„37 Ansichtskarten“
Witz und Aberwitz im Stück von Michael McKeever
Was für eine Heimkehr! Nichts ist mehr so, wie es vor acht Jahren einmal war.
Zwar scheint der Haussegen noch senkrecht zu hängen – dafür steht das Haus schief, verläuft der Boden deutlich schräg. Eine Metapher dafür, wie alles versinkt, ins Verständnislose, ins Aberwitzige, schliesslich ins Bodenlose. Ohne Schlupfloch zurück in die Wirklichkeit.
Alles nur, weil die Verlobte von Avery Sutton, dem Sohn des Hauses, der acht Jahre in Europa umhergereist ist, endlich seine Familie kennen lernen möchte.
Alles beginnt ja eigentlich recht harmlos, voller Freude und Erwartung. So normal, dass man sich in den ersten Minuten der Komödie von Michael McKeever sogar fragt, was denn der schräge Zimmerfussboden und die schiefen Wände des Spielraums eigentlich bedeuten sollen. Der Autor nimmt zunehmende Missverständnisse in Familienbeziehungen, verbunden mit Verblassen der Erinnerungen und Wachsen von festgefahrenen Ansichten über Ereignisse der Vergangenheit zum Anlass, eine Komödie statt einer Tragödie zu schreiben. Er verwebt das häufig wachsende Vergessen und Verwirren mit zunehmendem Altern und Verblassen zu einem Spiel, dessen Witz und Aberwitz zunehmend beängstigender wirken. Manches bleibt einem da im sprichwörtlichen Hals stecken.

Helge Herwerth, Stephanie Brehme und Dinah Hinz
Foto: © Severin Nowacki
Wie eine Spirale wirbeln die Dialoge immer irrationaler auf die vollständige Auflösung im Unverständlichen zu. Sie sind einerseits auf wirkungsvolle Theatralik, andererseits auf Wechselwirkung von Sinn und Widersinn angelegt. So verleihen sie der Komödie ein erheiterndes, fast schwankhaftes Tempo, ohne dabei den grotesken Abgrund vollends zu überspielen. Dem Schachspiel vergleichend, erkennt man Eröffnung – noch alles ist möglich – und Mittelspiel – differenziert und wechselvoll – sprechen. Wie man in einer Komödie zu einem effektvollen Ende kommt, ist für jeden Autor eine Herausforderung. Hier liesse sich, nach allem Vorhergegangenen, auch ein weniger konventionelles Endspiel erwarten.
Beim Publikum an der Effingerstrasse als vielseitiger Darsteller beliebt, überzeugt Peter Bamler auch in seiner ersten Produktion als Regisseur. Seine Inszenierung wird der heiteren Spiel- und Dialogfreude wie dem bitteren Ernst dieses geschilderten Beziehungszerfalls gerecht. Die Führung der Darstellerinnen und Darsteller, die Typisierung der Rollengestalten, das Tempo der Abgänge und Auftritte, die Bewegungen und Gruppierungen im Raum entsprechen dem Text, der Handlung und dem feinem Austarieren zwischen Klamauk und Katastrophe. Bühnenbild (Peter Aeschbacher) und Kostüme (Sybille Welti) bilden, wie gewohnt, den dazu stimmigen Rahmen und steuern die erwünschten Akzente zu einer erheiternden, leichtfüssigen Wirkung der Inszenierung bei.


von lk: Antoinette Wosien, Stephanie Brehme, Helge Herwerth, Giulietta S. Odermatt und Rainer Friedrichsen
Foto: © Severin Nowacki.
Diese teils absurden, teils belustigenden Gespräche zwischen einander missverstehenden Menschen – vor allem die nächtlichen – verblüffen mit verwirrenden Momenten der Ungewissheit. Ist das jetzt gespielter Aberwitz oder schlicht ein Hänger? Gleichviel – es entspricht der abstrusen Familiensituation. Spielerinnen und Spieler agieren sichtlich mit Freude und übertragen schmunzelnde wie laut lachende Begeisterung aufs Publikum. Rainer Friedrichsen als Vater wirkt auf komische Weise hölzern und unbedarft; Stephanie Brehme wandelt sich als Gillian, die Verlobte, glaubhaft von naiv-herzlicher Freundlichkeit zum verunsicherten Spielball der Unbedarftheit der Familienangehörigen. Ihren Verlobten, den Sohn des Hauses Avery, der sich so beängstigend von der verrückten Familienwelt nach und nach einspinnen lässt, interpretiert Helge Herwerth überzeugend. Beeinflusst von lauter Gutmütigkeit und von mehr Familiensinn als Eigenständigkeit, verfällt er, nach kurzem Aufbäumen, hoffnungslos der häuslichen Schieflage. Mutter Evelyn (Giulietta S. Odermatt) zeigt eine unvergleichlich sture Wirklichkeitsferne, die sie mit fröhlich lauter Selbstverständlichkeit (auch hier bis zu einem Ausbruch von Verzweiflung) ausspielt. Tante Ester (Antoinette Wosien) äussert differenziert noch einzelne Akzente von genauerem Durchblick auf die Wirklichkeit und fügt sich damit als effektvoller Akzent in das ganze Tableau von Klangfarben und Charakteristika dieser Inszenierung.

Was wären das Stück und dessen Inszenierung ohne die skurrile Gestalt der Grossmutter? Und was wäre der Theaterabend ohne deren Darstellerin Dinah Hinz? Die grosse Dame der Bühnenkunst feierte kürzlich ihr 65-jähriges Bühnenjubiläum. So frisch, lebendig, vielseitig und vor allem menschlich farbig, wie sie diese komödiantische Gestalt verkörpert, glaubt man ihr zwar die grosse Erfahrung, vergisst aber ihr Alter. Eine Glanzfigur des Stücks, von einer aussergewöhnlichen Schauspielerin glanzvoll gespielt – danke, Dinah Hinz.
Dinah Hinz, Stephanie Brehme und Antoinette Wosien;Foto © Severin Nowacki

37 Ansichtskarten
Von Michael McKeever
Inszenierung: Peter Bamler
mitHelge Herwerth (Avery), Giulietta S. Odermatt (Mutter), Rainer Friedrichsen (Vater), Stephanie Brehme (Gillian, die Verlobte), Antoinette Wosien (Tante Ester), Dinah Hinz (Grossmutter)
Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Kostüme: Sybille Welti
Programmheft:Simone Füredi
Fotos: © Severin Nowacki
Premiere Freitag, 9. Dezember um 20 Uhr
Aufführungsdaten:
10.12. Sa um 20 Uhr
11.12. So um 17 Uhr
12.12. bis 17.12. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
18.12. So um 17 Uhr
19.12. bis 23.12. Mo-Fr jeweils 20 Uhr
27.12. bis 30.12. Di-Fr jeweils 20 Uhr
31.12. Sa um 17 Uhr und um 20 Uhr 30
3.1. bis 6.1. Di-Fr jeweils 20 Uhr
Vorverkauf Tf. 031 382 72 72