Gesellschaft

Die gegoogelten Kartoffelküchlein

Die gegoogelten Kartoffelküchlein

„Liebling, was hältst du davon, wenn ich heute Abend gefüllte Kartoffelküchlein mache, die von deiner Tante, du weisst schon?“
Autor: 
Renate Gerlach

 

Liebling findet das eine gute Idee und sagt, dass er sich darüber sehr freuen würde.

Am Nachmittag kurz vor vier Uhr, beginnt die Gattin mit den Vorbereitungen für die versprochenen Kartoffelküchlein. Aber sie weiss nicht mehr, ob die Kartoffeln vor dem Aushöhlen gekocht werden müssen oder nicht, und ruft Freundin Silvia an, die ein Kochgenie ist und zudem unzählige Kochbücher hat. Silvia ist in Eile, sie muss gleich weg. Nein, die Kochbücher hätte sie alle entsorgt, sagt sie, heute fände man nun wirklich alles bei Google, man müsse nur den richtigen Suchbegriff eingeben.

Die Gattin gibt “Kartoffeln“ ein und erfährt, dass es darüber über drei Millionen Einträge gibt, ein bisschen viel, wie sie findet. Da fällt ihr ein, dass Lieblings Tante aus Thüringen stammt und sie gibt als Suchbegriff “Thüringer Spezialitäten“ ein und  kann nur noch staunen über die Fülle von Angeboten. Das macht richtig Spass. Ja, ihr Mann hat Recht, wenn er sagt, sie solle sich mehr mit dem Computer vertraut machen. Irgendwie kommt sie dann zu den Spezialitätenrestaurants und ihre Augen krallen sich fest, als sie auf eine Pension “Finstersee“ stösst.

Haben nicht Onkel und Tante von dieser herrlichen kleinen Pension geschwärmt, zwischen Bäumen an einem See gelegen? Vom Baden im Mondschein, den feinen Grillbratwürsten und dem herrlichen Bier danach? Nun geht alles fast von alleine. Sie gibt die gewünschte Reisezeit ein, es ist die letzte Augustwoche, in der Liebling noch Ferien machen kann, und sie hat Glück, es ist auch noch ein Doppelzimmer frei. Das Problem macht ihr nur noch die Kreditkartennummer ihres Mannes. Sie kann ihn ja nicht anrufen, es soll doch eine Überraschung sein. Doch sie findet die Nummer in den Bankunterlagen und dann strahlt sie überglücklich in den Monitor, als sie die Auftragsbestätigung sieht.

Kurz nach sechs Uhr kommt Liebling von der Arbeit nach Hause. Die Küche ist kalt, das Wohnzimmer liegt im Dunkeln, im Arbeitszimmer findet er schliesslich seine Gattin mit roten Ohren und irrem Blick.

„Wo sind denn unsere Kartoffelküchlein?

„Oh, mein Gott, das ist mir jetzt aber peinlich, ich habe sie vergessen. Aber wenn ich dir sage, was ich gerade gemacht habe, bist du hin und weg.“

Liebling ist nicht hin und weg, Liebling ist sauer.