Gesellschaft

Brennpunkt der Kritik: SRG SSR idée suisse

Brennpunkt der Kritik: SRG SSR idée suisse

Gesucht als Generaldirektor: ein Schweizversteher mit Kompetenz

 

Sie wiederholen sich periodisch, und das seit Jahrzehnten: die Attacken auf das Schweizer Medienbollwerk, auf  die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR idée suisse, wie sie sich nennt. Früher war es die vermeintlich politische Schräglage, die vor allem bürgerliche Politiker erzürnte. Jetzt sind es die Defizite, die zum Aufstand animieren. Jetzt wird der nationalen Sendeanstalt vorgerechnet, dass sie jede Woche seit 2008 bis 2011 eine Millionen mehr ausgibt als sie einzunehmen vermag, insgesamt 208 Millionen Franken in 208 Wochen. Und just jetzt gibt es die Chance, eine Generaldirektorin oder einen Generaldirektor zu wählen, die oder der es wieder richtet.


Der Ton ist unverhohlen radikal: Nun soll massiv gespart, Programme sollen gestrichen, gar ganze Sender auf den Markt geworfen werden. Die grosse Schwester SRG ist ihren Brüdern aus den Printmedien, den Verlegern, schon lange ein Dorn im Auge. Sie fühlen sich bedrängt von der Vorwärtsstrategie der SRG. Sie fühlen sich vor allem im Internetbereich herausgefordert. Sie reklamieren seit Jahren, dass die SRG auch das neue Medium Internet besetzt, den Printmedien im Netz scharfe Konkurrenz entgegensetzt und das alles mit Konzessionsgeldern, mit den Zwangsabgaben der Konsumenten. Die Verleger darben, das Inseratenaufkommen ist gegen 50 Prozent geschrumpft, die Einbrüche können mit den Abonnements-Einnahmen der Leserschaft nie ausgeglichen werden. Und nun die immer schärfer werdende Konkurrenz im Internet, für das die Verleger bis jetzt kein taugliches Geschäftsmodell entwickelt haben, mit dem solid Geld verdient werden kann. Ein Teufelskreis.
 

Die Kommunikationsräume sind in der Schweiz zu klein, als dass die Einnahmen daraus die künftigen Ausgaben bei allen Medien zu decken in der Lage wären. Auch wenn die SRG mit den Einnahmen aus der deutschen Schweiz die deutsche Schweiz mit den Radio- und Fernsehsendern rentabel oder zumindest kostendeckend bedienen könnte, wird sie das in der Romandie, in der italienischen Schweiz, von Romanischbünden gar nicht zu reden, nie tun können. Der Finanzausgleich zwischen den Sprachregionen ist unabdingbar, aus Staatsräson unbedingt notwendig und so auch überzeugend zu rechtfertigen.
 

Viele der Fragen, die auch jetzt wieder einer Antwort harren, haben die Verantwortlichen der SRG immer wieder selbst in den Raum gestellt.
 

Ich habe in meiner journalistischen Zeit bei der SRG vier Generaldirektoren recht hautnah erlebt. Mit Stelio Molo, dem eleganten Tessiner Freisinnigen, fochten wir einmal einen Kampf mit der italienischen Regierung aus. Rom fürchtete die Stimme aus dem Tessin, hatte Angst, dass die Berichte des Tessiner Fernsehens zum italienischen Scheidungsrecht zu viel Einfluss hatten; die Sender des Tessiner Fernsehens reichten schon damals bis weit über Mailand hinaus. Im Inland war es der legendäre „Hofer-Club", der das Schweizer Fernsehen von Moskau unterwandert sah. Stelio Molo blieb stoisch, hütete besonnen, etwas unnahbar, die Unabhängigkeit der SRG, sowohl nach aussen, wie nach innen. Der Druck war gross, und in der Folge setzte der Bundesrat den über 60-jährigen Leo Schürmann, den langjährigen CVP-Bundesratskandidaten und damaligen Generaldirektor der Nationalbank auf den Sessel an der Giacomettistrasse in Bern. Er hatte die politische Front zu beruhigen, hatte die SRG in ruhigere Gewässer zu führen. Denn immer wieder reichten die Gebühren nicht aus, die Ausgaben für die immer weiter ausgebauten Programme zu finanzieren. Der Bundesrat folgte, erhöhte die Gebühren und liess es auch zu, dass sich die SRG immer wieder neue Strukturen verpasste.
 

