Nicht wenige von uns gehören zur Generation der 68er, haben in dieser oder jener Form dafür oder dageben gekämpft, haben sich geärgert oder sind, wie ich, stolz, wenigstens am Rande etwas davon mitbekommen zu haben. Unberührt dürfte von dieser Zeit - und dem, was damals abgelaufen ist - niemand (gewesen) sein, der zwischen 1940 und 1950 geboren wurde. Dass diese Zeit noch in die heutige hineinwirkt, wird immer wieder festgestellt oder behauptet.
Nach über 40 Jahren lohnt sich ein kritischer und selbstkritischer Blick auf eine gesellschaftliche Bewegung. In der «Bibliothek des Widerstandes» wird das Ereignis des Mai 68 in Paris (vor allem) von zwei Beteiligten und heute immer noch kritisch Engagierten in klugen, nicht immer leicht lesbaren Aufsätzen und Interviews reflektiert. Die Texte werden ergänzt durch zwei DVD (französisch mit deutschen Untertiteln) mit Filmen, die die Ereignisse von damals illustrieren. Eingebunden in die «Chronik einer unvollendeten Revolution» von Willi Baer sowie «1967/68. Chronologie der Ereignisse» von Daniel Bensaïd und Alain Krivine, den beiden Hauptautoren, werden das zwanzigjährige, das dreissigjährige und das vierzigjährige Jubiläum in seinem Gelingen und Misslingen diskutiert.

Der Mai1968 scheint gegenwärtig in der breiten Öffentlichkeit weit entfernt zu sein von den aktuellen Ausprägungen der Revolte, etwa jener des «arabischen Frühlings» oder der «Occupy-Bewegung». Gleichwohl wollten die Autoren, nach den meist oberflächlichen medialen Gedenkveranstaltungen, den wirklichen Charakter, den Ursprung, den Kern der sozialen Explosion von damals überdenken zu wollen, um 1968 nicht nur als Revolution der Moralvorstellungen zu memorieren, sondern als mehr. Denn es scheint sich damals doch um ein Ereignis von globaler Bedeutung im Bereich des Sozialen und Kulturellen gehandelt zu haben, wie es heutiger Sicht scheint. Es war ein politischer Protest, der seither seinesgleichen sucht. Daran erinnern uns Daniel Bensaïd und Alain Krivne, damals Akteure, die ihre Beteiligung bis heute nicht bereuen. Ich meine ohne zu übertreiben sagen zu können, die 68-er-Bewegung war wirklich die letzte grosse, umfassende gesellschaftliche Bewegung des letzten Jahrhunderts, wenn auch damalige Gegner und einige Apostaten heute anderer Meinung sind.
Die Behauptung lässt sich stützen, wenn man die heute aktuellen Bewegungen, Aktivitäten und Veränderungen betrachtet. Sie alle wären nicht, was sie sind, wenn ihnen nicht die 68-er als Türöffner vorangegangen wären. So die globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac, die Umwelt- und Tierschutzorganisationen wie der WWF, die Anti-AKW- und die Anti-Kriegs-Organisationen, die zahllosen Initiativen im Schul- und Bildungswesen, die breite Sensibilisierung bei der Ernährung, der Abbau falscher Autoritäten in der Kommunikation, die Initiativen gegen Kinderarbeit sowie die weltweite Frauenbewegung, die nicht bloss ein Ergebnis der Antibabypille, sondern einer fundamentalen Auseinandersetzung in den Köpfen der Frauen und Männer ist.

Gegen die Ereignisse des Mai 68, in denen etwa Nicolas Sarkozy die Erbsünde sieht, die für alle Übel unserer Zeit verantwortlich zu machen sind, handelt es sich im Gegenteil darum, der Überzeugung treu zu bleiben: Denn die Emanzipation wird einem nicht in den Schoss gelegt, sie wurde hart erkämpft. Formulierungen wie «Small is beautiful», «Das Private ist das Politische», «Die Phantasie an die Macht» und unzählige andere gehören heute zum Allgemeingut.
Dieser Band ist nicht nur eine kritische Geschichtsschreibung des Mai 1968, sondern auch eine Nutzanwendung für diejenigen, die sich heute mit den Alternativen nicht abfinden können, welche ihnen bloss die Wahl lässt zwischen gottesfürchtiger Erinnerung und kriecherischer Anpassung an die Gegenwart. Vielleicht könnte aus diesen sehr klugen, engagiert en Texten noch einiges abgeleitet werden auf die heutige Situation: auf die Freiheitsbewegungen in Nordafrika und die Antiimperialismus-Kritik der Occupy-Bewegung.
Willi Baer und Karl-Heinz Dellwo (Hgr.): Paris Mai 68. Die Phantasie an die Macht. Bibliothek des Widerstandes. Laika-Verlag, Hamburg 2011. 211 Seiten, illustriert, mit 2 DVD
68-er "Revolution" . meine verspätete Revolte
Seniorweb hat sich 2008 schon einmal ausführlich mit dem Thema 68-er Revolkution befasst. In vier Beiträgen schrieb ich eine Serie über dieses Phänomen, das auch die Zürcher Jugendlichen stark beschäftigt hatte. Andreas Kühner hat darauf aus seiner eher konservativen Sicht geantwortet. (Die Artikel findet man mit Suchen unter 68er Revolution Bernhard Schindler)
Für mich am erstaunlichsten - und wie sich zeigt auch am nachdrücklichsten - war der Humor, der die Pariser Revolte begleitete. "La phantasie au pouvoir!" war das Motto. Seit 1968 haben es Politiker wesentlich schwerer, sich pathetisch zu geben. Toleranz und Distanz sind geblieben. Toleranz für neue Ideen, Distanz insofern, dass man das Geschehen rund um uns herum nicht wirklich bierernst nimmt.
Eine Revolution kann man nie zweimal gleich machen. Das erste Mal passiert sie als Drama, ein zweites Mal wäre sie eine Farce. Das mussten die Zürcher und Basler Jugendlichen in den Jugendunruhen von 1980 erleben. Ich selbst war 1968 nur am Rande mitbeteiligt, aber hatte grosse Sympathie u.a. für Dany Cohn-Bendit und den Zürcher Rebell Thomas Held, der unterdessen ja Karriere gemacht hat - nicht als Gewerkschafter oder als Sozialdemokrat.
Evolution statt Revolution wäre richtig, sofern die Evolution nicht durch alles erhalten wollende Kräfte verteufelt und verdammt würde.
Bernhard