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Heute die "grossen" Schuhe. Höher, härter, nicht ganz so bequem. Steigeisenfest halt. Nein, nicht weil ich Steigeisen brauche, aber sie haben noch ein anständiges Profil. Ehrlich gesagt, wenn es für Bergschuhe Kontrollen gäbe wie für Autopneus, dann müsste ich mit meinen normalen Bergschuhen wohl Busse bezahlen. Heute aber könnte es auf das Profil ankommen.
Und dann sorge ich vor gegen die Kälte. Meine Sommer-Softshelljacke muss der viel wärmeren Polartec-Jacke weichen. Obwohl, das war ja nicht das Problem am Piz d' Agnel. Aber die Hände! Für die nehme ich zusätzlich Überzugshandschuhe mit und sogar einen Handwärmer! Und mein Microfaserbuff wird durch den Merinobuff ersetzt. Temperaturmässig kann also kaum mehr etwas schief gehen. Nur die Füsse... Da kann ich nichts machen.
Dermassen gerüstet gehts in Richtung Lenzerheide. Das Lenzer Horn ist heute angesagt. Auf dem Bild ist vorne der Piz Linard, dahinter das Lenzer Horn.
In Lenzerheide versuche ich einen Parkplatz etwas weiter oben zu finden, ich könnte mir damit fast 100 Höhenmeter ersparen. Ist leider nichts, da gibt es keine öffentlichen Parkplätze. Dann halt unten, neben der Hauptstrasse. Dafür hole ich mir im Laden noch ein Gipfeli für sofort und ein Kernenbrötli für später.
Es schlägt gerade Neun, als ich vom Parkplatz weggehe. Ich schaue hoch zu meinem Ziel, bin mir aber nicht sicher, ob ich den Gipfel sehe. Eher nicht. Die Handschuhe habe ich schon angezogen, ich bin ja lernfähig...
Endlich bin ich aus den Häusern raus, komme in den Wald und steige hoch gegen den Wasserfall.
Ich komme in einen guten Rhythmus. Solange ich den halten kann, nehme ich auch jede Abkürzung. Später wird der Weg steiniger. Ich mag das, wenn ich so regelmässig steige. Da kann ich die Gedanken schweifen lassen. Da kommen mir jeweils die besten, ja oft hochphilosophische Gedanken. Zum Beispiel: Warum sind die Zehen an meinem rechten Fuss kälter als die am Linken? Oder: Habe ich den Kaffee, den ich mir noch gemacht hatte bevor ich aus dem Haus ging, ausgetrunken? Oder - ach lassen wir das. Geniessen wir doch die Aussicht.
Die zukünftigen Pisten im Skigebiet von Lenzerheide sind erst "z' Fadegschlage"
Ich komme zum Wasserfall. Das muss ein sehr beliebtes Wanderziel sein. Da gibt es einen riesigen Grill und an fast jedem Baum ist ein oranges Schild befestigt, auf dem steht, dass man seine Abfälle bitte wieder mitnehmen soll.
Der Wasserfall selber ist im Moment nicht so attraktiv. Logisch, bei der Kälte kommt nicht viel Wasser. Und spektakuläre Eisformationen haben sich auch nicht gebildet.
Ich halte mich nicht lange auf, gehe weiter auf die Alp Sanaspans.
Hier ist es vorläufig weniger steil, aber immer noch kalt. Zum Glück nur die Füsse, es ist erträglich, die Zehen sind noch beweglich. Und obwohl kalt, schön ist es halt trotzdem.
Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Berg, der sich immer mehr zeigt. Das sieht sehr kalt aus, der Grat vor dem Gipfel macht nicht unbedingt einen einladenden Eindruck. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich da überhaupt rauf komme. Aber umkehren kann ich immer.
Dann gehts rechts eine Rippe hoch. Violett ist das Gestein und der Sand. Irgendwie rutschig auf dem feinen Zeugs. Mir graut schon vor dem Abstieg. Aber vorerst meldet sich die Sonne. Sie ist hochwillkommen!
Ich bleibe stehen und schaue ihr bein Aufgehen zu.
Herrlich, es wird warm! Zuerst muss ich aber nochmals in den Schatten, bis ich endlich auf dem Grat bin und auf die andere Seite sehe.
Und wie ich endgültig an die Sonne komme, höre ich so etwas wie ein unterdrücktes Niesen. Ich drehe den Kopf - da steht ein Steinbock! Ein prächtiger Kerl. Wir schauen uns eine Weile an, bewegen uns beide nicht. Dann versuche ich ganz langsam die Kamera aus dem Täschli am Rucksackträger zu holen. Das ist schon zu viel Bewegung. Langsam trottet mein Gegnüber davon. Bis meine Digi einsatzbereit ist, hat er schon in einen leichten Trab gewechselt (traben Steinböcke auch?). Knapp erwische ich ihn noch.
Ich schaue ihm nach, besonders Pressant scheint er es nicht zu haben, stösst aber immer wieder dieses Geräusch aus, das einem unterdrückten Niesen ähnelt. Und jetzt sehe ich die andern. Es sind mindestens 12 Tiere, die meisten jünger. Alle ziehen sie langsam davon, immer wieder kontrollierend, wo ich bin.
