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Zum Gedenken an «Loriot»

13 Antworten [Letzter Beitrag]
25. August 2011 - 17:59
Almut Papkalla

Rede von Vicco von Bülow (Loriot) anlässlich der Immatrikulationsfeier im Wintersemester 1999/2000, am 10. Oktober 1999 an der FU Berlin

Liebe Neuimmatrikulierte und Studenten der FU Berlin, 
hochverehrte Exzellenz, 
hochverehrte Magnifizenzen und Spektabilitäten,
 verehrte Professoren und Dozenten,
 meine Damen und Herren!

Die Ausrichtung der diesjährigen Immatrikulationsfeier obliegt praktischerweise dem Fachbereich Humanmedizin. So können die angehenden Ärzte gleich einen verbreiteten Irrtum der Neuimmatrikulierten korrigieren: häufige Anwesenheit bei Vorlesungen gefährdet nicht die Gesundheit.

Das ist gut zu wissen. Immerhin hat man Euch jungen Menschen in dichter Folge ziemlich übel mitgespielt. Ihr wurdet entbunden, der Brust entwöhnt, in die Schule gezwungen, zum Abitur genötigt und wieder an die Luft gesetzt. Da seid Ihr nun und erwartet Kluges aus dem Munde älterer Männer. Eines alten Mannes.

Der kann, die können sich auf verschiede Weise blamieren. Zum Beispiel mit dem Versuch, nach Vollendung des 75. Lebensjahres eine Rede an die Jugend zu halten. Schon die schelmisch vorgetragene Behauptung, "ich bin auch mal jung gewesen" wirkt ziemlich unwahrscheinlich. Das ist auch gar nicht zu beweisen. Wer hat denn schon gesehen, dass ich klein war? Niemand!

Glaubwürdiger ist doch, alte Menschen, sogenannte Grosseltern, waren immer schon alt. In abgelegenen Teichen warten sie darauf, von Störchen aufgenommen und nach ruhigem Anflug dort abgeworfen zu werden, wo sie von Nutzen sind. Das leuchtet ein.

Wie funktioniert das mit Vater und Mutter? Es ist doch verhängnisvoll, dass Eltern früher auf die Welt kommen, als ihr Kind. Dadurch entwickeln sie vorzeitig ein ungutes, durch nichts begründetes Überlegenheitsgefühl.

Kämen Eltern und Kinder gleichzeitig auf die Welt, wüchsen sie gemeinsam, in wohltuender Chancengleichheit in ihre Aufgaben hinein. Wieviel Verständnis hätte dann der Jugendliche für die Irrtümer seiner Eltern, wieviel nachsichtiger verliefe jede Meinungsverschiedenheit!

Nur wenn Vater, Mutter und Kind gemeinsam sprechen lernen, finden sie die nötige Gelassenheit für den Austausch pädagogischer Argumente.

Aber so weit sind wir eben noch nicht. Bis auf weiteres wird die Jugend, auch die neuimmatrikulierte, doch ziemlich allein gelassen mit der Frage: "wie erziehe ich meine Eltern zu ordentlichen, gebildeten Mitgliedern unserer Gesellschaft?". Nicht einmal im Fachbereich Erziehungswissenschaft der FU findet sich ein ent­sprechender Studiengang.

Es ist sonderbar, aber Eltern sind auch Menschen und sie sind, was die Herstellung und Aufzucht von Nachwuchs betrifft, so was wie ungelernte Arbeiter.

Niemandem ist es erlaubt, ohne gründliche Ausbildung und Führerschein am Strassenverkehr teilzunehmen, aber zur Produktion eines Kindes - das angeblich Kostbarste, was eine Nation besitzt - bedarf es keiner Eignungsprüfung. Nicht einmal Abitur wird verlangt.

Kein Wunder, dass die sogenannten Erwachsenen hinsichtlich der Lebensgewohnheiten der Jugend völlig im Dunklen tappen. Hier bedarf es behutsamer Nachhilfe.

Kinder sollten ihre Eltern rechtzeitig daran gewöhnen, abends nicht zu lange aufzubleiben. Quängelnde, über­müdete Erwachsene benötigen Ruhe, um für die Anforderungen des Lebenskampfes gerüstet zu sein, während die Jugendlichen den endlich freigewordenen Wohnraum nutzen für entspannte Geselligkeit mit ihren gleich­altrigen Freunden. Eine wichtige Übung zur Formung des späteren Sozialverhaltens.

