Kultur

Der Berg. Das Massiv. Die Regina Montis

Der Berg. Das Massiv. Die Regina Montis

Die Rigi, wie sie unsere Eltern und teilweise wir noch erlebt haben                  

Ruth Reinecke-Dahinden, selbst in Rigi-Kaltbad aufgewachsen, ist mit jetzt 82 Jahren in ihre Dachstube mit der einzigartigen Rigi-Fotosammlung geschlüpft und hat aus Fotos, Schilderungen und eigenen Erinnerungen ein Buch über die Rigi verfasst, das eine ganze Epoche des frühen schweizerischen Tourismus wieder aufleben lässt.

Dichter und Schriftsteller haben über die „Königin der Berge“ geschrieben. Mark Twain hat auf Rigi-Kulm, übermüde vom schwierigen Aufstieg, den Sonnenaufgang verschlafen und im Pijama zum Erstaunen aller Gäste wenigstens den Sonnenuntergang erleben können. Alphonse Daudet liess seinen Tartarin de Tarascon vom „Alpenclub de Marseille“ auf die Rigi klettern, wo er erschöpft im Nebel, wenige Meter unterhalb der Hotelterrasse, im Freien übernachten musste.

Ein Bildband über das Leben auf der Regina Montis

Erinnerungsbild der Hoteliersfamilie Schmid-Camenzind

Ruth Reinecke-Dahinden ist als Tochter des Besitzers vom weltbekannten Hotels Bellevue in Rigi-Kaltbad aufgewachsen. Sie ist zunächst in die Fussstapfen ihres Vaters getreten, hat die Hotelfachschule besucht und zusammen mit ihrem Mann das Hotel weitergeführt. Erst als dieser allzu früh starb, zog sich Ruth Reinecke ins Unterland zurück, wo sie 24 Jahre lang als Buchhändlerin tätig war. Im reichen Schatz von Fotos und Bildern, die Ruth Reinecke von ihrem Vater geerbt hat und den sie laufend mit neueren Fotos ergänzte, sowie ihren eigenen Erinnerungen hat sie nun ein Buch veröffentlicht, das insbesondere älteren Rigiwanderern eigene Erinnerungen zurückrufen wird.

Eigene Erinnerung des Rezensenten

1946 bin ich zum ersten Mal in Rigi Kaltbad gewesen und erinnere mich noch gut an das Hotel Bellevue, wo wir in einem Dreierzimmer untergebracht waren, und an die gemütliche Atmosphäre, die insbesondere von freundlichen Personal ausging, Ob ich Ruth Reinecke damals persönlich kennen gelernt habe, weiss ich nicht. Doch kann ich mich an eine Frau in diesem Hotel erinnern, die mich tröstete, als ich ihr von meinem Missgeschick am Skilift erzählte, auf dem ich mich trotz immer ärgerlicher werdenden Anweisungen des Skilehrers partout nicht halten konnte. War es die Hotellière, die mich tröstete?

Umfangreiche Sammlung

So sah man einst die Zukunft der Rigi mit einem Ballon zum Aufstieg

189 Fotografien und Zeitdokumente der Frühzeit des Wintertourismus in der Zentralschweiz von 1830 bis 1960 aus der Sammlung der Autorin zusammen mit ihren lebendig erzählten Stimmungsgeschichten vermitteln einen Eindruck von den Pionier- und Glanzzeiten der Grandhotels, den kühn entworfenen und wintersicheren Bergbahnen und dem Alltag der Rigibewohner. Knappe, kenntnisreiche Texte beschreiben die Stories hinter den Bildern und mehrere Anekdoten vermitteln einen anschaulichen Eindruck vom Leben vergangener Jahre.

Ich habe die Rigi mehrmals bestiegen. „Vo Luzärn gegen Wäggis zue“ – ja meistens sind wir mit dem Schiff nach Vitznau gefahren und haben dort die Bahn genommen, die den Gemütlichkeit vorziehenden Gipfelstürmer im Spätherbst durch eine Nebellandschaft, dann durch Tannenwälder mit filigranem Reifschmuck in die Sonne hinauf gebracht hat. Welche Aussicht schliesslich auf Rigi-Kulm über das Nebelmeer, aus dem die Dampfwolken der Kernkraftwerke siegessicher in die Atmosphäre qualmten. Einmal, noch in meiner Jugend, durfte ich mit dem Dampfross der Rigibahn, einer der ersten Lokomotiven auf der von Niklaus Riggenbach erfundenen Zahnradstrecke, mitfahren. (Niklaus Riggenbach war Basler, seine Mutter soll ein Spezereigeschäft gehabt haben, von dem in meiner Jugendzeit noch eine Filiale „Riggenbach & Krayer“ im Neubadquartier existierte). – Ich habe in Rigi Kaltbad vor wenigen Jahren den Geburtstag eines Freundes mitfeiern dürfen, nicht im Winter, sondern mitten in einem Bergfrühling, den ich nie vergessen werde.

Erinnerungen geweckt

Für mich und bestimmt viele ältere Semester ist das Buch „Die Rigi“ ein Erinnerungsbuch, in dem ich gern blättere, hier einige Bilder verkoste, dort einen oder zwei Texte lese. Und immer bleibt das Buch auf dem Nachttischchen, will ich mich freuen, in einer schlaflosen Nacht wieder darin zu schneuggen.

Ruth Reinecke-Dahinden „Die Rigi – Bilder und Geschichten“, gebunden, 128 Seiten, 189 Abbildungen, Sutton Verlag ISBN 978-3-86680-909-3