Ich gehe weiter dem sonnigen Grat entlang, bekomme warm und wärmer und mache ein kleine Pause um die Jacke auszuziehen.
Bei der Gelegenheit esse ich eine Kleinigkeit und schaue den Böcken zu, die ruhig weiter ziehen und zwischendurch fressen.
Dann wirds etwas felsiger, aber der Weg ist gut markiert.
Der Gipfel kommt näher.
Ich komme gut vorwärts auf dem Geröll. Es hat hin und wieder etwas Schnee, manchmal ein bisschen gefroren, was gut geht, oder sonst kann ich ausweichen. Dann aber eine Stelle mit Wassereis. Es sind nur 3, 4 Schritte, aber heikel. Zum Glück hats kleine Steinchen, die herausragen und ein Grasbüschelchen. Darauf finden meine Schuhe Halt.
Und kaum ist dieses Hindernis überwunden, hängt da eine Kette. Ein Blick hinauf sagt mir, dass es wohl an der Zeit ist, die Stöcke zu versorgen. Da oben werde ich hin und wieder die Hände brauchen.
Dann dauert es nicht mehr lange und ich bin oben! Das geschmiedete Gipfelkreuz sieht etwas windschief aus und die Box für das Gipfelbuch passt nicht so recht dazu.
Die Aussicht ist aber toll! Hier ins Albulatal
Auf die Lenzerheide
Direkt unter mir Lenz
Und überhaupt
Und hier, dem Grat entlang, geht's dann wieder runter
Ich mache mich wieder auf den Weg. Sehr vorsichtig, ist es doch ziemlich rutschig auf dem mit Steinchen durchsetzten Sand. Aufwärts geht das viel besser. Und ich weiss, es ist meine Spezialität im Abstieg an solchen Stellen auf meinem Hintern zu landen. Will ich jetzt nicht, es ist mir zu steil. Bei der Kette bin ich froh, dass sie da ist. Hinauf hätte ich sie nicht unbedingt gebraucht, aber abwärtsklettern geht nicht so gut.
Und gleich danach wieder diese eisige Stelle. Schmal, kurz, aber oberlästig. Ich überlege. Rechts könnte ich zwei Schritte in den Schnee machen. Aber dann? Dann müsste ich direkt aufs Eis. Das ist so eine Rutschbahn, in einem Känel, links und rechts kann ich nicht wegrutschen, aber steil ist es. Also mache ich kurzen Prozess, ich hocke mich hin, dann reiche ich mit den Füssen weiter und kann mich mit den Händen links und rechts abstützen. So komme ich dann gut runter. Nicht gerade elegant, aber hier kann mir die Eleganz gestohlen bleiben. Es es sowieso niemand da.
Dafür sind die Tiefblicke gewaltig.
Dann wird es wieder einfacher, auch weniger steil und ich muss mich nicht mehr so konzentrieren.
Und irgendwann passiert es halt doch. Ich stehe auf einen falschen Stein, der unter mir wegrutscht. Ich lande auf dem Arsch und rutsche ein Stück mit, mit all dem Geröll das sich in Bewegung setzt. Während es noch lange poltert komme ich selber schnell zum Stillstand. Mist, das hat jetzt weh getan. Tastend vergewissere ich mich, dass mindestens die Hose ganz geblieben ist. Darunter wird es wohl blau werden. Na ja, ich weiss ja, dass das meine Spezialität ist. Deshalb passe ich dort, wo es gefährlich werden könnte, besonders gut auf. Staub abklopfen und weiter.
Wo ich dann wieder auf den Grasgrat komme, mache ich nochmals eine Pause und schaue nach den Steinböcken. Die sind immer noch da. Diesmal nehme ich meinen Gucker hervor und beobachte sie eine Weile. Die Grossen sind nicht zu sehen, nur das Jungvolk, das offenbar immer wieder an der Rangordnung feilt. Da stehen sich zwei gegenüber, mit gesenkten Köpfen, bis einer abdreht. Der Gewinner dreht sich schnell um, um einen, der von hinten kommt zu vertreiben. Der Vertriebene wiederum macht schnell einen Ausfallschritt zu einem andern, der einen Satz zur Seite macht. Dazwischen wird immer wieder ein Gräslein gezupft und herumspaziert... Das Alles geht lautlos vonstatten, oder ich höre nichts, weil es zu weit weg ist. Für mich sieht es nach Spiel aus, dem ein bisschen Ernst innewohnt.
Es bleibt nicht ewig hell, ich muss weiter. Auf der Karte habe ich gesehen, dass vom Grat ein Weg direkt in die Nordflanke führt und sich dann im Geröll verliert. Im Aufstieg war das kein Thema, weil ich nicht wusste, wie der Weg aussieht. Jetzt begutachte ich ihn.