Vor allem sollte genügend Zeit zum Fernsehen bleiben. Die Universitäten neigen dazu, durch ein überreichliches Arbeitspensum das geregelte Fernsehen zu erschweren. Ihr aber solltet nicht nachlassen, vor allem die Werbung intensiv zu verfolgen, die ja leider alle paar Minuten durch unverständliche Spielfilmteile unterbrochen wird.

Dann wisst ihr, was unser Leben so glücklich macht: nicht Wissen, nicht Bildung, nicht Kunst und Kultur ... neinnein ... es ist der echte Kokos-Riegel mit Knusperkruste, die sanfte Farbspülung für den Kuschelpullover und der Mittelklassewagen für die ganze glückliche Familie mit Urlaubsgepäck und Platz für ein Nilpferd.

Fundierte Kenntnisse von den Wunschzielen der deutschen Durchschnittsfamilie machen Euch nicht nur für Eure Eltern unentbehrlich. Auch die Industrie richtet sich nach Eurem Geschmack.

Ich betrat vor kurzem ein Schuhgeschäft, um mir ein paar leichte Sportschuhe zu besorgen. Die geduldige Verkäuferin liess mich sämtliche lieferbaren Modelle anprobieren.

Schon auf den ersten Blick hatten alle eines gemeinsam: ich sah aus, als sei ich in eine Sahnetorte getreten. Die Dame gab sich keine Mühe, das zu bestreiten, blieb aber ernst.

Als ich ihr meine ebenso schönen wie zweckmässigen Sportschuhe beschrieb, die ich bisher zu tragen pflegte, deutete sie an, zur Zeit dieser Mode noch nicht gelebt zu haben.

Das war nicht galant, aber ich weiss nun, dass für Greise keine Sportschuhe mehr hergestellt werden. Es sei denn, Grosseltern finden sich damit ab, wie verschrumpelte Mickymäuse auszusehen.

Nun sind Sportschuhe nicht das Mass aller Dinge. Wodurch aber bewegt sich unsere Welt? Wie sieht es im Reich der Elektronik aus?

Nicht nur Videorecorder, CD-Player, Autoradios, Taschenrechner und Fernbedienungen, auch Jumbo-Jets, Jagdbomber und Atomanlagen reagieren auf die Berührung einer Unzahl von Bedienungstasten, die für reifere Menschen auch mit Brille nicht erkennbar sind. Nur die Jugend ist mit Sinneswerkzeugen ausgestattet, denen sich die Gegenwartstechnik unterwirft.

Hinzukommt, dass sich moderne Geräte in den Augen der älteren Generation so gut wie nicht mehr voneinander unterscheiden.

Wenn das Handy läutet und man hält den Rasierapparat ans Ohr, können Sekunden vergehen, die über Leib und Leben entscheiden. Von Zufall kann hier wohl nicht die Rede sein. Vielmehr soll dem als störend empfundenen älteren Menschen die Teilnahme am Fortschritt systematisch verleidet werden.

Ein übriges tut jene Sprache, die nur ein Jugendlicher beherrscht, der am Computer einsitzt, um per Internet eine verlässliche Kommunikationsschiene zum Sohn eines Börsenmaklers in Timbuktu aufzubauen. Da wird die Grosstante in Ingolstadt wohl noch des längeren auf ein verständliches Lebenszeichen warten müssen.

Diese mürrische Betrachtung mag den Eindruck erwecken, als fühle ich mich nur der Vergangenheit verpflichtet. Das stimmt insofern, als ich, wie alle Väter und Grossväter zutiefst bedaure, meine Erfahrungen nicht weitergeben zu können, weil sie weder erwünscht sind, noch glaubhaft erscheinen.

So bleibt mir nur die Hoffnung, Ihr werdet nicht auf sämtliche Knöpfe drücken, die Euch eine schrankenlose Technik zur Verfügung stellt. Vielleicht seid Ihr dann die erste kluge Generation, die den wirklichen Fortschritt darin erkennt, nicht alles zu tun, was machbar ist.

Ich danke Euch.

