Freizeit

90 Jahre Amateurfilm

90 Jahre Amateurfilm

Im Jahr 1922 – also vor 90 Jahren - schuf Charles Pathé in Paris mit 9,5mm das erste Schmalfilmformat, das sich bei den Amateuren  weltweit durchsetzen konnte. Das Jubiläum mag Anlass sein, einen Blick zu werfen auf die Gründung und die Jahre davor.. (Nach einigen Quellen fiel der Startschuss an Weihnachten 1921.)

Ernemann vorne

Natürlich gab es schon vor Pathé Amateure, die filmen wollten. Sie mühten sich mit dem normalen Kinofilm von 35mm Breite und entsprechend schweren und teueren Kameras ab.  Was lag da näher, als das Filmband zu halbieren, 17,5mm war geboren. „Lange Zeit war der erste Schmalfilm im 17,5-mm-Format das bevorzugte Material der Freizeit-Cineasten Vor allem die Dresdener Kamera-Fabrik von Heinrich Ernemann hat sich um die Förderung dieses Formates verdient gemacht. 1902 prägte die Firma den Begriff KINO für ihre erste Schmalfilmkamera.  Die erste öffentliche Vorführung von  Ernemann-Kino fand in Dresden vor höchsten Behördevertretern 1903 statt.“

1 Michael Kuball, Familienkino I, Reinbeck, 1980

Erstaunlicherweise gab Ernemann trotz seines Erfolges mit 17,5mm das Format 1908 wieder auf und produzierte nur noch Normalfilmgeräte (35mm). So wurden in Deutschland bis zum Anfang der 20er Jahre keine speziellen Kameratypen für Filmamateure mehr gebaut. Der Fantasie der Erfinder war aber keine Grenze gesetzt. Um 1920 zählte man neun verschiedene Formate, mit Filmbreiten von 11mm bis 120mm. - Wie auch immer das Format lautete, der Amateur hatte seine liebe Mühe mit der Filmerei. Er musste erst einen Negativfilm belichten und entwickeln, dann eine Positivkopie  herstellen und diese wieder entwickeln.

Pathé = 9,5mm

In Frankreich hatten die Gebrüder Pathé, Charles, Emile, Théophile und Jaques, 1896 die Filmgesellschaft Pathé Frères gegründet, die sich mit dem Kino-Film befasste. Sie hatten jedoch auch den Amateurfilm im Auge und verfolgten die Bemühungen von Ernemann mit Interesse. Ihre Idee war es, einen preisgünstigen Projektor zu schaffen, mit dem man Kauf- oder Mietfilme zu Hause vorführen konnte. Im Jahre 1911 präsentierten sie den Projektor Pathé KOK. Die zu Verfügung gestellten Filme mit einer Breite von 28 mm  waren unbrennbar, ein entscheidender Pluspunkt. Auch eine Aufnahmekamera KOK wurde produziert. Doch letztlich war der Film nicht viel billiger als 35 mm,  und so blieb auch diesem Format, wie allen anderen vor ihm, der grosse Erfolg versagt.

Charles Pathé war der eigentliche „Motor“ der Firma, die Brüder fungierten eher als „Stille Teilhaber“. Er erachtete die Idee von KOK als gut, doch die Preise als zu hoch. Für einen Amateurfilm, der die breiten Massen erreichen sollte, waren die folgenden Bedingungen unerlässlich:

1. Das  Filmmaterial musste unbrennbar sein

2. Filmmaterial sowie Kamera und Projektor mussten günstig im Preis sein

Um preiswertes Filmmaterial verwenden können, nahm Pathé den 35 mm breiten Kinofilm, schnitt beidseits die Perforation ab und drittelte das restliche Band, so kam er auf die etwas merkwürdige Filmbreite von 9,5 mm. Anfangs dachte man nur an einen Projektor, der schliesslich als Pathé-Baby 1922 erschien.

Pathé-Baby

Der Projektor wurde von Fachleuten als Spielzeug abqualifiziert, aber die Leute liessen sich nicht beirren, sie stürmten die Läden und bald waren 350'000 Apparate abgesetzt. Schon in Kürze waren 100 Kauf- und Mietfilme lieferbar, die Filmothek wuchs rapide. Dank der Mittelperforation kann die Bandbreite fast vollständig ausgenutzt werden. Die Filme von 10 m Länge wurden in Metalldosen, sog. Galettes, geliefert. Das Angebot umfasste vorab Kurzfilme mit Laurel und Hardy usw., aber auch grosse Leinwandwerke wie „Die Nibelungen“ oder „Metropolis“ waren in  9.5-Reduktion erhältlich. Da musste man schon fleissig die Spulen wechseln.

Ermutigt vom Erfolg dachte Charles Pathé an die Herstellung einer Kamera. Was aber fehlte, war ein Umkehrfilm, der das mühsame Kopieren des aufgenommenen Negativs überflüssig machte. Ab Dezember 1922 wurden diesbezügliche Versuche angestellt. Am 1. April 1923 wurde in der „Photorevue“ angezeigt, dass die Kamera lieferbar sei, ebenso ein Film in Kassette. Kamera und Projektor kosteten je etwa 400 Francs, die Filme 6-8 Francs. (= je 100.- Fr.)

Aber die Umkehrentwicklung war für den Amateur nicht ganz einfach, und so vertrauten die Amateure zunehmend die Entwicklung der Firma Pathé an.  Das war umso einfacher, als in vielen Länden Europas Niederlassungen von Pathé entstanden.

Der erste Amateurfilm

Mit 9,5 mm schuf Pathé nun den Durchbruch: Die handlichen und im Vergleich zu früher  preiswerten Geräte eroberten bald ganz Europa und gelangten via französische Kolonien nach Übersee. Überall wurden nun 9,5-mm-Geräte produziert, so von Nizzo in Deutschland, von Eumig in Österreich und von Bolex in der Schweiz. Das erste Amateurformat, das weltweit Anklang fand, war geschaffen.

Ernst W,

5.1.12

Kommentare

Bild des Benutzers Roger Ramuz

@ Ernst Wolfer

Herzlichen Dank für diesen lesenswerten Blog. Passt zu den vorgegebenen Themen der "Projektgruppe Multimedia".

Freundliche Grüsse
Roger Ramuz

Bild des Benutzers Josef Ehrler

Amateurfilm

Geburtstag

Interessant, das wusste ich gar nicht, dass das Amateurfilmformart schon 90 Jahre alt ist.

Josef Ehrler