Kulturwandel seit ca. 1950 durch den Sucher betrachtet
[CONTRE]CULTURE / CH – so betitelt das Musée de l'Elysée in Lausanne seine höchst originelle Fotoausstellung. Ob wir die spätestens seit den 1960er Jahren entstehenden neuen Kulturformen "Gegen-Kultur", "Subkultur", "Jugendkultur" oder anders bezeichnen, ist inzwischen belanglos geworden, denn viele der Strömungen, die wir seit den letzten 50 Jahren beobachten, gehören heutzutage ganz selbstverständlich zur zeitgenössischen Kultur.
Mit seiner umfangreichen Sammlung widmet sich das Musée de l'Elysée seit 1975 der Fotografie in Geschichte und Gegenwart, aber auch den anderen audiovisuellen Künsten wie Video und Film.
Die aktuelle Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 25 Fotografen, Video- und Filmkünstlern. Ausgehend von Arbeiten zu verschiedenen Aspekten, die sich in den 1960er –70er Jahren deutlich als Kontrast zum herrschenden Kulturverständnis manifestierten, werden auch zeitkritische Fotografien der letzten Jahrzehnte gezeigt.
Die traditionellen Werte wurden in den letzten 50 Jahren sowohl im Privaten als auch in der Gesellschaft gründlich durcheinandergeschüttelt: die sexuelle Befreiung, künstlerische Utopien und eine unfassbare Sehnsucht nach dem Unmöglichen sägten wirkungsvoll an den Konventionen. Im Laufe der 1980er Jahre löste sich die ursprünglich provokative, auf Freiheit bezogene Gegen-Kultur im Brei der Konsumentengesellschaft und der liberalen Wirtschaft langsam aber sicher auf.
Das globalisierte Dorf orientiert sich immer stärker an materiellen Werten. Heute vermischen sich Moderne und Traditionen im Kunstbetrieb, und der Markt spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Kuratoren dieser Ausstellung zeichnen diesen Weg von subversiver Kunst zum kritischen Ausdruck in der Fotokunst nach.
Im historischen Teil sieht man Karlheinz Weinbergers Fotografien der "Hell's Angels" (siehe oben, Titelbild) aus den 60er Jahren. Luc Chessex verlässt die Schweiz und fotografiert in Kuba. Von Arnold Odermatt, Polizeifotograf aus Nidwalden, findet man Bilder der unmöglichsten, wirklich geschehenen Unfälle (Foto links). Diese Fotos fanden auch künstlerisch schon grosse Beachtung, als Harald Szeemann sie an der Biennale in Venedig 2001 zeigte.
Gegenwärtige Arbeiten zeigen die Ausenandersetzung der Foto- und Videokünstler mit den Fragen der schweizerischen Identität, sei es in Landschaftsbildern, sei es mit spannenden Kontrasten. Den spannenden Arbeiten von Christian Schwager, der die vielen versteckten, der Schweizer Landschaft angepassten Militärbunker gleichsam dokumentiert, werden einige interessante Fotos der Genfer Expo von 1898 gegenübergestellt, die ebenfalls keine "echten" Bauten zeigen, sondern Gebäude, die extra für die damalige Expo aufgebaut worden waren. Von solchen reizvollen Gegensätzen lebt die Ausstellung.
Witz, Ironie, feine Kritik sprechen aus vielen Bildern: aus den surrealistischen Werken von Plonk&Replonk (Foto rechts), der Bildfolge von Claude Baechtold "Switzerland versus the World" (Foto unten, 'Dresscode') oder aus Nicolas Savarys und Tilo Steireifs überraschenden Videoaufnahmen, in denen sie filmen, wie in einer Ecke des Bundeshauses Nationalräte und –rätinnen fotografiert werden.
Die Ausstellung (noch bis 29. Januar 2012 geöffnet) zeigt eine unglaubliche Breite der Kunst der Fotografie. Der Rückblick auf vergangene oder inzwischen assimilierte Moden lässt oft schmunzeln, die jüngsten Fotoarbeiten beeindrucken durch den kritisch-ironischen, aber auch freundlichen Blick auf unsere Gesellschaft. – Ein Ausflug in das wunderschön gelegene Museum mit Blick über den Genfersee in der Nähe des Olympischen Museums lohnt sich unzweifelhaft!

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Musée de l'Elysée.
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