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Frankenland ist nicht Euroland

Frankenland ist nicht Euroland

Ein gigantischer Kampf - und wir sind auf die Tribüne verbannt.

 

Ein gigantischer Kampf: ein Kampf zwischen den Staaten und der Finanzindustrie, den Finanzgurus. Und wir? Wir sind auf die Tribüne verbannt.

Es ist schier unheimlich. Ich versuche mich klug zu machen. Ich lese und lese, die internationale Presse überflutet meinen Schreibtisch. Ich versuche draus zu kommen, in einer Welt, die keiner mehr zu verstehen scheint. Eines ist mir schmerzlich bewusst geworden: Die Hintergründe zur Euro-Krise sind nicht nachzulesen in klugen Büchern, die Krise läuft jetzt ab, passiert jetzt vor unseren Augen. Niemand hat sie bis jetzt anhand von klaren Fakten, von historischen Bezügen analysieren können. Alle spekulieren: Wissenschaftler, kluge Ökonomen aus aller Welt, gestandene Experten, so auch der Chef der Deutschen Bank, unser aller Josef Ackermann aus Mels im Kanton St. Gallen. Er versuchte in der ZDF-Sendung „Berlin Mitte“ zu erklären, was jetzt Sache ist, wie es um den Euro steht. Griechenland sei sehr wahrscheinlich nicht in der Lage, die Kredite je zurückzuzahlen. Die Politikwelt und die deutschen Medien, sonst immer auf Hintergründe, auf Wahrheiten aus, reagierten ungehalten: Er sollte lieber schweigen, ist der kritische Tenor der Reaktionen auf Ackermanns Offenbarung. Sehr wahrscheinlich hat er aus seinem Herzen, vielleicht aus seinem auch begrenzten Wissen, keine Mördergrube gemacht und schlicht das gesagt, was er ahnt. Nicht abgewogen, nicht auf eine Wählerschicht ausgerichtet, wie das seine vehementeste Kritikerin, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, es immer tut. Statt schnell und zielgerichtet zu agieren, hat sie ängstlich auf die Wahlen in Nordrhein-Westfalen geachtet, gezögert und dabei massiv bei den Wahlen, aber auch an Ansehen verloren.

Die Finanzwelt nimmt nie Rücksicht, weder auf die Zeit, noch auf Wähler, sie hat nur eines vor Augen: aus Geld noch mehr Geld zu machen.

In allen Blättern dieser Welt wird die Geschichte immer wieder nacherzählt, dass sich die mächtigsten Hedge-Fonds-Manager am 8. Februar dieses Jahres in Manhattan zu einem privaten Nachtessen getroffen und dabei eines gemeinsam erkannt hätten: Der Euro beginne zu schwächeln, er könnte bald wieder zur Parität zum Dollar kommen. Das klamme Griechenland sei in dieser Geschichte nur ein Dominostein. Das Land sei in der Bredouille, habe im Schoss der EU weit über seine Verhältnisse gelebt, habe sich, weil Euroland, ungeniert billiges Geld gepumpt, könne sich jetzt aber bald selbst dieser tiefen Zinsen nicht mehr bedienen. Also nix wie los, das Opfer war gefunden. Die Herren begannen, gegen den Euro zu wetten. Man höre und staune. Der Finanzweltmarkt ist zu einem Wettbüro verkommen.

Der Kampf war also eröffnet. Hier die Finanzindustrie, die immer und jederzeit ungeniert zulangt, da die Euro-Länder, die am letzten Wochenende alles in ihrer Macht taten, ihre Währung zu retten. Es ging gut, zumindest vorerst: Die Börsen reagierten am letzten Montag auf das 750 Mia. EUR schwere Rettungspaket überraschend positiv, der SMI beispielsweise legte 4,5 Prozent zu, doch Ende der vergangenen Woche hat er wieder markant verloren. Der Kampf ist noch nicht ausgestanden.

Auf der einen Seite die Herren Finanzjongleure, die den Markt zu steuern wissen, die nichts anderes im Kopf haben als Milliardengewinne. Auf der anderen Seite die Politiker, die Regierenden, die den Menschen verpflichtet sind, die zu garantieren haben, dass ihre Nationen, die Gemeinschaften, denen sie vorstehen, in Frieden und noch in Wohlstand leben können. Die darauf angewiesen sind, dass das Friedensprojekt EU überlebt, dass Solidarität untereinander kein Fremdwort bleibt, sondern mit Inhalt gefüllt, mit einer gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftspolitik zukunftsorientiert ausgestattet wird.

