Kultur

Pubertätsträume, Altherrenträume...

Pubertätsträume, Altherrenträume...

 

In Bern: „Holger, Hanna und der ganze kranke Rest“
von Jan Demuth

 

 

 

Spiel und Spielraum ohne allzu viel Hintersinn

 

Das Licht geht aus, der Vorhang öffnet sich – und einem Herrn zwei Reihen hinter mir entfährt es: „Ein Wetterhäuschen!“ – Unangenehm beschleicht mich das zuerst (lieber selber herausgefunden hätte ich es wohl), dann gestehe ich ein: Möglich, dass Peter Aeschbacher den Hintergrund des Spielraums einem dieser früher gebräuchlichen Wetterhäuschen nachempfunden hat, wo auf der einen Seite bei erwartetem Schlechtwetter eine Figur mit geöffnetem Regenschirm heraustrat, bei Sonnenschein auf der anderen Seite eine mit geschlossenem Schirm. Wie überzeugend einfach, diese Komposition!

 

Bild (c) Severin Nowacki. Von links Katharina Schlaak, Helge Herwerth StefanieJansen, Nick-Robin Dietrich

 

Auf der Bühne an der Effingerstrasse treten die Figuren einmal rechts, einmal links durch die weissen, klassizistisch angehauchten Bögen nach vorn, in eine halbrunde Arena: Mutter Verena, Vater Gerhard und Holger, der siebzehnjährige Sohn. Und eben auch Hanna, die Neunzehnjährige, heimlich bewundert vom Jungen, unheimlich vereinnahmt vom Alten.

Das Bühnenbild unterstützt die Symbolik des Spiels – eine Symbolik, die nicht gewichtig oder gar tragisch angelegt ist, sondern ein alltägliches Geschehen dokumentiert und spielerisch auslebt. So wie es sich in Heinrich von Kleists Ironie spiegelt: „...und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei...“.

Auf dem Theater und fürs Theater: Familientherapie

Mitspielen darf das Publikum; die Rolle des Familientherapeuten nämlich. Denn mit einer ersten Sitzung bei diesem beginnt das Spiel. Mutter Verena, Vater Gerhard und der spätpubertierende Holger versuchen mitzuteilen, wie alles gekommen ist und ob man das eheliche Zerwürfnis heilen, die Trennung aufheben und die Scheidung vermeiden könnte.

Sie hätten sich halt nach siebzehn Jahren auseinander gelebt, eröffnen die Eltern dem Sohn. Sie würden sich jetzt halt trennen. Nur eine unbestimmte Zeit lang vielleicht.

Holger glaubt nicht ganz, Holger leidet.

Hanna, ein Traumbild

Hanna ist Holgers zwei Jahre ältere Mitschülerin und besucht eine Klasse über der seinen. Er liebt sie mit der ganzen Fantasie und Unbedingtheit, wie sie zur sprichwörtlichen „ersten Liebe“ in der Pubertät gehört. Doch Hanna begegnet seinen schüchternen, mutigen, teils ungeschickten Avancen mit schnippischer Gleichgültigkeit. Seine pubertäre Liebe zeigt sich als ein beglückender Traum, der die Wirklichkeit absolut ausblendet. Doch auf der Bühne wird beides nacheinander dargestellt: Erst die Traumszene, dann deren Entsprechung in der Wirklichkeit. So ideal, poetisch und erfüllend der Traum, so banal, gefühllos und verletzend die entsprechende Wiederholung.

Bild (c) Severin Nowacki

 

Die Spannung des Stücks und dessen Inszenierung ist dem Umstand zu verdanken, dass Hanna auch zum Traumbild des vierzigjährigen Vaters Gerhard wird. Alle drei begegnen sich erstmals beim Training zum „Kantonsmarathon“. Belustigtgewahrt man mehr und mehr, wie lächerlich, peinlich solche Altherrenträume sind. Doch nicht, weil Text und Inszenierung auf Lächerlichkeit oder Peinlichkeit angelegt wären. Im Gegenteil, die Fäden von Begehren und Geniessen sind so selbstverständlich gesponnen, dass (trotz einzelnen heftig akzentuierenden Ausbrüchen) die vorherrschende Leichtigkeit des Spiels nicht mit dunkler Dramatik beschwert ist.

Ein eindrückliches Darstellerquartett

Regisseur Stefan Meier bringt diese Situationen mit sehr viel Farbe und Leben, aber vor allem mit Witz und Augenzwinkern zum Tragen. Wobei wieder einmal das vor Jahrzehnten aufgeschnappte Zitat unbekannten Ursprungs seine Gültigkeit erweist: „Es gibt einen grossen Ernst, und der heisst Spiel“. Hier trägt das Spiel den Hauptakzent; Relief und Perspektive verweisen aber auf einen Ernst, der nicht ohne Melancholie und Leiden ist.

Katharina Schlaak (Verena) und Helge Herwerth (Gerhard) vermögen als Elternpaar ihre aufgeriebene Beziehung wie die angespannte Beziehung zum Sohn, mit deren Mischung zwischen Unverständnis, Unterforderung u

nd Überforderung, glaubwürdig auszudrücken. Helge Herwerth erfüllt die Erwartungen seiner Altherrentraum-Rolle als Verehrer der jungen Geliebten vorzüglich. Hanna spielt die neunzehnjährige Schon-Frau mit der stimmigen Mischung von Klein-Lolita und Teenie-Hochnäsigkeit jungweiblich unbekümmert. Herausragend, wenn auch wohlabgestimmt auf die andern drei Spielfiguren, wirkt Nick-Robin Dietrich als Holger. Schon von seiner Erscheinung her ist er geschaffen für diese Rolle. Sein knabenhaftes Gesicht und seine leicht schmächtige Statur weiss er höchst vorteilhaft einzusetzen. Er gestaltet den fragilen, pubertären Jüngling mit den quälenden Fragen, das an aussichtsloser Liebe leidenden Träumen und den aufmüpfigen Tonfall, vor allem gegenüber dem Vater als Rivalen, höchst einprägsam, vielseitig, lebendig und ausdrucksstark.

Theaterzettel

Bild (c) Severin Nowacki

 

Holger, Hanna und der ganze kranke Rest
von Jan Demuth

Inszenierung:Stefan Meier

Besetzung:

Holger: Nick-Robin Dietrich
Hanna: Stefanie Jansen
Verena            : Katharina Schlaak
Gerhard: Helge Herwerth

Bühnenbild: Peter Aeschbacher
Kostüme: Sybille Welti

Aufführungsdaten:

Premiere Samstag, 14. Januar um 20 Uhr
15.1. So um 17 Uhr
16.1. bis 21.1. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
23.1. bis 28.1. Mo-Sa jeweils 20 Uhr
1.2. bis 4.2. Mi-Sa jeweils 20 Uhr
9.2. Do um 20 Uhr
12.2. So um 17 Uhr
14.2. Di um 20 Uhr

Vorverkauf: Telefon 031 382 72 72

http://www.dastheater-effingerstr.ch

Kommentare

Bild des Benutzers Roger Ramuz

Danke für diesen Blog

Lieber Fritz

Auch das muss mal gesagt werden:

Deine Blog's lese ich immer wieder gerne. Sie sind alle gut recherchiert und mit wunderbarem Bildmaterial gespickt. Für mich bist Du ein Autor, von dem einige unter unseren Autoren ein Stück abschneiden sollten und versuchen sollten Dir nachzueifern.

EIN GROSSES KOMPLIMENT AN DICH !

Freundliche Grusse aus Luzern
Roger Ramuz