels zu tun hat. Auf den zweiten und die folgenden Blicke aber versteht man, wie so einerseits Emotionen, andererseits die wachsende gegenseitige Irritation, Unruhe und letztlich Anziehung äusserlich sichtbar gemacht werden.
Dieser Absicht dient das Bühnenbild von Anna Bucher mit den weiss spiegelnden, durchsichtigen Stellwänden und dem sowohl Büro wie Bett suggerierenden schwarzen, diagonal stehenden Podium auf bildhafte, wirksam kongeniale Weise.
Das Stück lebt nicht nur vom Dialog, sondern vor allem von der Sprache und deutlich auch vom Sprechen. Die fiktiven Mails sind ausserordentlich ausdrucksgewandt. Schon Sprechtechnik und Gestaltung der Dialoge schaffen Dramatik.
Sabine Lorenz als Emmi Rothner und Timo Senff als Leo Leike sind den Herausforderungen von Stück und Inszenierung mehr als gewachsen. Bei beiden sind Ausdruck und Sprechtechnik mitreissend. Gesten (Schuhe, Kleider wechseln) wie szenische Bewegungen (sitzen, gehen, stehen, auftreten, abgehen, hinauf, herab steigen) wirken choreografisch genau abgestimmt, doch weder verkrampft noch gekünstelt. So wird der Dialog farbig, lebendig, reich gegliedert.
So wird ein intelligentes, tändelndes, von Emotionen akzentuiertes Stück, das auf hochtrabende literarische oder theoretische Anforderungen verzichtet, mit sichtlich spielfreudigen und auch kompetenten Akteuren zu einem lebensnahen und vergnüglichen Theatererlebnis.


Gut gegen Nordwind
Nach dem Roman von Daniel Glattauer,
Bühnenfassung von Ulrich Zemme und Daniel Glattauer
Inszenierung: Markus Keller
mit Sabine Lorenz (Emmi Rothner)
und Timo Senff (Leo Leike)
Bühnenbild: Anna Bucher
Kostüme: Sarah Bachmann
Programmheft: Simone Füredi
Fotos: © Severin Nowacki
Premiere Dienstag, 8. November um 20 Uhr
Aufführungsdaten:
9.11. bis 12.11. Mi-Sa jeweils 20 Uhr
14.11. bis 19.11. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
20.11. So um 17 Uhr
22.11. bis 26.11. Di-Sa jeweils 20 Uhr
27.11. So um 17 Uhr
28.11. bis 1.12. Mo-Do jeweils 20 Uhr
Vorverkauf Tf. 031 382 72 72