Auf Leo Schürmann folgte der joviale Tessiner Antonio Riva, ein Mann aus einem angesehenen Tessiner CVP-Haus. Riva hatte zumindest Programm-Erfahrung, konnte alle Landessprachen perfekt, stand für den Ausgleich der Regionen, den nationalen Zusammenhang. Gegenüber der Politik gab er sich zwar biegsam, doch angenehm distanziert. Mit Armin Walpen kam ein Mann ans Ruder, der das Innere des Bundeshauses aus dem FF kannte. Ein Walliser, der als Mann einer Randregion schon im Departement Ritschard (EVED), schon damals für Radio- und Fernsehen zuständig, insbesondere für die nationalen Zusammenhang einstand und die zaghaften Versuche, privates Radio und Fernsehen in der Schweiz zu lancieren, sehr skeptisch beurteilte, so quasi als Gegenpol zu Roger Schawinski, der im grenznahen Italien den ersten privaten Radiosender mit Einstrahlung nach Zürich etablierte.
 

Walpen blieb als SRG-Generaldirektor nach aussen erstaunlich blass, mischte sich kaum in Diskussionen um Inhalte und Programme. Umso stärker trieb er quasi aus dem Hintergrund eine Ausbauoffensive voran, die die SRG noch weit stärker verankern sollte. Alle Sprachregionen wurden gleich behandelt, alle Sprachregionen bekamen die gleiche Anzahl Radio- und Fernsehsender. Walpen übertrieb, erzürnte zunehmend die Schweizer Zeitungsverleger, fand sich in der Boulevardpresse als Spesenreiter mit schönen teuren Autos wieder. Er liess zu, dass insbesondere die Kommerzialisierung, die Boulevardisierung des Programms weit über den Programmauftrag hinaus betrieben wurde. Er liess zu, dass in den SRG-Regionen eine Internet-Offensive lanciert werden konnte, die die Verleger zu Gegenmassnahmen zwingt.
 

Jetzt hinterlässt er eine SRG, die finanziell angeschlagen ist, die neue Gebühren braucht um zu sichern, was er bis jetzt auf- und ausgebaut hat. Jetzt geht es ans Eingemachte, an das Programm. Und nicht zuletzt an die Strategie. Denn es ist unbestritten, dass das Internet die traditionellen Programme, auch die Fernsehprogramme, konkurrenzieren wird.
 

Jetzt braucht es einen Generaldirektor, der die neue Medienentwicklung versteht, der mit Augenmass das zu sichern in der Lage ist, was die Schweiz braucht: eine SRG, die den nationalen Zusammenhang garantiert. Der auch in der Lage ist, die SRG in die digitale Zukunft zu führen, ohne die Schweizer Zeitungsverleger derart zu bedrängen, dass sie nicht mehr mithalten können. Es braucht jetzt einen Generaldirektor, der die Schweiz versteht. Nach Stelio Molo fand man ihn in Leo Schürmann. Damals mischte sich der Bundesrat ein. Heute will es der SRG-Verwaltungsrat selber richten, im Geheimen. Mögliche Namen dürfen keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen. Früher gab es eine lebhafte Diskussion um Namen und vor allem um ihre Eignung. Die Kandidaten mussten durch das Stahlbad der Öffentlichkeit und gewannen dabei an Profil, selbst Leo Schürmann sah sich damals damit konfrontiert.
 

So bleibt nichts als werweissen: Ist es Hans-Peter Rohner, Generaldirektor der PubliGroupe AG, ein eher grauer, 60-jähriger Mann, ist es Filippo Leutenegger, ein eher aufgeregter, bekennender SRG-Gegner mit Fernseherfahrung?
 

