E-Mails und SMS gibt es noch nicht. Ich rufe an, werde abgewimmelt, ich schreibe Briefe; keine Antwort, wieder rufe ich an. Es dauert Monate, bis ich zu ihm darf.
Bevor wir hinfahren, trinken wir im nahen Bistrot einen Kaffee. Der Wirt erklärt uns den Weg zu ihm. Dann warnt er mich. „Diese Künstler sind unberechenbar, exzentrisch, launisch – so wie Genies eben sind.“
Es ist ein warmer Tag in den Siebzigerjahren. Ich, ein junger Fernseh-Journalist,fahre mit einem Kameramann zu seiner Villa: ein abgeschrägtes, einfaches Haus in einem grossen Garten nahe des Genfersees. Wir sind beide nervös, als wir vor der „Villa Delphin“ eintreffen.
Der alte Mann, der uns begrüsst, trägt einen Anzug und eine Krawatte. Sein weisses Haar ist sauber gekämmt. So sehen keine Künstler aus. Künstler tragen schwarze Hemden oder löchrige Pullover, ihr Haar ist zerzaust. Doch Oskar Kokoschka wirkt wie ein distinguierter Gentleman.
Als würde er vor einem Mikrofon der BBC sitzen
Das Interview dreht sich kaum um Kunst. Es geht um seinen Aufenthalt in der Westschweiz, seiner zweiten Heimat. Er schwärmt vom Genfersee, von den nahen Savoyer Alpen. Nichts von launisch, nichts von exzentrisch. Ein besonnener Herr – als würde er vor einem Mikrofon der BBC sitzen.
1980 stirbt Kokoschka mit 94 Jahren. Ein steinernes, breites Kreuz auf dem Friedhof von Clarens bei Montreux erinnert an den grossen Österreicher. Im gleichen Grab liegt jetzt auch seine Frau. Sie ist 2004 mit 89 Jahren gestorben. Hundert Jahre sind es jetzt her, dass Kokoschka zum ersten Mal die Westschweiz besucht hat. Es war seine erste Auslandreise. Das muss gefeiert werden, denn Kokoschka, der Expressionist, ist einer der genialsten und vielfältigsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Und es wird gefeiert.
Den Auftakt zum „Schweizer Kokoschka-Jahr“ bildet eine jetzt eröffnete Ausstellung in der Zürcher Zentralbibliothek. Die Kuratoren versprechen einen neuen Blick auf den Maler, den Schriftsteller, den dadaistischen Theater-Autor und dessen wildes Lebens.
Kokoschka und die Männer-Verschlingerin
Kokoschkas Liebesleben wird immer wieder von explodierenden Leidenschaften und schweren Eifersuchtsdramen zerrissen. Der Vorteil verliebter Maler ist, dass sie ihre Angebeteten malen; so bleiben sie der Nachwelt erhalten. Da sieht man die schöne Alma Mahler, wie sie 1913 im Seidenkleid auf einem Balkon in Neapel steht. Kokoschka ist verrückt nach seiner „Almi“, doch sie lässt ihn zappeln. Alma Mahler, diese femme fatale, war mit Gustav Mahler, Walter Gropius und später mit Franz Werfel verheiratet. Sie, eine Männer-Verschlingerin erster Güte, beschert Kokoschka schreckliche Stunden seelischer Aufwallungen. 1912 wird sie offenbar von ihm schwanger, lässt das Kind aber abtreiben – gegen seinen Willen. Die Ausstellung zeigt auch eine erste Skizze der Alma Mahler-Puppe. Da er seine Geliebte verliert, lässt er sich eine lebensgrosse Puppe von ihr anfertigen. Doch bald zerstörte er sie. Kokoschka schreibt Alma 400 feurige Liebesbriefe. Doch sie lässt sich zur Heirat nicht bewegen.
1921 lernt er in Dresden die sehr junge russische Gesangsstudentin Anna Kallin kennen. Auch sie wird in der Zentralbibliothek vorgestellt. Er nennt sie „die Meistgeliebte“ seiner vielen damaligen Freundinnen. Ein reger, langer und intensiver Briefverkehr entwickelt sich. 1923 fährt Kokoschka überglücklich mit Anna in die Schweiz. Doch sein Vater stirbt, er muss zurück. 1928 porträtiert Kokoschka Anna Kallin in Paris.
Heirat im Luftschutzbunker
Die Ausstellung zeigt auch die Finnin Damaris Brunow, die er wild begehrt und die für ihn unerreichbar ist. Mit ihr, die er manchmal als „Schwedin“ bezeichnet, will er 1928 nach Tunesien fahren, doch sie kommt nicht mit. Von ihr sagt Kokoschka: „Ihr Atem hat wie frisch gefallener Schnee geduftet.“ Auf dem Porträt sieht man sie mit geschlossenen Augen. Offenbar ist sie während Kokoschkas Arbeit eingeschlafen.
In Prag lernt er 1935 seine spätere Frau Olda Palkovska kennen. Beide flüchten vor Nazi-Deutschland nach London. Dort heiraten sie 1941 in einem Luftschutzbunker. Die Ausstellung zeigt die Heiratsurkunde. Kokoschka nimmt die britische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Krieg finden seine ersten grossen Ausstellungen in Zürich und Basel statt.
