Leben

52 Denkfehler – und 1 dazu?

52 Denkfehler – und 1 dazu?

Rolf Dobellis „Die Kunst des klaren Denkens“                                          

52 Denkfehler sind es, die „Sie besser anderen überlassen“, heisst es im Untertitel zur neuen Sammlung amüsanter Denk-Stolpersteine, die unser Leben erschweren, von Unternehmer und Wirtschaftsautor Rolf Dobelli, erschienen im Hanser Verlag München.

Unser Gehirn sei für ein Leben als Jäger und Sammler programmiert, was unsere Vorfahren vor 10'000 Jahren ja auch waren. Heute leben wir in einer anderen Welt. Laut Rolf Dobelli führe das zu systematischen Denkfehlern, die verheerend sein können für unser Geld, die Karriere unser Glück.

Wenn alle rennen, rennst Du auch!

Dobelli erläutert das an einem Beispiel. Vor zehntausend Jahren war es wohl sinnvoll, den andern Hominiden nachzurennen, wenn diese plötzlich fluchtartig auseinander stoben. Dann war mit 99prozentiger Sicherheit ein Untier in der Nähe, ein Berglöwe oder ein weisser Tiger. – Heute sollten wir aber einem solchen instinktiven Wunsch zu fliehen nicht unbedingt nachgeben, bevor wir nicht unseren Intellekt eingeschaltet haben: Dieser würde uns vielleicht sagen: Die da auf dem Paradeplatz rennen, haben gerade gemerkt, dass das Zehner-Tram herankommt, während wir ja schliesslich mit dem Elfer fahren müssen, der erst später kommt..

Es gibt – immer nach Dobelli – archetypische Fehler, die wir machen, weil alle unsere Vorfahren sie auch immer gemacht haben. Wobei sich, und das ist das Sympathische an diesem Buch, Dobelli selbst nicht ausnimmt: Einmal hat er beinahe das Leben verloren, als ein aufgesuchter Arzt in Korsika eine Blinddarmentzündung nicht erkannte und den Patienten mit Antibiotika fütterte und der Nachricht: „Zuerst kann es schlimmer werden, bevor Besserung eintritt!“

Wer weiss, ist besser gewappnet

Dobelli ist der Meinung, dass einer, der weiss, wie leicht er sich irren kann, besser gewappnet ist. Indem er nicht (nur) dem Gefühl folgt, sondern sein Gehirn einschaltet.

In dem Buch mit den spritzig geschriebenen je 3seitigen Denkanstössen, wie Denkfehler zu vermeiden sind, zeigt Dobelli gleichzeitig, warum unser eigenes Wissen systematisch überbewertet wird und wir andere für dümmer halten, als sie sind. Und vor allem: „Warum etwas nicht richtiger wird, nur weil Millionen von Menschen es für richtig halten.“ Nach Dobelli gehen wir sogar so weit, Theorien nachzuhängen, selbst wenn sie nachweislich falsch sind.

„Denkfehler (...) sind systematische Abweichungen zur Rationalität, zum optimalen, logischen, vernünftigen Denken und Verhalten. Das Wort «systematisch» ist wichtig, weil wir oft in dieselbe Richtung irren. Zum Beispiel kommt es viel häufiger vor, dass wir unser Wissen überschätzen, als dass wir es unterschätzen. Oder die Aussicht, etwas zu verlieren" schreibt Dobelli im Vorwort. Er selber ist im Gespräch mit anderen zu einer Sammlung von Denkfehlern gekommen, die zu einer wöchentlichen Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Schweizer Sonntagszeitung führten, zu Vorträgen und  nicht zuletzt zu diesem Buch. „Sie halten es nun in der Hand – nicht Ihr Glück, so doch zumindest eine Versicherung gegen allzu grosses selbst verschuldetes Unglück.“

Vom „Overconfidence-Effekt“ zum „Hyperbolic Discounting“

Rolf Dobelli schreibt gewandt, witzig und immer mit träfen Schlagworten. Leider verwendet er zu oft Fremdwörter wie im obigen Untertitel, aber er erklärt sie wenigstens auf Deutsch. (gemeint sind Selbstüberschätzung und die Tatsache, dass wir im Bann der Unmittelbarkeit stehen.)

„The Survivorship Bias“ bedeutet den „Überlebensirrtum“, The Avaikability Bias“ etwa „Verfügbarkeitsfehler“. „Die „Induktion“ ist das Gefühl, das eine Gans bekommen muss, weil sie vom Bauern gefüttert und gehegt wird. „Irgend etwas muss an mir sein, dass mich der Bauer so liebt“. Ist es natürlich, nämlich die köstliche Gänseleber, die sich der Bauer für Weihnachten heranmästet..

Nicht immer sind Dobellis Denkfehler-Schlüsse unwiderlegbar. Beispielsweise, wenn er die Religion bemüht und in „The Authority Bias“ (Der Fehler, einer Autorität bedingungslos zu folgen) auf Gott in der Bibel zurückgreift, dem Adam und Eva beim Apfelbiss zu wenig Autoritätsgläubigkeit entgegen bringen. Für Dobelli wird man freier, wenn man die Autorität eines Vorgesetzten hinterfrägt. Man kann allerdings auch gefeuert werden und „sein Leben im Schweiss seines Angesichts“ verdienen.

Alles in allem aber ist „Die Kunst des klaren Denkens“ ein lesenswertes Stück Anti-„Wir-haben-es-immer-schon-so-gemacht“. Gerade das, was immer schon richtig war, kann sich in einer sich wandelnden Welt verändern. Wer auch immer dieses Büchlein mit den 52 Denkfehlern liest, wird darüber nachdenken und vielleicht auch einiges lernen.

Der 53. Denkfehler

Einem Denkfehler allerdings, dem so genannten „Xenologismus Bias“ unterliegt auch der Autor. Vielleicht meint er, sein reichlich mit Fremdwörtern gespicktes Buch (Fremdwörter nota bene, für die er keine deutsche Übersetzung angibt) würden dem besseren Verständnis seines Anliegens dienen. Das tun sie mitnichten.. Sein Xenologismus Bias - also einfach die Lust, Fremdwörter zu verwenden, stösst einfache Gemüter wie mich eher ab. Manchmal würde es sich lohnen, solche Fremdwörter genau auf Deutsch zu übersetzen, um zu erkennen, wie banal sie eigentlich sind...

Woher ich nun den „Xenologismus“ habe? Ganz einfach. Ich suchte bei Google unter „Fremdwort zu Fremdwörtern“ und fand folgende anonyme Erklärung:

„Bei Stupipedia steht dazu etwas Drolliges: «Xenologismus» ist ein aus dem griechischen stammender Begriff, der, wenn der Sprecher besonders intelligent wirken will, als Synonym für den Begriff «Fremdwort» genutzt werden kann. Somit ist «Xenologismus» also selbst ein «Xenologismus»."

Rolf Dobelli „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser andern überlassen“, Hanser Verlag München,
ISBN 978-3-446-42682-5