Schnee. Der könnte zwar hart sein, aber Eis wird es auf der Nordseite nicht haben. Ich habe die guten Schuhe an. Ich müsste in den Schatten, wo es doch noch so schöne Sonne hat. Aber die könnte ich auch nur noch ca. 10 Minunten geniessen, dann müsste ich auch auf die Nordseite um über die steile, rutschige Rippe abzusteigen.
Ich will es probieren, mal bis zu dem Eck gehen, schauen. Eine Spur hat es schon und es geht gut! Ich beschliesse, diesen Abstieg zu nehmen. Manchmal ist der Schnee wirklich hart, aber mit den Schuhen kann ich jeweils einen Tritt hineinhauen. Und vor allem abwärts ist es viel angenehmer.
Wie ich wieder mal anhalte zum fotografieren, höre ich hinter mir ein Flattern. Ich drehe mich vorsichtig um, es ist steil und mein Stand nicht der Allerbeste. Zwei Schneehühner sind in den Steinen gelandet. Eilig trippeln sie in den Schnee, wo ich sie fast nicht mehr sehe. Dort bleiben sie ruhig stehen. Ob die wissen, dass sie kaum mehr auszumachen sind? Muss wohl sein. Oder eher Instinkt als Wissen. (Ich musste übrigens sämtliche Tricks anwenden, damit man die auf dem kleinen Bild überhaupt ausmachen kann.)
Dann geht es rassig weiter. In den Schneerinnen kann ich immer wieder ein Stück rutschen. Schnell bin ich unten, am Fuss der violetten Rippe. Glücklich, dass ich die auslassen und meine Knie schonen konnte.
Der Rest ist dann kein Problem mehr. Ich gehe im Schatten weiter, in der angenehmen Gewissheit, dass ich nochmals an die Sonne kommen werde, die den Gegenhang in ein wunderbares Licht taucht.
Unter der Alp komme ich tatsächlich noch in den Genuss der letzten Sonnenstrahlen. Ich komme nochmals ins Schwitzen!
Dann verabschiedet sich die Sonne zwischen dem Muttnerhorn und dem Piz Beverin.
Jetzt habe ich es eilig und nehme alle Abkürzungen die ich erwische und bin schnell unten, kurz bevor es endgültig dunkel wird.
Ich komme zum Auto und es schlägt fünf Uhr! Ich bin hochzufrieden. Das war recht viel Höhendifferenz und als Probe für den Sonntag gedacht. Probe bestanden! Morgen kann ich mich noch erholen.
Und ja, wie ich ins Auto hocke, meldet sich meine Hinterseite, rechts. Hat nicht so Freude. Aber da muss sie jetzt durch...
Answers
Lenzer Horn
Hallo Sidea
Eine wuderbare Foto und Textreportage, welche ich heute Morgen nach dem Morgenessen betrachten und lesen durfte. Speziell dein Foto vom Sonnenutergang zwischen Muttnerhorn und Piz Beverin habe ich einige male betrachtet.
Du musst wissen, der Piz Beverin war mein "Hausberg" und ist es immer noch, doch nur noch gedanklich. Von diesem Berg und dem Bergbach "Nollen" habe ich meinen Namen "Berggeist" hervorgezaubert.
Herzlichen Dank und auf Wiederlesen.
Berggeist
Profil - Lenzerheide-Lenzerhorn
Berggeist:
Vor langer Zeit hast du mal was geschrieben von Tatsch im Scarnutz darum habe ich geglaubt dass du Engadiner bist, aber nach neuester Schilderung müsstest du ein Thusner sein.
Sidea:
Habe mal vom kürzesten Weg von Lenzerheide am Wasserfall vorbei aufs Lenzerhorn ein Profil erstellt.
Thusner
An Tim
Du hast nicht schlecht geraten, aber ich bin ein "Domleschger". Ich trage drei Gefühle in meiner Brust. Ich bin ein Domleschger, ein Bünder und ein Schweizer.
An Sidea
Du hast mich mit deinen "Bergtouren, Fotos und Berichten" in eine fast vergessene Zeit zurückgebracht. Ich bedanke mich sehr herzlich. Nun fühle ich mich wieder. als echter "Domleschger, Bündner und Schweizer.
En Gruess an Euch beide und an alle Leserinnen und Leser des Forums "Reisen" auf Senweb.
Berggeist
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Berggeist, das freut mich, wenn ich Dir "Heimatgefühle" vermitteln kann. Du wirst mich vielleicht huete noch, sonst spätestens morgen, "wiederlesen" :-)
Tim, ist ja toll das Profil! Ich bin echt fasziniert, vor allem auch über die Höhenangaben. Da habe ich im Aufstieg ja mehr Höhenmeter gemacht als gedacht...
Danke Euch beiden, ich freue mich immer über Kommentare :-)))
Gruss Sidea
Zu akzeptieren, dass etwas anders läuft als ich es mir gedacht habe, bringt innere Freiheit. Daniel Schönbächler
Liebe mutige Berggängerin Sidea
...das sind tolle wagemutige Berichte Deiner Besteigungen. Immer wieder gut zu lesen und mitzufiebern. Ich hoffe Du kannst noch viele solcher schönen Berichte uns Lesern vermitteln.