Oskar und Olda Kokoschka, 1975
1953 übersiedeln die Kokoschkas nach Villeneuve am Genfersee - in die Nähe von Schloss Chillon, „wo Byron lebte“ (wie Kokoschka scheibt). Das Paar lässt sich ein Haus bauen; im Garten stehen Bäume und eine Zisterne. Immer wieder unternimmt Kokoschka Reisen nach Nordafrika, Süditalien und ins östliche Mittelmeer. Ein wunderbares Foto zeigt ihn 1965 auf einer Marokko-Reise. Er steht in der Wüste vor einem Auto einer heute ausgestorbenen Marke: einem Simca. In Marrakesch entwirft er herrliche Zeichnungen.
Im Streit Teller zerschlagen
Die Ausstellung wartet mit vielen, vielen Delikatessen auf. Während des Ersten Weltkrieges dient Kokoschka in einem Reiterregiment der österreichischen Monarchie, deshalb bezeichnet er sich ironisch als Rittmeister und malt immer wieder Pferde.
Der afrikanische Staat Dahomey (heute Benin) widmet 1966 Adenauer eine Briefmarke – als Dank für die europäische Hilfe. Kokoschka ist es, der Adenauer porträtiert. Die Ausstellung zeigt die Marke mit dem Ersttag-Stempel. Eine Zeichnung mit dem Titel „Furioses Capriccio“ porträtiert das Ehepaar, wie es 1964 im Streit Teller zerschlägt. Für die Olympischen Spiele 1972 in München malte Kokoschka ein wunderbares Plakat; es stellt Kouros von Thera dar, eine Figur aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, die 1836 auf der griechischen Insel Santorini entdeckt wurde.
„Immer für eine Überraschung gut“
Und immer wieder Widmungen an seine Frau Olda, die er heiss verehrt. Ohne sie wäre er wohl bald gescheitert. Sie setzt sich nicht in Szene und organisiert sein Leben. Sie hat ihn schon vor den Nazis gerettet, indem sie das letzte Flugbillet von Prag nach London kaufte. Sie sammelt und archiviert seine Werke. Dank ihr gibt es die Kokoschka-Stiftung und das Museum in Vevey. Sie ist es auch, die einen grossen Teil des Nachlasses der Zürcher Zentralbibliothek vermacht.
Der Ausstellungsprospekt verspricht nicht zu viel: Dem Besucher werden „neue und überraschende Einblicke in das Leben und Werk des grossen Künstlers gewährt“. Die Ausstellung findet in Zusammenarbeit mit der „Fondation à la mémoire de Oskar Kokoschka, Musée Jenisch Vevey“ und der Zürcher Zentralbibliothek statt.
Übrigens: Nach unserem Interview mit Kokoschka fahren wir ins nahe Bistrot zurück. Der Wirt offeriert uns ein Glas. Wir sagen ihm, Kokoschka sei keineswegs launisch und exzentrisch, sondern ein freundlicher, herzlicher Mensch. Der Wirt lächelt nur: „Ach, diese Genies, immer für eine Überraschung gut“ (toujours bons pour une surprise).
„Spuren im Treibsand“ – Oskar Kokoschka neu gesehen. Briefe und Bilder. Zürich Zentralbibliothek, Predigerchor (Eingang Predigerplatz 33). Montag bis Freitag 13 – 17 Uhr, Samstag 13 – 16 Uhr. Die Ausstellung dauert bis zum 2. Oktober 2010. (Das Bild stammt aus dem Ausstellungsprojekt.) Siehe auch:
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Lieber Heiner Hug,
ganz herzlichen Dank für den äusserst informativen Bericht über die Kokoschka-Ausstellung in der Zürcher Zentralbibliothek! Ich werde sie mir daraufhin unbedingt ansehen.
Eine vielleicht nicht ganz unwichtige Ergänzung: Das Kunstmuseum Basel besitzt das monumentale, weltberühmte Gemälde "Die Windsbraut", das Kokoschka mit Alma Mahler zeigt. Das Bild ist derzeit im Parterre im hinteren Bereich gegen den Vortragssaal hin ausgestellt (meiner Meinung nach leider ein ganz und gar ungeeigneter Platz - früher hing es im grossen Treppenaufgang und entfaltete dort seine ihm gebührende Wirkung!).
Zu Alma Mahler ist noch anzufügen, dass sie in ihren Memoiren gegen Ende ihres Lebens hie und da durchblicken liess, dass Kokoschka wohl die leidenschaftlichste Liebe ihres Lebens gewesen war.
Herzlichen Gruss
Laura Weidacher
<Spur im Treibsand> Oskar Kokoschka im Predigerchor in Zürich
Die Ausstellung ist sehr sehenswert, sehr anregend. Ich war gestern dort. Sie endet bald, nämlich am 2. Oktober. Führungen - die Teilnahme daran ist sehr zu empfehlen - finden jeweils freitags 13.00 Uhr statt. Fragen der interessierten Zuhörer werden sehr freundlich und kompetent beantwortet. Zwei Themen werden in den restlichen beiden Führungen behandelt: Die Reisen nach dem zweiten Weltkrieg und die Widmungszeichnungen für Olda. Hilarius