Kultur

Jazz als Lebensphilosophie

Jazz als Lebensphilosophie

Es gibt keine Alben, Youtubes, DVDs oder gar Konzert-Auftrittslisten. Dennoch bleibt die Begegnung absolut erinnerungswürdig, begrüssens- und nachahmenswert…

Gegen Ende der achtziger Jahre hautnah erlebt und später als Therapie zum Positiven angewendet. Dazu gehörte die idealistische Haltung eines Mario Dick, gewesener Arzt im solothurnischen Bettlach und Grenchen, Hobbykoch und (autodidaktischer) Vollblutmusiker.

Herz, Emotion und Humor…

Seine Neujahrtagsidee einige Jahre zuvor, inzwischen gewonnene gleichaltrige Freunde zur losen, kreativen zweistündigen „Sonntagsplausch-Jazzmatinee“ im riesigen Musikzimmer seines damaligen Bürohauses in benachbarten Lengnau zu animieren, gelang! Dies zur Freude und als moralisch aufbauender Beitrag zur Altersvorsorge sozusagen. Die Jazzband ohne Namen trat öffentlich zwar nur spärlich auf, zumal an Matinees im derzeitigen Langendorfer Restaurant Frauchiger; galt aber für Engagements bei internen Anlässen als absoluter Insidertip. Das musikalische Kleeblatt präsentierte ein überraschend ausgereiftes Repertoire mit allein 30 Hommagen an Swing-Oldies. Frisch vorgetragen von früheren Tanzmusikinterpreten innerhalb der Band, so vom Lengnauer Pianisten Hansruedi Renfer, einstiges Mitglied des Berner Jazzclubs 1943 und Arrangeur von über 200 Nummern. Bombastisch unterstützt durch den Solothurner Schlagzeuger Max Cucco und vom Bieler Innenarchitekten Julot Chopard, Tenorsax und Violine. So liess sich im Melodien- und Rhythmusbogen der Jazz-Standards und Swingklänge der Reiz des Zusammenspiel, in der Spontaneität und anfeuernder Gelöstheit erspüren. Die Themen musikalischer Freiheit und ebensolcher Interpretation, blieb ein Bestreben, das ihrer vorgetragenen Musik zugrunde lag. Mit viel Herz, Emotion aber auch Humor setzten sie gleichzeitig solidarisch-musikalischen Zündstoff frei. Live vorgetragene Standardstücke bereiteten – auch ohne Nostalgie- und Sentimentalitätsbonus – ein superbes Vergnügen.

Positive Lebenseinstellung

Zu diesen vom Jazz und Swing angefressenen Rentnern gesellten sich oft auch weitere Amateur-Jazzmusiker, einfach so zum Plausch. Vertraute Wiedergaben alter Grundmuster wie „Red Roses For A Blue Lady“ zum Beispiel, demonstrierten perfekte Improvisation und von Harmonie getragen. Verständlich, dass es einem bei solcher Jazzmatineemusik wohler wurde. Irgendwann mittendrin, schlug das Herz jedes Swingtime-Puristen höher: denn die Altherren hielten sich strikte an Altbewährtes. Unverfälschter Stil im homogenen Team, subtil ergänzt durch einen damals jungen Gitarristen Jürg Christen und mit dem Perkussionisten Beat Suter. Kurzum: Swingender Dixieland der „Thirties“ und „Fourties“, nur viel besser als auf alten LPs. Doch Singles oder Maxis gab es nie. Einzig eine Kassette lag auf. Ihren Vorbildern Gene Krupa, Coleman Hawkins, Stéphane Grapelli nachlebend; den Vatergestalten des Jazz und Swing notabene, überfielen sie den Zuhörer mit solchem Schwung, dass dieser die positive Lebenseinstellung der Altherren einfach spüren musste. Für einmal müssen wir Leser ohne Fotos und musikalische Beispiele auskommen; es existiert – trotz Nachfrage – leider nichts mehr davon. So bleibt einfach die Erinnerung an eine wundervoll und zur Band zusammengeschweisste Freundschaft älterer Herren und ihrer Liebe zur Musik. Über die man, wer damals auch immer Gelegenheit zum Kontakt hatte, bis heute nur Gutes sprechen konnte und kann, deren Sonntags-Jazzmatinee-Auftritte einerseits ihre eigene Lebensfreude widerspiegelten und andererseits zugleich auch Therapie bedeutete. Wie gesagt, nachahmenswert für brachliegende Talente unter uns Senioren empfohlen…