Die Installationen von Gunter Frentzel im Kunstmuseum Solothurn
Eleganz und Ausdruck
Einen Titel hat diese Ausstellung nicht, denn man kennt den Künstler in Solothurn. Ich fuhr hin, nachdem jemand, der etwas von Kunst versteht, sie mir empfohlen hatte. Ohne mich zuerst in die aufliegenden Informationen zu vertiefen, schlenderte ich durch die Säle und liess die Objekte auf mich wirken. Sie gefielen mir in ihrer Eleganz, ihrer Harmonie und Energie, die sie ausstrahlten. Die meisten haben keinen Titel, scheinen schlicht und sind doch ausdrucksstark.
Der Künstler benutzt vorwiegend lange, vierkantige Stahlstäbe, auch breite Stahlbandfedern, Stahlplatten und einige Steinquader und Holzstücke. Einige Objekte sind raumfüllend, zum Beispiel mit bis zu 6 Meter langen Stahlstäben: In einer eindrucksvollen Installation ohne Titel hat Frentzel schwebende Flächen geschaffen, die Kontakt zu den grossen Fenster des Raumes aufnehmen, das Licht durchscheinen lassen, aber auch leicht wie Zeltdächer wirken.
Für die Installation "Harmonie rhythmisch" (Foto links) benutzt er mehr als 200 Stahlstäbe, etwa 2.50m hoch, die er in der diesem Werk eigenen Ordnung an die Wand eines ganzen Saales gestellt hat. Die Stäbe lehnen an-, auf- und nebeneinander, sind aber sonst nicht weiter befestigt. Darauf wurde ich erst nach geraumer Zeit aufmerksam, und nun ging ich nochmal durch die Räume und war fasziniert: Alle Objekte, die vom Boden her aufgebaut sind, benötigen keine Befestigungen. Es sind vergängliche Installationen, ihre Bestandteile werden weggeräumt, wenn die Ausstellung geschlossen wird. Der Künstler hat seine Installationen im Hinblick auf diese Räume gestaltet, sich von ihnen inspirieren lassen.
Vierkantstahl – das Material von Gunter Frentzel
Einer der Säle, in dessen Ecke eine Wendeltreppe ins Untergeschoss führt, wird von einer aus knapp zwei Windungen bestehenden Spirale aus 148 Stahlstäben beherrscht (s. Titelfoto). Das entstandene Werk ist nicht nur schön, sondern auch kraftvoll und manifestiert den Erfindergeist seines Schöpfers. Bei all diesen Werken muss man sich wohl vorstellen, dass nicht nur der Sinn für die "richtige", beabsichtigte Form die Arbeit beherrscht, sondern auch eine ständige Suche nach dem Gleichgewicht der einzelnen Teile. So fest und beständig Stahl als Material ist, so fragil wird eine Konstruktion aus Stäben, die nur aufeinanderliegen, nicht verzahnt, verhakt oder verschweisst sind.
Das macht den Reiz der Werke von Gunter Frentzel aus: Den Stahl, dieses in den letzten 150 Jahren industriell hochperfektionierte Material, benutzt er als Ausdrucksmittel für Immaterielles wie Harmonie, Rhythmus, Spannung – Entspannung, Spiel mit Licht und Gleichgewicht, mit Weite und Geborgenheit.
Mich hat eine "kleine" Installation besonders beeindruckt: Eine 12 cm breite Stahlfeder biegt sich zwischen Boden und Wand, am Boden gehalten durch einen Steinquader und an der Wand durch eine Steinplatte 12x12cm, die genau auf die Stahlfeder passt und dort wie ein kleines "Plättchen" wirkt. (Foto links) Die Kraft, die im Stahl liegt, wird durch ungleiche Steinklötze gebändigt – und das Ganze sieht schwebend leicht aus! – In jedem dieser Kunstwerke findet der Betrachter Anstösse zum Nachdenken und Staunen.
Gunter Frentzel, 1935 in Berlin geboren, lebt schon seit Jahrzehnten in der Nähe von Solothurn. Sein einzigartiger Umgang mit seinen Materialien hat in der Schweiz, aber auch in Deutschland viel Resonanz gefunden. Nach einer ersten Ausstellung 1990 widmet das Kunstmuseum Solothurn dem Künstler nun zum zweiten Mal Gelegenheit, sein Schaffen der letzten Jahrzehnte zu zeigen.
Die Ausstellung ist nur noch bis zum 19. Februar 2012 zu sehen. Es finden auch öffentliche Führungen statt.
Das Kunstmuseum Solothurn ist in jedem Fall einen Besuch wert. Das Gebäude aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert widerspiegelt den Zeitgeist seiner Entstehung, aber innen ist der Geist des Museums ganz und gar nicht stehengeblieben. Das Obergeschoss ist der ständigen Sammlung gewidmet. Dort hat natürlich Cuno Amiet, der nicht weit entfernt seinen Wohnsitz hatte, seinen Platz, auch Frank Buchser, Ferdinand Hodler und eine Reihe bedeutender Schweizer Maler des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Museum besitzt auch einige schöne und interessante spätmittelalterliche Werke. Von Zeit zu Zeit werden die Gemälde neu gehängt, wobei reizvolle Nachbarschaften zum Vergleichen enstehen. Zum Reichtum der Sammlung haben verschiedene private Sammler und Stifter beigetragen. Trotzdem bleibt das Museum überschaubar, was der Besucher dankbar registriert. Er gerät in Solothurn nicht in Versuchung, nur noch "durchzulaufen", weil ob aller Fülle seine Wahrnehmungskapazität nachlässt.
Zur Zeit findet neben der beschriebenen noch eine weitere sehenswerte Sonderausstellung mit eher kleinformatigen Werken statt: "Mit Haut und Haar" Akte und Figuren aus der Sammlung (im Graphischen Kabinett, bis 22. April). Auch hier wurden Aktdarstellungen, Zeichnungen, Skizzen, Gemälde, einige Skulpturen sorgfältig ausgewählt und platziert. Die Spanne reicht von Frank Buchsers "Nackter Sklavin" über ein Frühwerk von Ferdinand Hodler bis zu Alberto Giacometti ("Femme à l'épaule cassée"), aktuellen Künstlern wie Schang Hutter und vielen anderen. Eine besondere Freude kann man darin finden, Bezugspunkte mit der ständigen Sammlung zu entdecken.
Eine Reise nach Solothurn – im Zug dauert die Fahrt ca. 1 Stunde - lohnt sich.
Bild rechts: Victorine Müller, Skizze zur Performance "Hommage à Meret"
Fotos der Installationen / Bild: © Kunstmuseum Solothurn
Foto des Gebäudes: © Wladyslaw Sojka / wikipedia.de