Answers

Rolf Löber

Loriot

Eine wunderschöne Würdigung dieses sehr speziellen Menschen und Denkers.

Danke Almut für diesen Beitrag.

Gruess, Rolf

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * Lernen und Entdecken macht mir Freude. Es ist spannend für mich, Neuem zu begegnen. Gern gebe ich mein Wissen weiter an Menschen, die danach fragen. * * * * * * * * * * * * * * *

nekosan

Ich schliesse mich an

Rolf Löber a écrit :

Eine wunderschöne Würdigung dieses sehr speziellen Menschen und Denkers.

Danke Almut für diesen Beitrag.

Gruess, Rolf

Da kann ich mich den Worten von Rolf nur anschliessen. Loriot's Humor ist/war einfach einzigartig und ist unerreicht. Höchstens Heinz Erhardt kann ihm das Wasser reichen. Die Wortspiele von beiden Künstlern - einfach genial und nicht zu vergleichen mit den heutigen so genannten Comedians.

Doch Loriot hat uns soviel Schönes hinterlassen, dass wir immer etwas zu lachen haben. :-)

Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst. Seneca, röm. Philosoph

Meine Homepage  Mein Fotoalbum

Almut Papkalla

Danke Euch

Rolf und Nikosan für Eure Worte.

Für mich war Loriot stets der Grösste «seiner Branche»! Aber leider ist (fast) alles vergänglich ...

iloma

Aber sicher, Almut

ein Universaltalent!

 

 

(...nicht alles, was man hier noch anklicken kann, ist von Loriot, leider, aber das könnt ihr ja unterscheiden. Sucht auf Youtube, es gibt noch einiges Vergnügliches :-)

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

iloma

Damit man ihn auch so in Erinnerung hat...

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

kaninchen

Gestern abend , auf 3sat,

gab es eine Gedenksendung . Ich habe Loriot nie so richtig gemocht, konnte mich selten mit ihm identifizieren. Jedoch das Interview, mit Ausschnitten aus seinem Privat-Archiv,  das im hohen Alter mit ihm geführt wurde, hat mir den Menschen dahinter gezeigt. Der letzte Satz des Interviews, mit Wehmut in der Stimme und den Augen gesprochen, und mit einem kleinen Lächeln,  betraf die  Zeit, als man, wie er erzählte,  irgendeine Arbeit machen mußte, weil man sonst   keine Lebensmittelmarken bekam :  "Ich habe manches Mal in meinem Leben bereut, daß ich nicht Holzfäller geblieben bin". Dies hat sich mir eingeprägt und so werde ich  Vicco von Bülow  in Erinnerung behalten.

nekosan

gedenksendung

kaninchen a écrit :
....gab es eine Gedenksendung . ...  "Ich habe manches Mal in meinem Leben bereut, daß ich nicht Holzfäller geblieben bin". Dies hat sich mir eingeprägt und so werde ich  Vicco von Bülow  in Erinnerung behalten.

Das war wirklich prägend. Ich fand die Sendung einfach einmalig. Der Zuschauer erlebte Loriot als Künstler. Doch auch einen kleinen Einblick ins Privatleben wurde nicht vorenthalten. Ausserdem fand das Interview vor nicht langer Zeit (2009?) statt.

Text zur Gedenksendung vom 27.08.11

Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst. Seneca, röm. Philosoph

Meine Homepage  Mein Fotoalbum

Ines Siciliano Fack

Interessante Informationen...

...auf Welt-Online! ;-) Eine aufschlussreiche Zusammenfassung, die uns schmunzeln und Loriot unvergessen lässt. ;-)

etna

Wenn ich etwas suche......

geht mir heute noch manchmal der Spruch von einer von Loriot's Figuren durch den Kopf: "Wo laufen sie denn, wo laufen sie dennn...." (Sketch auf der Pferde-Rennbahn)

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

iloma

wo laufen sie denn, wo laufen sie denn...

 

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *

 

etna

***

Danke iloma - das habe ich lange nicht mehr gesehen und gehört!

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

kaninchen

"Advent"

iloma

Ein Weihnachtsgeschenk für die lieben Kleinen

kaufen, kann zu Komplikationen bei WebersCarlFranz führen, wenn Opa nicht richtig aufgeklärt wurde...

Gruss, iloma

* * *  Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse  * * * *