Wie wäre es mit Peter Siegenthaler, ehemaliger Finanzdirektor der Bundesverwaltung, der mehr als nur etwas von den Finanzen versteht, sondern auch die Schweiz? Wie wäre es mit Markus Notter, Regierungsrat im Kanton Zürich, brillanter Jurist, wortgewaltiger Vertreter des Service Public? Wie wäre es mit Hansjürg Fehr, dem in roter Wolle gefärbten ehemaligen Journalisten mit tiefen Kenntnissen der Berner Bundeshaus-Mechanik? Wie wäre es mit Jean-Francois Roth, dem eleganten ehemaligen jurassischen CVP-Regierungsrat und jetzigen Präsidenten der SRG-Trägerschaft in der Westschweiz? Wie wäre es mit Rudolf Matter, einem unverbrauchten SRG-Kadermann, der internationale Erfahrung hat, der das Radio- und das Fernsehhandwerk versteht, ein Mann, der nicht so schnell zu vereinnahmen ist? Wie wäre es mit Jürg Bachmann, Präsident des privaten Radioverbandes; aufgewachsen in Italien, ist er vertraut mit den nationalen Sprachen und Mentalitäten. Er ist erfahren in allen Medien, hat er doch Printprodukte, einen Radio- und einen Fernsehsender lanciert und aufgebaut. Mehr noch: Als Präsident der erfolgreichen und respektablen „Stiftung für Arbeit“ hat er grosse Erfahrung im Management.
 

Und gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheint: Wie wäre es mit der jungen alt Bundesrätin Ruth Metzler, die durch das Stahlbad einer Abwahl gehen musste, die in Paris lernte, wie ein Grosskonzern funktioniert, wie die Romandie tickt. Sie zog sich zwar zurück, fürchtet sich vor der Öffentlichkeit, aber: Es darf doch durchaus auch eine Frau sein.
 

Selbst auf die Schnelle gelingt es, gleich ein halbes Dutzend Namen aufzuzählen, sofern man will. Der Verwaltungsrat der SRG hatte bis jetzt ein ganzes Jahr Zeit, die Richtige oder den Richtigen zu finden. Er gibt sich aber so bedeckt, dass wir nur Mittelmässiges zu erahnen wagen. Die SRG hat mehr verdient. Vor allem einen kundigeren Verwaltungsrat.

 

Kommentare

Hinter den Wolken

Herr Schaller - in der Tat ein Insider - gefällt sich hier im Kaffeesatzlesen. Dem unbefangenen Leser und auch Radiohörer sagen die Namen der meisten von ihm genannten Papabili wenig bis gar nichts.

Was ich erwarte von Radio (und Fernsehen, das ich nicht benütze) ist Qualität in dem, was geliefert wird. Bis jetzt war das meiste sicher brauchbar, manchmal sehr gut und nur wenig eher fragwürdig. Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass es dabei bleibt. Ich möchte nämlich möglichst wenig auf ausländische Sender ausweichen.

Bild des Benutzers Albert Hahn

SRG SSR

Für mich lieber Herr Anton Schaller, ist das alles etwas zu sehr für Insider dieser Branche geschrieben. Ich für mich und uns würde mir sehr wünschen, endlich einen Generaldirektor  von SRG SSR zu sehen, der für das Handwerk, die Industrie und die arbeitende Schweiz eintritt und diese nicht tod redet, wie seinerzeit und jetzt wieder die UBS. 

Bild des Benutzers erizo

so ist es

So viel als ich als Laie beurteilen kann,bastelt die SRG zur Zeit nur an einem neuen Logo.Zur der Verlustrechnung werden die 7 Millionen nicht so gross ins Gewicht fallen.Sollte es wirklich –Neuerungen- in Zukunft geben werden hiervon ganz bestimmt wieder Einige davon profitieren,nur der Zwangsgebührenzahlender wird ausser höheren Gebühren nicht davon merken.Also nicht klagen sondern brav die Gebühren bezahlen.