Welche Möglichkeiten bleiben den Bürgern, den Staatsbürgern. Sind sie nur auf die Tribüne verbannt? Bleibt den Griechen nur die Strasse, oder wäre es doch besser, sie würden arbeiten, statt am Staat zu hängen? Was bleibt den Deutschen, als den Regierenden bei den Wahlen jeweils einen Denkzettel zu verpassen. Was bleibt den Portugiesen, den Spaniern? Ihnen werden Sparpakte verpasst. Den Italienern? Sie vertrauen noch auf Berlusconi. Er wird es schon noch richten?

Und wir Schweizer? Uns fliesst Geld in noch unbekannter Grösse zu. Der Franken wird stärker und stärker. Die Nationalbank interveniert, kauft Euros in Milliardenhöhe. Die Frankenstärke wird die Exporte erschweren, die Ferien für die Europäer in unserm Land verteuern. Ganz ungeschoren kommen wir also nicht davon. Doch die Schweiz, die Insel der Glückseligen in Europa, wackelt deswegen nicht. Im Gegenteil: Frankenland ist nicht Euroland.
 

Übrigens: Das ominöse Treffen am 8. Februar 2010 in Manhattan fand für die einen Zeitungen und Magazine in einem Restaurant statt, für andere in einer privaten Wohnung.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Peter Fuchs

Leerverkäufe

Lieber Albert

Dieter Schupp hat in seiner Kolumne einmal ein ganz hübsches Beispiel erzählt, was es mit solchen Finanztransaktionen an sich hat.

Siehe hier: http://www.seniorweb.ch/type/magazine-column/2010-04-21-die-sache-mit-de...

Peter

Gott gebe allen, die mich kennen, doppelt so viel wie sie mir gönnen...

Bild des Benutzers Albert Hahn

Staatsbankrotte im Euroland

So weit, so gut Herr Schaller, das alles leuchtete mir noch in etwa ein oder so. Interessieren würde mich und uns jetzt aber noch, wie denn diese Hedgefonds-Finanzjongleure an einem eventuellen Staatsbankrott von beispielsweise Griechenland (aber auch Portugal oder Spanien) denn verdienen könnten, wie dies die Presse in letzter Zeit kolportierte? Wurden damit tatsächlich Wetten abgeschlossen, oder wie sollte das funktionieren? Darüber habe ich schon einige Versionen gelesen, die mich aber allesamt nicht befriedigten. Könnten Sie darüber etwas Konkretes (und auch Plausibles) sagen? Besten Dank im Voraus und freundlichen Gruss.

Bild des Benutzers Anton Schaller

Lieber Kollege Hahn

Ich bin zurzeit in Italien und nicht immer online. Deshalb die verspätete Reaktion.

Zu Ihrer Frage: Wetten Finanzmanager gegen einen Finanzwert, so gehört zu ihren Praktiken insbesondere der Leerverkauf, bei dem sie sich Papiere leihen, diese veräusserten und darauf wetten, also spekulieren, sie zu einem niedrigen Kurs wieder kaufen und an der Verleiher zurückgeben zu können. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis ist ihr Gewinn. Im April waren an den internationalen Finanzmärkten massive Leerverkäufe zu beobachten. Dabei verkauften Hedge-Fonds-Manager auf späteren Termin geliehene Anleihen europäischer Saaten, die sie gar nicht besassen. Zum Fälligkeitstermin würden sie diese viel billiger beschaffen können und den dabei erzielten Gewinn einstecken können. Die amerikanischen Rating-Agenturen haben dabei eilfertig mitgeholfen, in dem sie die Bonität der Staaten in der Zwischenzeit herunterstuften.

Es rächte sich, dass dieses so genannte Wetten mit Leerverkäufen nach der Finanzkrise im Jahre 2008, die wesentlich zum Zusammenbruch der Bank Lehmann Brothers beigetragen haben, nicht verboten wurden, obwohl dies viele kritische Geister resolut forderten und fordern. Wie ich heute vernommen habe, hat die deutsche Regierung seit Dienstagnacht dieser Woche solche Leerverkäufe zum Teil zumindest untersagt.

Anton Schaller

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