Von der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM-CH) konnten die Frauenrechtlerin Marthe Gosteli und die Historikerin Beatrix Mesmer den Menschenrechtspreis 2011 entgegen nehmen. Dieser wird seit 1994 an Personen oder für Aktionen verliehen, die sich für Rechte und menschliche Sicherheit stark machen.
Marthe Gosteli konnte den Preis für ihren jahrzehntelangen Einsatz für die Rechte der Frauen in der Schweiz entgegennehmen. Besonders hat sie sich für die Einführung des Frauenstimmrechts eingesetzt.
Beatrix Mesmer hat über die Geschichte der Frauenbewegung geforscht und "Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht" publiziert.
Marthe Gosteli wurde 1917 in Worblaufen bei Bern geboren. Ihr Grossvater war Grossrat. So wurde in der grossen Bauernfamilie viel über Politik gesprochen. Marthe Gosteli wurde für die Rechte der Frauen sensibilisiert und trat später der Frauenbewegung bei. Während des zweiten Weltkrieges war sie in der Abteilung Presse und Rundfunk des Armeestabes tätig. Während der folgenden Jahrzehnte hatten Marthe Gosteli und die Frauenbewegung viele Anfeindungen, vor allem im Kampf um das Frauenstimmrecht, zu überstehen. Dieser konnte 1971 mit Genugtuung abgeschlossen werden. 1982 gründete Marthe Gosteli das "Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung" und die "Gosteli-Stiftung".
Sie ist mit 94 Jahren noch immer in ihrem Archiv tätig. (Teilweise aus Swissinfo)
Wir gratulieren Frau Gosteli herzlich zu dieser späten Auszeichnung und wünschen ihr viel Glück und alles Gute für die Zukunft.
http://www.gosteli-foundation.ch/kontakt
http://www.demokratie.geschichte-schweiz.ch/chronologie-frauenstimmrecht-schweiz.html
http://www.wissen.sf.tv/Dossiers/Historisch/Frauenstimmrecht#!videos
Kurzinterview mit Marthe Gosteli:
Was hat Sie dazu bewogen, sich für die Besserstellung der Frauen einzusetzen?
Diese Frage ist nur schwer in einem Satz zu beantworten, es gab viele Beweggründe. Vor allem hat mich die Rechtlosigkeit der Schweizerfrau in früheren Jahren sehr beschäftigt und auch persönlich betroffen. Ich habe auch realisiert, dass die Gleichberechtigung der Schweizerin nur durch Bildung und Schulung erreicht werden kann. Der Kampf um die politischen Rechte war nur ein Teil der Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung. Ich habe mich stets für die Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten des Lebens eingesetzt.
Woher haben Sie die Kraft zum steten Weitermachen genommen?
Die Kraft für diese Arbeit habe ich immer wieder in der Begegnung und Zusammenarbeit mit klugen und voraus denkenden Pionierinnen, denen ich immer wieder begegnet bin, bekommen.
Besonders hart war der Kampf für das Frauenstimmrecht. Wie haben Sie diesen erlebt?
Es war ein Kampf der grössten, unblutigsten Freiheitsbewegung des letzten Jahrhunderts.
Wie beurteilen Sie den Eindruck, dass heute vielen jungen Frauen die Gleichberechtigung nicht wichtig erscheint?
Die jungen Frauen können den Kampf um die Gleichberechtigung niemals richtig beurteilen, weil jahrelang im Geschichtsunterricht die Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung ausgeklammert worden ist. Wir haben einen politischen, staatsbürgerlichen und historischen Bildungsnotstand.
Sie haben mehrere Auszeichnungen - jetzt den Menschenrechtspreis - für Ihre Arbeit erhalten. Was bedeuten Ihnen diese?
Der Menschenrechtspreis bedeutet mir sehr viel. Es freut mich vor allem, ihn zusammen mit Frau Beatrix Mesmer erhalten zu haben. Sie war die erste Professorin für die Geschichte der Frauen. Dank ihr war es mir möglich, das Frauenarchiv aufzubauen. Der Preis ist eine Anerkennung der Frauenarbeit schon vor dem Kampf für das Frauenstimmrecht. Diese bestand damals aus Schulungs- und Aufklärungsarbeit. Beeindruckend war ein Zusammenschluss aller Frauenverbände der Schweiz - von rechts bis links -, die sich gemeinsam für die Frauenrechte eingesetzt haben.
Bei den Aufnahmen zu Wiki loves Monuments, letzten Sommer, hatte ich Gelegenheit Frau Gosteli kennen zu lernen. In einem kurzen Gespräch über belangloses sagte sie nebenbei, sie sollte halt in ihrem hohen Alter nicht mehr politisieren, aber sie könne es nicht lassen ihre Meinung zu sagen. Ihre Wohngemeinde Ittigen hat die geistig wache Dame zur Ehrenbürgerin ernannt und von der Universität Bern wurde sie mit der Ehrendoktorwürde bedacht. In ihrem Haus hat sie mit grossem Einsatz und dank ihrer finanzielle Unabhängigkeit in den letzten Jahrzehnten das Archiv der Schweizer Frauenbewegung aufbauen können. Ein Kulturgut von nationaler Bedeutung.
In der aktuellen Migroszeitung ist übrigens eine umfangreiche Reportage über sie zu lesen.
Martha Gosteli
Herzliche Gratulation an Frau Gosteli zum Menschenrechtspreis! Sehr beeindruckt hat mich ihre Äusserung zum Kampf um das Frauenstimmrecht:"Es war ein Kampf der grössten, unblutigsten Freiheitsbewegung des letzten Jahrhunderts." Chapeau!! Hoffen wir, dass sich die heutigen jungen Frauen nicht einfach auf dem Erfolg dieser Vorkämpferinnen ausruhen. Wir sind es diesen Frauen schuldig, dass wir dieses Erbe weiterführen und entsprechend nutzen.