Kultur

Späte Freundschaft in Briefen [Briefwechsel Carl Zuckmayer – Karl Barth] (*)

Es wird die Zeit kommen, da die, die nach uns kommen und von der Telekommunikation weitgehend geprägt worden sind, in einer Enzyklopädie, in einem digitalen Wörterbuch nachschlagen müssen, wollten sie wissen, was eigentlich ein Brief ist.
Autor: 
Dieter Schupp

 

Sie werden da etwa diese Definition finden: „… ist eine schriftliche, meist ausführlichere und verschlossen übersandte Mitteilung an einen abwesenden Adressaten; ersetzt häufig ein Gespräch, kann dieses aber auch vorbereiten oder sich darauf beziehen.“ Und weiter: „Der Brief hat sich auch zum Selbstzeugnis bedeutender Autoren und zur literarischen Kunstform entwickelt“ {Brockhaus}.

Carl Zuckmayer und Karl Barth beherrschten diese Kunst des Briefeschreibens. Die beiden fanden erst im Alter zueinander, nämlich im Jahre 1967. Da war der Dichter 71, der Theologe 81 Jahre alt. Die Freundschaft  zwischen Zuckmayers und dem renommierten protestantischen Theologen Barth nahm ihren Anfang mit einem Brief, der in Basel abgeschickt wurde und in Saas-Fee seinen Adressanten fand.

Zuckmayer, in der Nähe der Stadt Mainz geboren, bekam schon 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner Kritik am Nationalsozialismus ein Aufführungsverbot für seine Dramen. Vor seiner Verhaftung floh er in die Schweiz, von wo er sodann über Kuba in die USA emigrierte. Nach dem Krieg erwarb er in Saas-Fee ein Haus, wurde 1966 Schweizer Staatsbürger und veröffentlichte im gleichen Jahr seine Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir.“

Der Briefwechsel zwischen den beiden entstand, da Karl Barth sich bei Zuckmayer für dessen literarische Verarbeitung der NS-Zeit  (<Des Teufels General>) bedankte. Auch Barth, der als Professor für Evangelische Theologie im Jahre 1934 den so genannten Treueeid auf Hitler verweigerte, wurde als Hochschullehrer von den Nazis entlassen und mit Schreibverbot bestraft.

Mit seinem weltweit hohen Ansehen setzte sich der Theologe nun von Basel aus von der Ideologie des Nazi-Staates ab. Nach dem Krieg engagierte er sich mit seinen Schriften und Arbeiten gegen eine Remilitarisierung Deutschlands und gegen eine atomare Aufrüstung.

Die beiden waren den schönen und begehrenswerten Dingen des Lebens nie angeneigt. Einmal schrieb Barth an Zuckmayer: „Liebliche Frauengestalten, auch einen guten Tropfen und eine dauernd in Brand befindliche Pfeife weiss ich immerhin noch bis auf diesen Tag zu schätzen.“ Und Zuckmayer wird sich gesagt haben: „Donnerwetter! Als wär’s ein Stück von mir…“.

In den Briefen ist eine verständnisvolle gegenseitige Bestätigung und Zusprache zu finden, zum Beispiel wenn sie sich Gedanken mitteilen über die Verarbeitung des Vergangenen, den christlichen Glauben, die Gebrechen des Alters. Über die unbegreiflichen Anstrengungen des Lebens, das begrenzte Hoffnungspotential und über die Aussicht auf Vergebung und einen offenen Himmel.

Der Tod Karl Barths im Dezember 1968 beendete die Korrespondenz.

Die folgenden „Lebensregeln für ältere Menschen in ihrem Verhältnis zu den jüngeren …“ haben wir ihm zu verdanken.

1. Du sollst dir klar machen, dass die jüngeren, die verwandten oder sonst lieben Menschen beiderlei Geschlechts ihre Wege nach ihren eigenen (nicht deinen) Grundsätzen, Ideen und Gelüsten zu gehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und nach ihrer eigenen (nicht deiner) Fasson selig zu sein und zu werden das Recht haben.

2. Du sollst ihnen also weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit, noch mit deiner Zuneigung, noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten.

3. Du sollst sie in keiner Weise an deine Person binden und dir verpflichten wollen.

4. Du sollst dich weder wundern noch gar ärgern und betrüben, wenn du merken musst, dass sie öfters keine oder nur wenig Zeit für dich haben; dass du sie, so gut du es mit ihnen meinen magst und so sicher du deiner Sache ihnen gegenüber zu sein denkst, gelegentlich störst und langweilst und dass sie dann unbekümmert an dir und deinen Ratschlägen vorbeibrausen.

5. Du sollst bei diesem ihrem Tun reumütig denken, dass du es in deinen jüngeren Jahren den damals älteren Herrschaften gegenüber wahrscheinlich ganz ähnlich gehalten hast.

6. Du sollst also für jeden Beweis von echter Aufmerksamkeit und ernstlichem Vertrauen, der dir von ihrer Seite widerfahren mag, dankbar sein. Du sollst aber solche Beweise von ihnen weder erwarten noch gar verlangen.

7. Du sollst sie unter keinen Umständen fallen lassen, sollst sie vielmehr, indem du sie frei gibst, in heiterer Gelassenheit begleiten, im Vertrauen auf Gott auch ihnen das Beste zutrauen, sie unter allen Umständen lieb behalten und für sie beten.

 

(*) Abdruck-Genehmigung wurde eingeholt - erschienen in: TVZ – 12. Auflage 2002 www.tvz-verlag.ch

Kommentare

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Gedanken eines Vaters, nicht einer Mutter

 

Die Lebensregeoln von Karl Barth sind wunderschön zu lesen. Aber es sind Gedanken eines Vaters, nicht einer Mutter. Eine Mutter bleibt, wie alt ihre Kinder auch sind, eine "Glucke" die sich sorgt, wenn die Stimme ihres Sohnes am Telefon belegt ist - hat er wohl Lämpen mit seiner Frau?, wenn ihre Tochter verkündet, dass sie trotz Kindern wieder arbeiten will (meine väterlichen Gedanken würden sich darauf konzentrieren: Um Gottes Willen, hoffentlich müssen wir jetzt die Kinder nicht allzu oft hüten - meine Frau würde sich nur Gedaken machen, wie ihre Tochter die Mehrarbeit nun auch noch leisten kann.

 

Frauen ticken ihren Kindern gegenüber anders.

 

Dafür sind wir Männer auch schneller wütend, wenn Sohn oder Tochter etwas tun, was uns nicht gefällt. Dabei sollte wirklich jede, jeder seine ihre Fehler selber machen dürfen. Kinder, die von ihren Eltern zu eng am Band gehalten werden, sind natürlich unfähig, aus ihren Fehlern zu lernen.

Wie weise sich doch über die Generationen reden lässt, wenn man selber den "elder statesman" gibt. Als ich noch gegen meine Eltern täubelte, war es lange nicht so weise. Aber trotzdem wahr und ehrlich.

 

Bernhard Schindler

Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt